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Säbelfechter Max Hartung auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2020

Fechten : Hoffnungsträger einer ganzen Fechtnation

Es muss schon extrem viel schiefgehen, damit Max Hartung im August nächsten Jahres seine dritten Olympischen Spiele in Folge verpasst. Als Weltranglisten-Dritter hat der Säbelfechter des TSV Bayer Dormagen sein Ticket nach Tokio so gut wie in der Tasche. Ganz im Gegensatz zu Anna Limbach, die nur noch eine Chance zur Qualifikation hat – auf die sie sich akribisch vorbereitet.

Als Max Hartung am Montag in Neuss sein neues Auto abholt, tut er das ganz entspannt und braun gebrannt. Eher ungewöhnlich für einen aus der Zunft der Säbelfechter, die den größten Teil ihrer Zeit in muffigen Sporthallen verbringen, eingemummelt in mehrlagige Schutzanzüge.

Des Rätsels Lösung: Hartung kommt gerade aus dem Trainingslager in Kroatien. Den Säbel hatte der 29-Jährige allerdings nicht im Fluggepäck. Denn eine Woche lang war Ausdauer-, Kraft- und Athletiktraining angesagt, viel davon unterm freien und meistens sonnigen kroatischen Himmel. Treppenläufe, kurze Sprints, Intervall-Läufe standen auf dem Programm, ebenso wie Training im Kraftraum. Zweieinhalb Stunden am Vormittag, zweieinhalb Stunden am Nachmittag, dazwischen Regeneration und Tauchen im Eisbad. „Das lockert die Muskulatur“, sagt Max Hartung – und die spielt beim Fechten neben den drei K’s aus Kopf, Konzentration und Koordination eine nicht unwesentliche Rolle.

Anna Limbach Foto: imago//imago

„Verletzungsprophylaxe“ sei das Ziel solcher Maßnahmen, sagt Hartung. Er spricht aus Erfahrung: In die Europameisterschaften im Juni in Düsseldorf ging er angeschlagen, gewann trotzdem Bronze im Einzel und Gold mit der Mannschaft. Von solchen Trainingslagern könnten sie mehr gebrauchen, doch die Mittel sind knapp beim Deutschen Fechterbund (und anderen Sportverbänden). „Aber je näher Olympia rückt, desto eher werden solche Maßnahmen bewilligt,“ sagt Hartung, dem als Athletensprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Gründungsvorsitzender des Vereins „Athleten Deutschland“ sportpolitische Themen nicht fremd sind.

Max Hartung und Anna Limbach beim Abholen ihrer neuen Autos zusammen mit den Sponsoren (v.l.) Thomas Kolvenbach (Comco), Ingo Frieske (Partner für Sport und Bildung), Frauke und Matthias Arndt (Autovermietung Arndt) Foto: Ramona Graßhoff

Neuneinhalb Monate sind es noch bis zum Beginn der Olympischen Spiele. Die Tage zählt Hartung nicht – vielleicht, weil sich der 29-Jährige gegenüber vielen Kollegen in einer vergleichsweise komfortablen Situation befindet: Er hat als Dritter der Säbel-Weltrangliste hinter dem Koreaner Sanguk Oh und punktgleich mit US-Boy Eli Dershwitz sein Ticket nach Tokio schon so gut wie in der Tasche. Doch Hartung will mehr: Er möchte auch die deutsche Säbelmannschaft nach Tokio führen.

Ein nicht ganz uneigennütziges Projekt. Denn wenn sich das Team qualifiziert, sind neben ihm automatisch zwei weitere deutsche Säbelfechter im Einzelwettbewerb dabei. „Und das ist viel besser, als wenn du ganz alleine da stehst“, weiß Hartung. Denn trainiert wird im Fechten immer in der Gemeinschaft, „und wenn die anderen die Saison schon abgehakt haben, ist das schwierig,“ sagt der Dormagener, der im Team schon Welt- und Europameister wurde.

Die Chancen stehen so schlecht nicht für die Schützlinge von Bundestrainer Vilmos Szabo. Aktuell belegen sie Platz vier auf der Weltrangliste hinter Korea, Italien und Ungarn. „Den Platz müssen wir in den noch ausstehenden drei Weltcup-Turnieren mit Teamwertung verteidigen,“ sagt Hartung. Die Russen sitzen ihnen punktgleich im Nacken, Iran und Frankreich sind auch nicht weit weg. Die ersten Fünf sind direkt für Olympia qualifiziert – rutschen Hartung und Co. noch aus diesen Rängen heraus, müssen sie wenigstens bestes europäisches Team der Nicht-Direkt-Qualifizierten werden, um in Tokio dabei zu sein, also Frankreich und Rumänien hinter sich lassen.

Für dieses Ziel investieren Max Hartung, Matyas Szabo, Benedikt Wagner und der nach langer Verletzungspause wieder genesene Richard Hübers eine Menge. „Bis Tokio konzentriere ich mich ganz aufs Fechten,“ sagt Hartung, der vor einem Jahr sein Studium der Soziologie, Politik und Wirtschaft an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen mit dem Bachelor abschloss. Dank „Sporthilfe und Sponsoren schlage ich mich bis dahin durch,“ sagt der 29-Jährige, der aus vielen Gesprächen mit Konkurrenten weiß, dass das in anderen Ländern anders aussieht: „Wäre ich Koreaner, hätte ich ein sechsstelliges Jahresgehalt.“ Auch in Italien wird Olympia-Teilnehmern eine staatliche Rente gezahlt, weshalb die italienischen Fechter auch jenseits der Dreißig noch Weltspitze sind.

„Eigentlich ist es erstaunlich, dass wir überhaupt mit denen mithalten,“ sagt Anna Limbach, „die anderen trainieren drei Mal am Tag und reisen von einem Trainingslager ins nächste.“ Die 30-Jährige weiß, wovon sie spricht. Schließlich versucht sie, ihren Job in der Unternehmenskommunikation beim Chemiekonzern Ineos mit ihrer Fechtkarriere in Einklang zu bringen. Das bedeutet vor allem: Früh aufstehen, denn die erste Trainingseinheit steht schon vor Arbeitsbeginn auf ihrem Tagesplan.

Einen direkten Zusammenhang, dass sie nach „einer Super-Saison 2018“ inzwischen auf Platz 35 der Weltrangliste abgerutscht ist, möchte sie nicht herstellen. „Da war auch viel Pech dabei. Im Jahr vorher habe ich die entscheidenden Gefechte alle mit 15:14 gewonnen, in diesem Jahr alle mit dem gleichen Ergebnis verloren.“ Die Konsequenz: Sie hat nur noch eine Chance, um sich für Tokio zu qualifizieren und Familie Limbach nach ihrem älteren Bruder Nico (Neunter in Peking 2008, Fünfter in London 2012) einen weiteren Olympia-Teilnehmer zu bescheren. Am 15. April 2020 beim Qualifikationsturnier in Madrid „muss ich gewinnen. Punkt. Sonst war’s das.“

So ist das bei den Säbelfechtern. Da wird nicht lange lamentiert, weder auf noch neben der Planche. Auch Max Hartung will keine Neiddebatte führen. „Natürlich“, sagt er, würde er sich und den meisten seiner Kollegen in den so genannten Randsportarten „bessere Rahmenbedingungen und größere Aufmerksamkeit in den Medien“ wünschen, als sie in Deutschland hätten. „Aber mit einem Koreaner tauschen möchte ich trotzdem nicht. Ich habe lieber die Freiheit, meine Entscheidungen selbst zu treffen.“ Das ist schließlich mehr Wert als Athletiktraining unter kroatischer Sonne.