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Radsport: Am Mittwoch wäre die Stadt im Tour-de-Neuss Fieber gewesen

Absage Tour de Neuss : Am Mittwoch wäre Neuss im Tour-Fieber

So richtig die Entscheidung auch war, ein Neustart darf nicht alleine dem Neusser Radfahrerverein aufgebürdet werden. Politik und Verwaltung in Gestalt von Wirtschaftsförderung und Marketing-Gesellschaft können, ja müssen als Türöffner Hilfestellung leisten.

Vielleicht mache ich heute Abend gegen Sieben mal einen Spaziergang zur Kaiser-Friedrich-Straße – könnte ja sein, dass auch noch andere auf diese Idee kommen. Denn die wäre heute, am Mittwoch nach der Zielankunft der Tour de France, der Nabel der deutschen Radsportszene. Und der gesellige und gesellschaftliche Mittelpunkt der Quirinusstadt sowieso. Doch zum zweiten Mal in Folge muss die Tour de Neuss Corona-bedingt eine Zwangspause einlegen.

Sicher, ein Radrennen zu veranstalten wäre nach den momentan geltenden Regeln möglich gewesen. Selbst eines vor ein paar Hundert (oder sogar Tausend) ausgewählten Zuschauern. Doch der Neusser Radfahrerverein (NRV) um seinen Vorsitzenden Stephan Hilgers hat sich schon früh dagegen entschieden. Aus gutem Grund. Denn die Tour de Neuss lebt seit ihren Anfängen von der speziellen Mischung aus Spitzensport und Volksfest – und das funktioniert nicht mit einer Handvoll geladener Gäste.

Überhaupt: Auf Dauer wird Sport ohne Publikum nicht funktionieren, das haben die vergangenen anderthalb Jahre voller Geisterspiele, virtueller Rennen und Turniere unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit deutlich gezeigt. Und die in zwei Tagen beginnenden, zuschauerlosen Olympischen Spiele in Tokio werden es noch deutlicher aufzeigen. Klar, Geisterspiele waren besser als gar keine (und auf jeden Fall besser als solche, die sich im Nachhinein als Superspreader erwiesen haben). Doch ohne Zuschauer droht Spitzensport zum Selbstzweck zu werden. Schließlich gehe ich ja nicht allein deshalb ins Stadion, in die Halle oder auf den Tennisplatz, um ein Fußball-, Handball- oder Tennis-Bundesliga-Spiel zu sehen. Das kann ich zumeist per Livestream besser als von irgendeiner Tribüne. Ich gehe dorthin, um Emotionen zu erleben, bei mir selbst und anderen. Ich gehe dorthin, um mich mit anderen Menschen auszutauschen, mich mit ihnen gemeinsam zu freuen und gemeinsam zu „leiden“. Im besten Fall (es gibt, siehe Zuschauerausschreitungen und Fankrawalle, auch schlechte) vermittelt der Sport ein Gemeinschaftserlebnis, wie es in der heutigen Gesellschaft mit ihrer Vereinzelung und ihren pseudo-sozialen Kontakten via Internet selten geworden ist.

 Ein Star zum Anfassen: Sprintkönig Erik Zabel, zwölfmaliger Etappensieger bei der Tour de France, stand in Neuss 2003 ganz oben auf dem Siegertreppchen.
Ein Star zum Anfassen: Sprintkönig Erik Zabel, zwölfmaliger Etappensieger bei der Tour de France, stand in Neuss 2003 ganz oben auf dem Siegertreppchen. Foto: woi
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Die Tour de Neuss verkörpert all diese Eigenschaften par excellence. Als „die geilste Party nach Schützenfest“ hat NRV-Vize Barthel Winands sie einmal bezeichnet. Da ist was dran. Denn wie das Schützenfest sorgt so ein Radrennen für ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Bürgern einer Stadt. Als der Sommernachtslauf noch „d’r Maat erop“ führte und die Poschmanns, Orthmanns, Grünings und Rangens den Sieg unter sich ausmachten, war es ähnlich. Am Tag vor und am Tag nach dem Rennen redete „ganz Neuss“ über das Sportspektakel – so wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten über die Tour de Neuss. Das funktioniert nur, wenn die Mischung richtig dosiert ist. Die Show muss stimmen, aber die sportliche Qualität auch. Das war bei der Tour de Neuss (wenn auch nicht bei allen Auflagen) meist der Fall. Es ist leichter, die „großen“ Namen der deutschen Radsportszene aufzuzählen, die NICHT über die Kaiser-Friedrich-Straße gerollt sind (Jan Ullrich, John Degenkolb, Marcel Kittel, Maximilian Schachmann) als die der Fahrer, die es getan haben – dazu genügt ein Blick in die Siegerliste (siehe Info-Kasten). Und es ist nicht vermessen, darauf zu hoffen, dass ein Andre Greipel vielleicht noch ein bisschen weiter trainiert, um bei der Tour de Neuss anno 2022 sein Abschiedsrennen zu fahren – nicht nur, weil er sie als bisher Einziger mehr als ein Mal gewonnen hat.

 NRV-Vorsitzender Stephan Hilgers mit Emanuel Buchmann, Sieger 2019.
NRV-Vorsitzender Stephan Hilgers mit Emanuel Buchmann, Sieger 2019. Foto: Andreas Woitschützke

Doch die „Stars“ der Szene machen nicht alleine den Reiz aus. So wie es in den Anfangsjahren des Sommernachtslaufs die Lokalmatadoren um Bernd Rangen, Martin Grüning und Co. waren, die dem ganzen Spektakel die richtige Würze verliehen, sind es bei der „Tour nach der Tour“ die ambitionierten Elite-Amateure und semi-professionellen Fahrer, die mit ihren mutigen Auftritten (so lange die Kräfte reichen) für die unnachahmliche Atmosphäre sorgen. Für viele von ihnen ist solch ein Rennen im direkten Vergleich mit denen, die sonst ihre Vorbilder sind, der Höhepunkt der Saison. Die Tour de Neuss profitiert dabei von ihrer geographischen Lage. Denn das Rheinland ist ein Radsport-Land, in dem Vereine wie der VfR Büttgen, der RSC Rheinbach und Komet Delia Köln weiterhin Talente ausbilden, von denen es die Besten wie Markus Fothen, Christian Knees und Nils Politt bis zur Tour der France – und aufs Podest der Tour de Neuss schafften.

 Der Kölner Nils Politt fuhr in Frankreich und in Neuss auf Platz eins.
Der Kölner Nils Politt fuhr in Frankreich und in Neuss auf Platz eins. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Aus all dem folgt: The show must go on. Was nach zwei Jahren Zwangspause nicht einfach werden dürfte. Die Organisatoren, die meisten ohnehin im Rentenalter, sind in der Zwischenzeit nicht jünger geworden. Und die Sponsoren müssen (wieder) überzeugt werden, dass es sich lohnt, in die Tour zu investieren. Wobei das Budget zwar eine ordentliche (fünfstellige) Summe ausmacht, aber lächerlich gering ist im Vergleich zum „Gegenwert“ - und im Vergleich zu manch anderem Event. Trotzdem muss das Geld erst einmal aufgetrieben werden – zumal das „Köttengehen“ wie auch die Organisation ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis erledigt werden. Da sind dann auch mal andere gefordert als nur der Neusser Radfahrerverein – Politik und Verwaltung in Gestalt von Wirtschaftsförderung und Marketing-Gesellschaft können, ja müssen als Türöffner Hilfestellung leisten. Denn das Image einer Stadt und der Wohlfühlfaktor ihrer Bürger definieren sich nicht allein über Landesgartenschau (wenn sie denn kommt), Hansetag, Shakespeare-Festival und Kulturgarten, sondern auch über den Sport.

The show must go on. Schließlich möchte ich 2022 am Mittwoch nach Zielankunft der Tour de France nicht alleine auf der Kaiser-Friedrich-Straße stehen.