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Schwere Zeiten für die Crosslauf-Szene im Rhein-Kreis Neuss

Absagen im Rhein-Kreis Neuss : Schwere Zeiten für die Crosslauf-Szene

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen setzen dem Sport hart zu. Einige Disziplinen drohen aus dem öffentlichen Bewusstsein und damit von der sportlichen Landkarte der Republik zu verschwinden. Der Crosslauf, einst liebste Winterbeschäftigung vieler Laufbegeisterten, ist eine davon.

Im vergangenen Jahr gab es im Rhein-Kreis nur drei „echte“ Laufveranstaltungen: den 27. Dreikönigen-Crosslauf des TV Jahn Kapellen, den 24. Crosslauf des FC Straberg im Januar und den 27. Energie-Cross der SG Neukirchen-Hülchrath am 15. Februar. Der stattliche Rest fiel den Corona-Schutzverordnungen zum Opfer – wann wieder Wettkämpfe auf Straßen und Waldwegen möglich sein werden, weiß derzeit niemand. Innerhalb der „Cross-Saison“ gewiss nicht. Die wäre am Sonntag (10. Januar) mit dem Dreikönigen-Crosslauf gestartet. Abgesagt wurde der älteste Crosslauf im Rhein-Kreis – seine frostige Premiere feierte er am 7. Januar 1979 – bereits im November. Und ob er und die anderen Cross-Events im Winter 2022 nach dann zweijähriger Unterbrechung noch einmal Fahrt aufnehmen, steht in den Sternen. Eine Disziplin, einstmals die liebste Winterbeschäftigung vieler Laufbegeisterter, ist vom Aussterben bedroht.

Gut geht es dem Crosslauf in Deutschland schon seit Jahren nicht mehr. Die Zahl der Veranstaltungen ist ebenso rückläufig wie die der Teilnehmer (auch wenn Kapellen, Straberg und Neukirchen im vergangenen Jahr wieder eine leichte Aufwärtstendenz zu verzeichnen hatten). Wer beim Laufen den „Spaß“ in den Vordergrund stellt, wird den bei Minusgraden, im Nieselregen und oft knöcheltiefem Matsch nur schwerlich finden. Versuche, die „Events“ durch die Einführung von Cross-Sprints oder Staffelläufen aufzuhübschen und dem läuferischen Zeitgeist anzupassen, haben wenig gefruchtet. Was auch damit zu tun hat, dass selbst ambitionierte Läuferinnen und Läufer heutzutage nur noch selten ein Paar Spikes im Schuhschrank haben. Die aber sind im echten Crossgeläuf unabdingbar – und helfen selbst dort nicht immer weiter, wie der Autor bei den Deutschen Crosslauf-Meisterschaften 1987 am eigenen Leibe erfuhr, als ihm der Schuh im Matsch der Bad Harzburger Galopprennbahn stecken blieb und unrettbar verloren ging …

Dabei sind die positiven (Trainings-)Effekte des Laufens über Stock und Stein für Kondition und Koordination nach wie vor unbestritten. Dennoch war der Mitte der siebziger Jahre aus dem guten, alten Waldlauf hervorgegangene Crosslauf in Deutschland nie so populär wie in Belgien, den Niederlanden, Großbritannien oder auch in Portugal, wo Crossläufe oft zu wahren Volksfesten mit Tausenden von Teilnehmern und noch mehr Zuschauern heranwuchsen. Deutschland tat sich schwer, obwohl bereits 1977 die Crosslauf-Weltmeisterschaften auf der Galopprennbahn in Düsseldorf-Grafenberg ausgetragen wurden – und der Bonner Detlef Uhlemann dort Bronze auf der Langstrecke gewann. Drei Jahre später in Paris-Longchamp toppte dann Hans-Jürgen „Sehne“ Orthmann das Ergebnis, als er sich nach 12,58 Kilometern dem US-Amerikaner Craig Virgin nur um eine Sekunde geschlagen gaben musste.

Volker Koch beim Rennbahn-Cross im Jahr 1981. Foto: Gustav Schröder

Die Pioniere Zu den Zeiten der internationalen Großereignisse hatte sich das Crosslaufen im Rhein-Kreis bereits etabliert. Der 7. Januar 1979 war ein bitterkalter Sonntag, das Thermometer zeigte minus zwölf Grad, als der Dreikönigen-Crosslauf im Kapellener Erftstadion seine Premiere feierte. Trotz Eis und Schnee waren rund 200 Teilnehmer gekommen, als erster Sieger überhaupt lief über die 3488 Meter lange Männer-Mittelstrecke ein gewisser Volker Koch vom TSV Bayer Dormagen durchs Ziel. Und bei den Schülerinnen A trug sich nach 7:45 Minuten für die 1911 Meter Heidi Czarnietzki (LG Pfeifer&Langen Ameln) in die Siegerliste ein, die später als Heidi Hößel die organisatorische Leitung des Dreikönigen-Crosslaufs übernahm. Bei der Premiere taten das Raimund Röhricht und Götz Bangert, selbst aktive Langstreckler im Trikot des TV Jahn.

Doch sie waren nicht die ersten, die sich im Rhein-Kreis an einem Crosslauf versuchten. Dieses Verdienst gebührt Adi Rosenbaum, dem Trainer und „Crosslauf-Papst“ der einstigen Langstreckler-Hochburg DJK Gnadental, der bereits Mitte der siebziger Jahre und dann noch einmal 1981 einen Internationalen Crosslauf auf der Neusser Galopprennbahn veranstaltete.

„Crosslauf-Papst“ Adi Rosenbaum (r.) beim Cross in Neukirchen im Gespräch mit Bundestrainer Detlef Uhlemann. Foto: Reuter, Michael (mreu)

Die Höhepunkte Der Lauf 1981 war die Generalprobe für die Deutschen Cross-Meisterschaften, die am 27. Februar 1982 unter der Schirmherrschaft des damaligen Oberbürgermeisters Herbert Karrenberg auf dem Areal am Hessentor ausgetragen wurden. In Ralf Salzmann, Christoph Herle und Hans-Jürgen Orthmann belegten die damals führenden deutschen Langstreckler die Medaillenränge auf der Langstrecke, Thomas Wessinghage wurde Zweiter auf der Mittelstrecke, bei den Frauen siegten Charlotte Teske und Brigitte Kraus. Und bei der weiblichen Jugend A gewann eine gewisse Petra Sander den Titel, die als Petra Maak – ihr späterer Ehemann Ralf Maak wurde übrigens beim ersten Dreikönigen-Crosslauf Sieger der männlichen Jugend B – über Jahrzehnte ein starkes Stück Sportgeschichte des Rhein-Kreises schrieb und immer noch schreibt.

Ein Jahrzehnt später gehörte sie zum Organisationsteam der Asics Cross-Challenge, die zwischen 1994 und 2002, wiederum auf der Neusser Galopprennbahn, zum größten und bestbesetzten deutschen Crosslauf wurde. So unterschiedliche Protagonisten wie Dieter Baumann, Joey und Maite Kelly lockten bis zu 5000 Zuschauer an. Und Triathlon-Star Thomas Hellriegel brachte nach seinen kräftezehrenden Runden durch den Innenraum und übers Sandgeläuf die Sache mit den Cross-Läufen auf den Punkt: „Es genügt, wenn man manche Erfahrungen nur ein Mal im Leben macht….“

Die Erfolge Doch der Rhein-Kreis war in Sachen Crosslauf nicht nur organisatorisch Spitze, sondern auch, was die Erfolge seiner Läuferinnen und Läufer im Matschgeläuf anbetraf. Zwischen 1984, als der TSV Bayer Dormagen in der Besetzung Bernd Rangen, Martin Grüning und Bernd Kofferschläger bei der DM in Waiblingen Platz zwei in der Mannschaftswertung belegte, und 2001, als der ASC Rosellen mit Steffi Buss, Ute Jenke und Bettina Schmidt in Regensburg den Titel auf der Frauen-Langstrecke gewann, verging kaum ein Jahr, in dem nicht mindestens eine (Team-)Medaille bei Deutschen Crossmeisterschaften gewonnen wurde. 1995 in Wetter an der Ruhr holte sich der TSV Bayer Dormagen mit Thorsten Naumann, Frank Schnabel und Roland Emmerich den Titel auf der Langstrecke, im Einzel ragen die dritten Plätze von Melanie Klein-Arndt (TSV Bayer Dormagen, ASC Rosellen) 2000 und 2001 auf der Mittel- sowie durch Petra Maak und Tanja Kalinowski (beide ASC Rosellen) 1996 und 1997 auf der Langstrecke heraus.

Nicht zu vergessen die Teilnahmen an den Cross-Weltmeisterschaften durch Bernd Rangen (128.) und Martin Grüning (189.) 1984 im New Yorker Stadtteil East Rutherford und Thorsten Naumann (156.) 1996 im südafrikanischen Stellenbosch. Bernd Rangen war nach den 12,086 Kilometern auf dem Meadowland Racetrack nur knapp zwei Minuten langsamer als der Sieger, die portugiesische Lauf-Legende Carlos Lopez. Thorsten Naumann gelang noch zwei Mal der Sprung ins deutsche Aufgebot für die Crosslauf-Europameisterschaften, 1995 im englischen Alnwick und ein Jahr später im belgischen Charleroi belegte der Wahl-Dormagener jeweils Rang 40. In Alnwick durfte auch Petra Maak als 64. mit dem Adler auf dem Trikot durch den Matsch laufen.

Die Aussichten Laufen im Matsch tun inzwischen immer weniger, in der Spitze wie in der Breite. Die Corona-Pandemie und der Lockdown des Sports werden diesen Trend eher noch verstärken. Die bittere Ironie daran: Crosslaufen ist ein gutes Mittel zur Stärkung des Immunsystems.