1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis
  4. Sport im Rhein-Kreis

Säbelfechter Max Hartung über die Aussichten auf Olympische Spiele 2021

Olympische Spiele : Zwischen Zweifel und Zuversicht

Vor den Partnern für Sport und Bildung gab Max Hartung jetzt Einblick in die Seelenwelt eines Athleten, der auf Olympische Spiele hofft – und gleichzeitig daran zweifelt, ob sie in einem Jahr in Tokio wirklich ausgetragen werden.

Holiday Inn im Neusser Hammfeld statt Olympiastadion in Tokio – für Max Hartung war das Hotel an der Anton-Kux-Straße und die dort tagende Mitgliederversammlung der Partner für Sport und Bildung nur eine Station an diesem Freitag, an dem 9300 Kilometer weiter östlich eigentlich die XXXII. Olympischen Sommerspiele hätten beginnen sollen.

Der Athletensprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vorsitzende des Vereins „Athleten Deutschland“ war ein gefragter Mann an diesem historischen Tag, an dem erstmals in Friedenszeiten Olympische Spiele nicht wie geplant eröffnet wurden – das war seit ihrer „Erfindung“ durch Pierre de Coubertin 1894 bislang nur im Ersten (1916) und Zweiten Weltkrieg (1940, 1944) passiert.

 Max Hartung spricht vor der Mitgliederversammlung  der Partner für Sport und Bildung v.l. Erik Lierenfeld, Christoph Buchbender,Linda Stahl, Max Hartung, Juergen Steinmetz und Daniel Müller
Max Hartung spricht vor der Mitgliederversammlung der Partner für Sport und Bildung v.l. Erik Lierenfeld, Christoph Buchbender,Linda Stahl, Max Hartung, Juergen Steinmetz und Daniel Müller Foto: Georg Salzburg (salz)

Ob die Eröffnungsfeier am 23. Juli 2021 nachgeholt wird, weiß niemand. Auch Max Hartung nicht. „Ich wünschte, ich wüsste mehr,“ sagt der Weltranglisten-Zweite im Säbelfechten, der ohne den durch die Corona-Pandemie bedingten, weltweiten Lockdown des Sports als Anwärter auf eine olympische Medaille nach Tokio geflogen wäre – ebenso wie seine Teamkollegen Matyas Szabo, Benedikt Wagner und Richard Hübers, die alle für den TSV Bayer Dormagen auf die Planche steigen.

  • Olympia : Tokio 2021 bleibt das große Ziel
  • Max Hartung.
    Interview: Max Hartung : „Das bedeutet eine Umplanung fast aller Lebensbereiche“
  • Corona, Olympia-Verlegung und die Folgen : „Werden im Sport über Jahre auf Sicht fahren“

Aus dem Medaillenkandidaten ist  ein Athlet zwischen Zuversicht und Zweifel geworden. „Wir trainieren so, als ob die Spiele in einem Jahr stattfinden würden,“ sagt Hartung. Alles andere würde aus psychologischer Hinsicht auch nicht funktionieren. Schließlich ist es schon schwer genug, sich zum täglichen Training zu motivieren, gibt Hartung zu. Was er und die anderen Schützlinge von Bundestrainer Vilmos Szabo zur Zeit machen, nennt der 30-Jährige „Schattenfechten“. Ihre Trainingsumfänge haben die „vier Musketiere“ um ein Drittel reduziert – weniger geht nicht, „denn sonst wird es immer schwerer, wieder rein zu kommen, wenn es denn irgendwann wieder los gehen sollte.“

Der Dormagener, der seit Kindesbeinen auf der Fechtbahn steht, kann sich nicht erinnern, „wann ich schon einmal eine solch lange Zeit ohne Wettkämpfe gehabt habe“ wie seit dem 8. März, als er und seine Teamkollegen beim nach Luxemburg verlegten Weltcup-Turnier quasi auf den letzten Drücker vor dem Lockdown das Mannschaftsticket nach Tokio lösten, was gleichzeitig zwei weitere deutsche Startplätze neben dem ohnehin schon qualifizierten Max Hartung im Einzelwettbwerb bescherte.

„In Luxemburg waren schon keine Zuschauer mehr zugelassen, das war eine gute Vorübung,“ sagt der 30-Jährige mit einem etwas gequält wirkenden Lächeln. Seine Eltern mussten draußen vor der Halle warten. Sie hatten für die vergangene Woche auch einen Flug nach Tokio und Tickets für die Säbelwettkämpfe gebucht. „Sie hoffen natürlich, dass sie die nächstes Jahr noch einsetzen können,“ sagt Max Hartung. So richtig vorstellen kann er sich eine Austragung der Sommerspiele trotzdem nicht. „Im Moment weiß ich nicht, wie das funktionieren soll,“ sagt der 30-Jährige. Dabei denkt er noch nicht einmal an die Zuschauer, die ursprünglich in siebenstelliger Zahl erwartet worden waren.

Wenn, wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Organisatoren vor Ort auf der IOC-Generalversammlung eine Woche vor dem verschobenen Eröffnungstermin bekräftigten, zwischen 23. Juli und 8. August kommenden Jahres alle geplanten Wettbewerbe ausgetragen werden sollen, „sind das allein 11.000 Sportler. Und da kommt mindestens die gleiche Anzahl von Trainern und Betreuern dazu,“ zeigt Hartung die Dimensionen auf. Zusammen mit Offiziellen und Medienvertretern „sprechen wir von 25.000 bis 30.000 Menschen, die sich zweieinhalb Wochen auf engstem Raum aufhalten werden.“

Und das, weiß der Dormagener aus der Erfahrung zweier Olympiateilnahmen 2012 in London, wo er Siebter im Einzel und Fünfter mit der Mannschaft wurde, und vier Jahre später in Rio de Janeiro (10. im Einzel), „in einem olympischen Dorf, das ganz auf ein Miteinander“ angelegt und gebaut sei. „Da gibt es eine Kantine und einen Kraftraum, in dem alle essen und alle trainieren,“ sagt der 30-Jährige. Schließlich sei dieses Miteinander ja das Wesensmerkmal Olympischer Spiele: „Während der Spiele sind wir Fechter oder Ruderer oder Leichtathleten nur in unserem Wettbewerb. Ansonsten sind wir alle Olympiateilnehmer.“

Wie diese Philosophie unter Corona-Schutzbedingungen gelebt werden kann, weiß er nicht. Antworten auf seine Fragen hat der Athletensprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes bislang keine bekommen. „Ich weiß eigentlich auch nicht mehr als jeder andere, der sich aus den Medien informiert,“ sagt Max Hartung. Und wünscht sich in dieser Ausnahmesituation das, was er als „Sprachrohr“ der Athleten immer wieder sagt: „Dass wir Sportlerinnen und Sportler mehr in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden.“ Wobei er einräumt, dass das bei 206 nationalen Olympischen Komitees kein leichter Schritt sei.

Viel Unsicherheit also 360 Tage vor dem Auftakt von „Tokio 2021“. Sicher ist sich Max Hartung nur, „dass in dem geplanten Zeitraum irgendwelche Wettkämpfe stattfinden werden. Ob das Olympische Spiele sind, so wie wir sie kennen, das weiß heute keiner.“