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Ruderin Alexandra Höffgen spricht über die Tretmühle Leistungssport

Rudern : Mal raus aus der Tretmühle Leistungssport

Nach der mit dem deutschen Frauenachter verpassten Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in Tokio legt Alexandra Höffgen den (Ruder-)Riemen erstmal aus der Hand. Körper und Geist brauchen dringend eine Pause.

Jammern gehört nicht zu ihrem Business. Mit geradezu stoischer Gelassenheit und bewundernswerter Disziplin treibt Alexandra Höffgen seit Jahren sowohl ihre akademische Laufbahn – ein mit dem Bachelor abgeschlossenes Maschinenbaustudium – als auch die erfolgreiche Karriere im Hochleistungssport Rudern voran. Im vergangenen Herbst fuhr die 27-Jährige mit dem deutschen Frauenachter bei den Europameisterschaften im polnischen Posen auf Platz zwei. Und als Dritte bei der entscheidenden Regatta vor einem Monat auf dem Rotsee im schweizerischen Luzern verpasste sie im Deutschland-Achter hinter Überraschungsgast China und Rumänien nur knapp das Olympia-Ticket.

Doch jetzt ist erstmal Schluss – sie muss raus aus der Tretmühle Leistungssport. Denn schon seit einem halben Jahr leidet die Ausdauerathletin des Neusser Rudervereins an einem Übertrainingssyndrom. „Das bedeutet, dass ich zu lange zu viel trainiert habe und mich davon nicht mehr richtig erholt habe“, erklärt sie. „Ich war nach hartem Training extrem platt und zu kaputt, um schlafen zu können, was auch nicht unbedingt zur Erholung beiträgt.“ Das Achter-Leben ist hart, sehr hart sogar: Sieben Tage die Woche pendeln die in unmittelbarer Konkurrenz stehenden Sportlerinnen zwischen dem Ruderleistungszentrum in Dortmund (später Potsdam) und ihrem Uni- oder Arbeitsplatz, zwischen Kraftraum, Ergometer und Trainingsstrecke. Freizeit? Wird tatsächlich überschätzt ...

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Im grundsätzlich wettkampffreien Winter habe sie nach einigen Tagen Pause zwar immer wieder ganz gut zurückgefunden, sagt Höffgen, „aber durch die vielen Trainingslager hatte ich große Probleme: Extreme Müdigkeit, obwohl man kaum schlafen kann, und fehlende Konzentrationsfähigkeit haben mich fertig gemacht. Nach dem letzten Trainingslager habe ich zwei Tage im Bett gelegen und nicht mal Netflix gesehen, weil selbst das zu anstrengend war.“

Das hatte zwangsläufig auch Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit, „die Tests, die wir unmittelbar nach den Trainingslagern gefahren sind, waren echt schlecht.“ Erst mit zeitlichem Abstand zu intensiven Belastungsphasen und angepassten Trainingsformen gelang eine passable Regeneration. „Die Selektion konnte ich gut überstehen, weil ich technisch ganz gut rudern kann und ich den Unterschied von effektiv und effizient quasi lebe.“ Zur Erklärung: Bei der Entscheidung, wer es letztlich ins Boot schafft, hängt viel von den Messboot-Daten ab. Das sind Daten über Kraft, Länge und Synchronisation der Ruderinnen im Achter. Eine Disziplin, die die Kleinenbroicherin aus dem Effeff beherrscht. Aber die Signale waren eindeutig: „Ich war nicht wirklich in der Lage, mich richtig zu konzentrieren. Ich war einfach platt, gerade nach Regatten und Trainingslagern.“

Und darum hat die „1. Offizierin“ im vor allem für die Power zuständigen Maschinenraum ihren Dienst im Boot erstmal quittiert. Wie lange diese Auszeit dauert, ob es trotzdem noch für die WM in Shanghai (Oktober) reichen wird, lässt sie offen. „Ich nehme mir gerade wirklich Zeit für mich. Zum ersten Mal seit vier Jahren und wahrscheinlich deshalb auch so nötig.“ Sicher ist nur eins: „Ich werde wieder einsteigen, irgendwann im Sommer. Ich kann nicht sagen, wann genau. Momentan muss ich erstmal runterfahren, um körperlich wieder klarzukommen“. Die ersten stressfreien Wochen seit langem machen ihr Hoffnung: „Ich erhole mich, Schlaf und Konzentration kommen zurück und mental geht es mir auch gut. Das Olympia-Aus tut zwar noch weh, aber ich hake das so langsam ab und ich gucke nach vorne. Ich verbringe Zeit mit meiner Familie, Kommilitonen und Freunden.“ Alltag für die meisten, purer Luxus für sie.