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Ringerinnen Nina Hemmer und Laura Mertens trotzen Corona-Krise

Ringen : Am meisten vermisst: der Körperkontakt

Langsam kehrt in den sportlichen Alltag von Laura Mertens und Nina Hemmer wieder so etwas wie Normalität ein. Die Olympiahoffnungen des AC Ückerath dürfen wieder auf der Ringermatte trainieren – seit kurzem mit dem lange vermissten Körperkontakt.

Manfred Werner sorgt sich um seine Sportart. Deshalb hat der Präsident des Deutschen Ringerbundes (DRB) am Dienstag einen Brief an alle Mitgliedsvereine geschrieben. Tenor: Sie sollen „mithelfen, dass unser Ringkampfsport in diesen schwierigen Zeiten nicht von der Bildfläche verschwindet“.

Die Gefahr besteht durchaus. Der Ringerverband NRW hatte bereits im April den Verzicht auf alle Mannschaftskämpfe in diesem Jahr beschlossen, andere sind ihm „nach teilweise sehr knappen Abstimmungen“ (Werner) gefolgt. Wann und unter welchen Voraussetzungen die Bundesliga startet, ist ungewiss. Der DRB-Präsident hält solchen Verzicht für verfrüht und fürchtet Nachteile gegenüber anderen Sportarten: „Wir erscheinen nicht in der Öffentlichkeit, wir können talentierte Nachwuchssportler an andere Sportarten verlieren, das Vereinsleben mit dem Sahnehäubchen Mannschaftskämpfe im Herbst ist weitgehend gestorben.“

So sieht er aus, der von Nina Hemmer und Laura Mertens (r.) schmerzlich vermisste Körperkontakt. Foto: D. Zenk

Laura Mertens und Nina Hemmer können die Sorgen nachvollziehen. Direkt betroffen sind die beiden Olympiahoffnungen des AC Ückerath nicht. Denn für Ringerinnen gibt es mit Ausnahme der Deutschen Meisterschaften der Landesverbände keine Mannschafts-Wettkämpfe. Ins Turniergeschehen zurückkehren würde das Duo trotzdem gerne. Doch in Corona-Zeiten freuen sie sich schon über Kleinigkeiten. Wie darüber, dass seit kurzem ein Mattentraining mit Gegnerinnen zumindest für Athletinnen aus dem Perspektiv- und Olympiakader wieder erlaubt ist.

„Den Körperkontakt habe ich schon vermisst,“ sagt Nina Hemmer über die drei Monate, in denen sich die 27-Jährige zunächst zu Hause, später dann mit einer vom AC Ückerath bei der Stadt Dormagen beantragten Sondergenehmigung in der Halle des Bundesleistungszentrums fit gehalten hatte. Ganz finster waren diese Monate allerdings nicht. „Für mich war es so etwas wie Balsam für die Seele – das hat mir Kraft gegeben,“ sagt die Vierzehnte der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro und zweifache EM-Dritte über die Wochen ohne tägliche Schinderei auf der Ringermatte und im Kraftraum. „Ich hatte die Möglichkeit, die Zeit zu genießen und für private Dinge zu nutzen. So konnte ich meine Wohnung einrichten und viel für mein Studium Soziale Arbeit tun.“ Laura Mertens hat das ganz ähnlich empfunden: „Ich habe die Zeit genutzt, um etwas mehr für mich zu machen,“ sagt die 27-Jährige, „zudem konnte sich mein Körper von der anstrengenden Vorbereitung auf die eigentlich im März und April anstehenden Olympia-Qualifikationsturniere erholen.“

Schließlich war die EM-Dritte von 2017 nach einer Hüftoperation ein Jahr lang außer Gefecht gesetzt, hatte erst im November 2019 ein Comeback gefeiert und bei den Europameisterschaften im Februar  nur knapp die Bronzemedaille verpasst. Der Unterschied zu ihrer Vereinskollegin, die als Sportsoldatin parallel ein Studium belegt hat: Mertens arbeitet als Ergotherapeutin und war als „systemrelevanter Beruf“ von den Auswirkungen der Corona-Krise nur wenig betroffen: „Da ich weiter arbeiten konnte und relativ zeitnah auch die Zusage zur Weiterführung unserer finanziellen Sportförderungen erhalten habe, musste ich mir in dieser Hinsicht glüklicherweise keine Sorgen machen.“

Jetzt sehnen beide den Beginn der Wettkampfsaison herbei. „Es war schon eine enorme Umstellung, sich einfach nur fit zu halten, ohne ein großes Ziel zu haben,“ sagt Nina Hemmer, „wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, ist das so etwas wie ein Motivationsbremser.“ Das große Ziel des Duos sind die um ein Jahr verschobenen Olympischen Spiele in Tokio, die nun am 23. Juli 2021 beginnen sollen. Für die müssen sich Nina Hemmer, die in der Gewichtsklasse bis 54 Kilogramm startet, und die eine Kategorie höher (bis 57 kg) kämpfende Laura Mertens erst noch qualifizieren. Wann die im Frühjahr abgesagten Qualifikationsturniere nachgeholt werden, wissen sie noch nicht: „Im August möchte unser Weltverband die Wettkampfplanung bis Ende 2020 herausgeben, dann entscheidet sich auch, ob es in diesem Jahr noch eine Weltmeisterschaft gibt,“ weiß Laura Mertens, „daraus ergibt sich die weitere Planung für dieses und das kommende Jahr.“

Dessen ungeachtet geht es demnächst in diverse Trainingslager. Die sind vom 14. bis 21. Juli, 2. bis 8. sowie 17. bis 22. August geplant, das erste davon soll im Schwarzwald unter Quarantäne-Bedingungen ablaufen. Schließlich schreibt auch Manfred Werner in seinem Brandbrief: „Selbstverständlich stehen die Gesundheit unserer Sportlerinnen und Sportler sowie aller beteiligten Personen ganz oben.“ Trotzdem bittet er darum, „nochmals eindringlich zu prüfen, ob nicht zumindest eine Verbandsrunde, notfalls in abgespeckter Form, unter Einhaltung aller Sicherheits- und Hygienevorschriften durchführbar ist.“ Ganz offensichtlich vermisst auch der Präsident den Körperkontakt.