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Grünes Licht für den Renntag: Schaufeln im Akkord

Grünes Licht für den Renntag : Schaufeln im Akkord

Nur weil seit Freitag pausenlos an der Sandbahn gearbeitet wird, gab die Rennbahnprüfungskommission am Montag im zweiten Anlauf grünes Licht für den für Sonntag geplanten Renntag zur Wiedereröffnung der Neusser Galopprennbahn. Dem Rennverein entstehen 40 000 Euro zusätzliche Kosten.

Richard Hesse heißt der Hoffnungsträger des deutschen Galopprennsports. Zumindest in dieser Woche. Denn bis zum Sonntag soll die Neusser Galopprennbahn in einen Zustand gebracht werden, der unfall- und problemfreie Rennen ermöglicht. Schließlich steht an diesem Tag die Wiedereröffnung der neben Dortmund-Wambel einzigen deutschen Rennbahn, auf der Winterrennen ausgetragen werden können, auf dem Programm.

Es kann den Neusser Reiter- und Rennverein vor der Blamager retten: Richard Hesse. Schachtleiter der Konrad Fritzsche GmbH, war schon beim Bau der Sandbahn vor 15 Jahren dabei. Jetzt leitet er die Reperaturarbeiten des beschädigten Geläufs, für die schweres Gerät und Fingerspitzengefühl gefragt sind. Foto: NGZ-Online

Richard Hesse wird bis dahin alle Hände voll zu tun haben. Der 58-Jährige, dessen ebenfalls in Neuss aufgewachsener Halbbruder Heinz in Frankfurt am Main edle Vollblüter trainiert, ist Schachtleiter bei der Konrad Fritzsche GmbH. Das Tiefbauunternehmen mit Sitz am Neusser Blindeisenweg hat vor 15 Jahren die Sandbahn auf dem Gelände am Hessentor gebaut. Jetzt soll es dafür sorgen, dass die feierliche Eröffnung tatsächlich am Sonntag über die Bühne gehen kann.

Richard Hesse strahlt Zuversicht aus. Am Donnerstagabend, die Rennbahnprüfungskommission des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen hatte gerade ihr vernichtendes Urteil über den Zustand der Neusser Bahn gefällt (die NGZ berichtete), ereilte ihn der Auftrag. Am Freitagmorgen verschaffte er sich einen Überblick. Was er sah, gefiel ihm genau so wenig wie den Kommissionsmitgliedern. "Das war das Schlimmste, was ich jemals auf einer Galopprennbahn gesehen habe", sagt Filip Minarik.

Der gebürtige Tscheche vertritt in der Prüfungskommission die Interessen der Jockeys. Der 34-Jährige, derzeit beim Stall Asterblüte in Köln unter Vertrag, ist immer noch skeptisch: "Es ist nur schwer vorstellbar, dass die das bis Sonntag hinkriegen." Henk Grewe (26), sein Berufskollege aus Krefeld, sieht's ähnlich: "Es bleiben ja nur noch fünf Tage." Doch die Zuversicht von Richard Hesse wirkt ansteckend. So ansteckend, dass Harald Siemen nach dem zweistündigen Ortstermin am Montagmittag erst einmal grünes Licht für den Eröffnungsrenntag gibt: "Wenn die Arbeiten weiter so voranschreiten, sollte das Geläuf am Sonntag in einem Zustand sein, der es erlaubt, Rennen darauf auszurichten." Das Urteil von Harald Siemen hat Gewicht. Schließlich ist der Kölner Sicherheitsbeauftragter des Galopperdachverbandes. Sagt er Nein, bleiben die Türen der Startmaschine geschlossen. Dass er mit Blick auf Sonntag erst einmal "Ja" gesagt hat, überrascht ihn wohl selbst: "Am Donnerstag konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, hier Rennen zu veranstalten."

Dass er das nun anders sieht, hat viel mit Richard Hesses Zuversicht zu tun. Aber noch mehr mit dessen Arbeit. "Wie so oft ist es gut, Fachleute 'ran zu lassen", sagt Siemen. Letztlich überzeugt hat ihn ein Blick auf die Nordkurve der Bahn, dort, wo die Hammer Landstraße in die Langemarckstraße übergeht: "Das war am Donnerstag ein ganz neuralgischer Punkt", sagt Siemen, "den habe ich heute kaum wiedererkannt." Jetzt hofft er, dass Richard Hesse und Kollegen den Rest der Bahn bis Sonntag einer ähnlichen Verwandlung unterziehen.

Dabei ist Richard Hesse kein Zauberer. Er besitzt gegenüber allen anderen Beteiligten nur einen entscheidenden Vorteil: Er kennt die Bahn aus dem Eff-eff. Er weiß, wie es im Untergrund aussieht: 30 Zentimeter Kies, darüber 15 Zentimeter Kalksandstein. Auf dieser Tragschicht, sagt Hesse, sollten eigentlich acht bis zehn Zentimeter Sand liegen. An manchen Stellen, hat er nachgemessen, ist die Sandschicht mittlerweile 50 Zentimeter dick. "Überall wo Löcher waren, ist hier in den letzten Jahren mit Sand aufgefüllt worden. Der pappt zusammen, der komprimiert und verdickt." Und dann entsteht eine Pampe, aus der kein Wasser mehr abfließen kann. Schon gar nicht, wenn das eingebaute Quergefälle von zwei Prozent aufgrund der Aufschüttungen nicht mehr vorhanden ist.

Erschwerend kam hinzu, dass die am Innenrand des Geläufs eingebaute Drainageschicht von Gras und Lehmboden bedeckt war. "Die haben wir erst mal abgetragen, damit das Wasser abfließen konnte", erläutert Hesse. Danach konnte mit schwerem Gerät begonnen werden, das Geläuf zu lockern und anschließend zu planieren, damit es keine Unebenheiten mehr aufweist. "Nur dann können wir unsere Pferde gefahrlos laufen lassen", sagt Erika Mäder, die Vorsitzende der Trainervereinigung.

Die Krefelderin wundert sich, "dass wir nicht früher über die Zustände auf der Bahn informiert worden sind." Das um so mehr, als Jan Antony Vogel zugibt, dass "die Schäden nicht im Jahr des Umbaus" passiert seien. "Das sind Versäumnisse der vergangenen fünf, sechs Jahre", sagt der Präsident des Neusser Reiter- und Rennvereins. Der ist zwar nur Mieter der Anlage, die der Stadt gehört, aber laut Vogel für den Zustand von Geläuf und Gebäuden verantwortlich. 40 000 Euro, schätzt Geschäftsführer Dr. Bernd Koenemann, werden die Instandsetzungsarbeiten an der Sandbahn verschlingen, wohlwissend, dass damit keine Dauerlösung geschaffen wird: "Die gibt es nur mit einem komplett neuen Belag." Wo das Geld herkommt, weiß er noch nicht. Doch verglichen mit dem Imageschaden bei einer Absage dürfte die Summe eher gering sein — Richard Hesse sei Dank.

(RP)