Handball : Die „stärkste Zweite Liga der Welt“ startet

Der TSV Bayer Dormagen bekommt es am Freitag in heimischer Halle gleich mit dem Top-Aufstiegsfavoriten TuS N-Lübbecke zu tun.

Die Experten überbieten sich mit Superlativen. Das Fachblatt „Handballwoche“ betitelt seine Saisonvorschau „die stärkste Zweite Liga der Welt“. Für die Konkurrenz von „Handball Inside“ ist es „die Mammut-Liga“, die am Wochenende den Spielbetrieb aufnimmt: „Das Unterhaus beeindruckt mit klangvollen Namen, großer Tradition und einer höheren Leistungsdichte.“ Und Martin Schwalb, der 1984 in Los Angeles mit Deutschland Olympia-Silber gewann und jetzt als Vize-Präsident des HSV Hamburg die Rückkehr in die Zweite Handball-Bundesliga feiert, stellt mit Blick auf die neue Umgebung fest: „Von den Namen her ungemein attraktiv, spannend und sportlich schwer einzuschätzen.“

Dem ist nicht zu widersprechen. Welches spielerische Niveau die 360 Partien zwischen 24. August 2018 und 8. Juni 2019 letztlich haben werden, ist hingegen vollkommen offen. Denn allzu viel Druck ist bekanntlich eher kontraproduktiv, wenn es um Spielwitz, Tempo und taktische Finessen geht. Und unter Druck stehen (fast) alle 20 Mannschaften in einer Liga, aus der einer (TuS N-Lübbecke) aufsteigen muss, vier weitere (VfL Lübeck-Schwartau, HBW Balingen-Weilstetten, ASV Hamm-Westfalen, HSC Coburg) aufsteigen wollen und mindestens die Hälfte gegen den Abstieg kämpft, der in dieser Saison erst- und einmalig fünf Klubs ereilen wird.

Die Fans dürfte so viel Spannung erfreuen. Ebenso wie die Tatsache, dass sie künftig die Auswärtsspiele „ihres“ Teams live erleben können, ohne sich irgendwelchen Reisestrapazen zu unterziehen. Denn Sportdeutschland.tv überträgt alle Zweitliga-Partien im Internet. Den Auftakt machen am Freitagabend der TSV Bayer Dormagen und TuS N-Lübbecke, TuSEM Essen und die DJK Rimpar Wölfe sowie der TV Großwallstadt und der TuS Ferndorf, deren Partien allesamt um 19.30 Uhr angepfiffen werden. „Medial vollzieht unsere Zweite Bundesliga einen gewaltigen Sprung nach vorne,“ sagt dazu Uwe Schwenker, Präsident der Handball-Bundesliga (HBL).

Wie immer gibt es einen Haken bei der Sache: Denn jeder Klub muss die Übertragung „garantieren, selbst produzieren und auch den Kommentator stellen,“ der überdies fachkundig und neutral zu sein hat, wie HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann erläutert. Und das für die Übertragung notwendige Equipment vorfinanzieren, in der Hoffnung, die Gelder durch zusätzliche Werbeeinnahmen wieder einzuspielen. Trotzdem, sagt Bohmann, sei der Vertrag zwischen HBL, Rechteinhaber Sky und der DOSB New Media, die Eigentümerin des Online-Sportsenders ist, bei den 20 Liga-Mitgliedern auf breite Zustimmung gestoßen. Auch bei Björn Barthel. „Für unsere Weiterentwicklung ist das positiv,“ sagt der Handball-Geschäftsführer des TSV Bayer Dormagen, der in seine insgesamt elfte Zweitliga-Spielzeit geht (außerdem 16 Jahre in der Ersten Liga).

Die Dormagener, Europapokal- und DHB-Pokalfinalist von 1993, tragen einen der „klangvollen Namen“ in einer Liga, in der in TuSEM Essen (3x), TV Großwallstadt (7x) und HSV Hamburg (1x) gleich drei ehemalige Deutsche Meister und Europapokalsieger vertreten sind, dazu in der HSG Nordhorn-Lingen und dem TuS N-Lübbecke zwei weitere Vereine, die einst den Europapokal gewannen. Immerhin 13 der 20 Klubs waren schon in der Ersten Liga am Ball. Was Sie sonst noch über die „stärkste Zweite Liga der Welt“ wissen müssen.

Der Modus


Meister und Vizemeister steigen auf, die Klubs auf den Plätzen 16 bis 20 steigen in die Dritte Liga ab. Da nur zwei Erstligisten ab- und drei Drittligisten aufsteigen, führt das zu einer Reduzierung der Liga auf 18 Klubs. In der folgenden Saison steigen dann zwei Klubs direkt ab, der Drittletzte bestreitet ein Relegationsspiel.
Die Aufsteiger


Fast alle haben den TuS N-Lübbecke zum Top-Favoriten auf den Aufstieg erklärt. Eine Rolle, gegen sich der Erstliga-Absteiger auch nicht wehrt. „Der Kader ist so gut, dass wir auch nicht herumreden wollen. Unser klares Ziel ist der Aufstieg“, sagt Trainer Aaron Ziercke. Und Geschäftsführer Torsten Appel „will und kann sich vor einer Favoritenrolle nicht wegducken, weil wir mit demselben Kader auch in der Bundesliga angetreten wären.“ Schärfste Rivalen dürften Ex-Erstligist HBW Balingen-Weilstetten, der letztjährige Tabellendritte VfL Lübeck-Schwartau, der sich selbst zum Aufstiegsanwärter erklärende ASV Hamm-Westfalen und der HSC Coburg sein. Welche Rolle der andere Erstliga-Absteiger TV Hüttenberg spielt, bleibt nach dem Aderlass von neun Spielern offen.

Die Absteiger


Die halbe Liga spielt gegen den Abstieg, glaubt zumindest Ulli Kriebel und sieht sein Team als eines davon an. „Zehn Mannschaften können sich alle untereinander schlagen, um gegen eine der anderen zu gewinnen, muss bei jedem Team schon alles passen,“ sagt der Trainer des TSV Bayer Dormagen. Als direkte Konkurrenten hat er naturgemäß die Mit-Aufsteiger TuS Ferndorf, TV Großwallstadt und HSV Hamburg ausgemacht, dazu jene Klubs, die bereits in der vergangenen Saison um den Klassenerhalt kämpften wie EHV Aue, Eintracht Hagen, Dessau-Roßlauer HV und Wilhelmshavener HV. Eher in Richtung Mittelfeld sieht er den TV Emsdetten, den HC Elbflorenz und die Rhein Vikings tendieren. „Vom Kader her haben die das Zeug für einen einstelligen Tabellenplatz,“ sagt Kriebel über den Lokalrivalen, auf den die Dormagener erst am letzten Spieltag (21. Dezember, 8. Juni) treffen. Für dessen Trainer Ceven Klatt steht in einer Liga, „die insgesamt noch stärker und ausgeglichener geworden ist“, und angesichts einer Vorbereitung voller wechselhafter Ergebnisse erst einmal der Klassenerhalt im Vordergrund: „Mit den Spielen in Wilhelmshaven, zu Hause gegen Coburg und in Emsdetten haben wir ein heißes Auftaktprogramm. Wir müssen auf den Punkt da sein.“ Das des TSV Bayer Dormagen mit den Partien gegen Lübbecke, in Aue und beim TV Hüttenberg dürfte kaum leichter sein. Einen Fehlstart kann sich ohnehin keiner leisten, denn 30 Punkte dürften das Minimum sein, um am Ende den „sicheren“ 15. Tabellenplatz zu belegen. „Um das zu schaffen, reicht es nicht, nur seine Heimspiele zu gewinnen,“ hat Kriebel ausgerechnet – und nicht nur er.

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