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Sebastian Draguhn (HTC SW Neuss) beendet großartige Hockey-Karriere.

Hockey : Ein Großer des Neusser Sports sagt Tschüss

Sebastian Draguhn hat fertig. Nach 20 Jahren in der Bundesliga beendet der seit dem 12. Januar 37-Jährige seine großartige Hockey-Karriere beim HTC SW Neuss. In ihm verliert der Rhein-Kreis eine seiner herausragenden Sportpersönlichkeiten.

„Et reicht!“ sagt Sebastian Draguhn am Ende der von Teammanager Stephan Busse initiierten Telefonkonferenz. Am Abend zuvor hatte sich der Stürmer per Videocall schon von der Mannschaft verabschiedet. Ein Abgang in aller Stille, Corona lässt grüßen. Von wegen! So nicht, Basti! Denn hier geht ein ganz Großer des Neusser Sports. „Solch eine Karriere findest du in 50 Jahren nicht mehr“, fasst Busse die Bedeutung dieses Augenblicks in Worte.

Sofort ins Auge stechen natürlich die außerordentlichen Erfolge: Weltmeister 2006 in Mönchengladbach, Gold auch bei der Hallen-WM 2007 in Wien mit sieben Toren, der Triumph bei der Champions Trophy in Kuala Lumpur (Malaysia) im selben Jahr. Insgesamt 43 Treffer in 117 Länderspielen für Deutschland auf dem Feld und in der Halle. Dazu zwei Final-Four-Teilnahmen mit Schwarz-Weiß: 2007 DM-Dritter in Mönchengladbach, 2008 Hallen-Vizemeister in Hamburg.

 Esther Draguhn, selbst sechsmalige Deutsche Meisterin im Taekwondo, vor dem am Klubhaus des HTC SW Neuss hängenden Bild ihres Mannes mit dem WM-Pokal. „Dass ich aufhöre, macht sie fast trauriger als mich“, sagt Sebastian Draguhn lachend.   Foto: S. Draguhn
Esther Draguhn, selbst sechsmalige Deutsche Meisterin im Taekwondo, vor dem am Klubhaus des HTC SW Neuss hängenden Bild ihres Mannes mit dem WM-Pokal. „Dass ich aufhöre, macht sie fast trauriger als mich“, sagt Sebastian Draguhn lachend. Foto: S. Draguhn Foto: Draguhn

Doch es sind nicht die Titel und die persönlichen Auszeichnungen, die ihn zu etwas Besonderen machen. Trotz ausgesprochen verlockender Angebote, auch aus dem Ausland, hielt der „Nüsser Jung“ seiner Heimatstadt und seinem Verein stets die Treue. „Der HTC ist in meinem Herzen – und das wird auch immer so bleiben“, sagt er. Kein Spruch aus dem Werbekatalog, sondern ein Bekenntnis aus tiefster Seele. Dass er dafür sogar auf die Chance verzichtete, in Köln, Krefeld oder Hamburg mal Deutscher Meister zu werden, sagt eigentlich alles über den Menschen Sebastian Draguhn aus.

 Krasse Körperspannung: Der stolze Papa mit Tochter Marisa auf dem Kunstrasenplatz des HTC SW Neuss an der Jahnstraße.
Krasse Körperspannung: Der stolze Papa mit Tochter Marisa auf dem Kunstrasenplatz des HTC SW Neuss an der Jahnstraße. Foto: Draguhn

Und er betont: „Ich fühle mich alles andere als unvollendet.“ Sicher, dass ihn Bundestrainer Markus Weise nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Philip Witte quasi in letzter Sekunde aus dem Kader für die später mit der Goldmedaille abgeschlossenen Olympischen Spiele 2008 in Peking strich, sei „damals schon ein hartes Stück Brot“ gewesen, „aber so ist das halt im Mannschaftssport.“ Und genau dieses unvergleichliche Erlebnis, in der Gemeinschaft seinem Lieblingssport nachzugehen, werde er am meisten vermissen, weiß er schon jetzt. Dass ihm seine mittlerweile um einiges jüngeren Teamkollegen im Abschieds-Zoom-Call eine Vorbildrolle bescheinigten, hat ihn emotional berührt. „Das macht mich total stolz.“

 Philippa im eigenen „Draguhn“-Dress beim Training der Minis.
Philippa im eigenen „Draguhn“-Dress beim Training der Minis. Foto: Draguhn

Trotzdem reifte in ihm während der durch die coronabedingte Absage der Hallensaison überlangen Winterpause der Entschluss, tatsächlich abzutreten. Und zwar aus drei Gründen. Der wichtigste: Am Montag tritt der Jurist nach sieben Jahren in der Rechtsabteilung des US-Bekleidungskonzerns Phillips-Van Heusen (PVH), zu dem unter anderem die Modeunternehmen Tommy Hilfiger und Calvin Klein gehören, ebenfalls in Düsseldorf einen neuen Job an. Mit noch mehr Verantwortung, aber auch der Ungewissheit, ob sich Arbeit und Bundesliga-Hockey weiter verbinden lassen. Ein Kraftakt: „Ich war nach dem Training teilweise erst um zwölf Uhr in der Nacht zu Hause – und morgens um 8 Uhr saß ich in einem Video-Call.“ Noch belastender seien die Wochenenden mit Doppelspieltagen gewesen. „Da habe ich mich morgens gefühlt, als wäre ich vor einen Bus gelaufen.“

Perfekt sei der Zeitpunkt aber auch, weil mit dem auf dem Feld sogar für die Aufstiegsrunde qualifizierten HTC der anvisierte Generationswechsel vollzogen sei. „Es war immer unser Ziel, eine junge Mannschaft aufzubauen, die es drauf hat, Bundesliga zu spielen.“ Und er stellt klar: „Wenn wir in die Abstiegsrunde gerutscht wären, hätte ich mich vielleicht anders entschieden.“ Wichtig ist ihm auch, „dass ich in einigermaßen guter Erinnerung bleibe. Keiner soll sagen, ‘der alte Sack hätte besser längst aufgehört’.“ Mission erfüllt: Das Zaubertor im vorletzten Heimspiel seiner Laufbahn zum 2:0 gegen SW Köln zeigte noch einmal deutlich, welch grandioser Spieler nun seinen Hut nimmt.

Doch ganz weg ist Draguhn selbstverständlich nicht. Er bleibt dem HTC als bald deutlich aktiverer Akteur der Tennis-Medenmannschaft erhalten. Klubmitgliedern durch ehrenamtliche Arbeit, die in der Vergangenheit selbst erfahrenen Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen, steht ebenfalls auf seiner Agenda. „Prio hat der Job, aber der Idee, in Zukunft hier eine Aufgabe zu übernehmen, stehe ich sehr aufgeschlossen gegenüber.“ Die Rückkehr aufs Hockeyfeld schließt er dagegen aus, wenngleich er sich für die Hallenrunde „ein Mini-Hintertürchen“ offenhält. Aber vielleicht übernimmt ja schon bald der eigene Nachwuchs: Töchterchen Philippa wird im März fünf, ihre Schwester Marisa ist drei. „Sie hat sehr gute Anlagen“, hat der aufmerksame Papa längst erkannt, „und eine ganz krasse Körperspannung.“ Na dann ...