Jüchen : Raus aus der Schuldenfalle

Immer mehr Jüchener geraten in die Schuldenfalle. Besonders Jugendliche verlieren zwischen Handykosten sowie Ausgaben für Outfit, Ausgehen und Auto den Überblick. Neue Präventionsprojekte an den Schulen sollen helfen.

Immer mehr Jüchener leben über ihre Verhältnisse. "Suchten 2008 noch 39 Menschen die Schuldnerberatung auf, waren es ein Jahr später bereits 51", sagt Annerose Böhm-Weyerstrass (53), Sozialamtsleiterin in Jüchen. Dramatisch werden die Zahlen dann, wenn man zwei Faktoren kennt: "Die Dunkelziffer bei überschuldeten Familien ist extrem hoch", sagt Hans-Joachim Kremmers (49), Schuldner- und Insolvenzberater bei der Caritas. "Und: Für Jugendliche schnappt die Schuldenfalle immer leichter zu. Oft reicht bereits ein Mausklick im Internet, hinter dem sich unüberschaubare Kosten verbergen."

Die Gemeindeverwaltung will besonders junge Menschen auf die drohende Überschuldung aufmerksam machen. Der Rat hat bereits 2009 beschlossen, in Aufklärung zu investieren. Zum zweiten Mal startet deshalb am 14. März das Präventionsprojekt "Knete, Krisen, Kompetenzen" in den beiden neunten Klassen der Ganztagshauptschule (GTHS) Hochneukirch. Weitere Unterrichtseinheiten sind auch an Realschule und Gymnasium geplant.

Mehr Wünsche als Geld

Mal einen neuen Klingelton herunterladen, kurz eine SMS versenden, "Coins" beim Netzwerk StudiVZ erwerben, einen neuen Frühjahrslook aussuchen oder mit Freunden feiern – wenn Jugendliche Geld ausgeben, dann leben sie oft über ihre Verhältnisse.

"Der Umgang mit dem eigenen Geld ist für Kinder und junge Leute oft schwer überschaubar – besonders dann, wenn ,Null Prozent'-Kredite locken oder Produkte per Mausklick im Onlineshop bestellt werden können", sagt Joachim Steinberg (52). Der Sozialwissenschaftler und Berater, der das Präventionsprojekt für Schüler anbietet, weiß: "Vielen fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihr Einkommen gar nicht ausreicht, um all' ihre Wünsche zu erfüllen."

"Nachhaltig das Kaufverhalten der Jugendlichen ändern, damit sie nicht die Fehler ihrer Eltern wiederholen", sieht Annerose Böhm-Weyerstrass als Ziel des Schulprojektes an. Viele junge Menschen verfügten nicht über die Kompetenz, um mit dem eigenen Geld planvoll umgehen zu können. So würde die Schuldenfalle oft für zwei Generationen zuschnappen. Ein weiteres Phänomen bei der Schuldnerberatung in Jüchen: "Viele Ratsuchende suchen zu spät Hilfe. Sie kommen erst dann, wenn zunächst geringe Schulden zu einem schwer lösbaren Problem geworden sind", sagt die Amtsleiterin.

Auch Joachim Steinberg kennt die "Augen zu und durch"-Haltung, etwa bei jungen Schwarzfahrern: "Schnell wächst die einmalige Tat durch Ignorieren und Verdrängen zu einem Schuldenberg von 500, 600 Euro – bis hin zum Freizeitarrest."

(NGZ)