Reitsport: Optik ist wichtig für den Erfolg

Reitsport : Optik ist wichtig für den Erfolg

Es ist ein Familienunternehmen: Wenn das Team Neuss bei der Voltigier-EM in Le Mans um den Titel kämpft, tut es das unter Longenführung von Jessica Schmitz und in Kostümen, die ihre Mutter Eva entworfen und genäht hat

Wenn das Team Neuss ab morgen bei der Europameisterschaft in Le Mans seine Kür präsentiert, wird Eva Schmitz nervös mit dem Camcorder am Rande des Zirkels stehen. Die Mutter von Longenführerin Jessica Schmitz ist immer dabei, wenn die Mannschaft einen großen Auftritt im Zirkel hat.

Ohne sie wäre das Team Neuss nicht komplett. Denn die 60-Jährige entwirft und näht seit 2008 die Trikots für das deutsche Spitzenteam. Dabei ist der Ausdruck "Trikot" nur halb richtig: "Eigentlich ist es ja eine Mischung zwischen Trikot und Kostüm", erklärt Eva Schmitz, die als Lehrerin tätig war. Denn jede Kür hat ein Thema, erzählt eine Geschichte. "Da ist die Optik fast ebenso wichtig wie die sportliche Leistung", weiß Jessica Schmitz. "Passende Trikots gehören zum perfekten Gesamtpaket, aber zuviel Verkleidung darf nicht sein. Das mögen die Richter nicht. Zumal die Trikots die Bewegungsfreiheit keinesfalls einschränken dürfen."

Für diese Saison wählten die Neusser die Musik der Oper Mefistofele des italienischen Komponisten Arrigo Boito aus. "Diese Musik assoziierte ich sofort mit der Farbe weiß", erinnert sich Jessica Schmitz. Und so kaufte ihre Mutter, die zufällig an den Job der "Teamschneiderin" gelangte, weißen Stoff und begann am "lebenden Objekt" erste Ideen zu entwickeln. "Grundfarbe und Grundidee sind das schwierigste — es muss detailgenau und authentisch sein", wissen Mutter und Tochter. Die beiden anderen Schwestern, früher selbst im Voltigiersport, halfen mit kreativen Ideen. "Das gibt es auch schon mal Diskussionen", verrät Jessica Schmitz. Praktischerweise liegt das Haus ihrer Familie nur wenige Meter vom Nixhof entfernt, so können die Voltis vor oder nach dem Training zur Anprobe kommen.

In langen Sitzungen kamen das RSV-Team und Eva Schmitz dann auf die Idee, die Kostüme zu der opulenten Opernmusik im Stil der Barockmode wie zu Zeiten Ludwig XIV. zu gestalten. Nach und nach entstanden so acht Trikots mit Raffungen, Steinen, Bordüren und allerlei Accessoires. Den passenden Stoff besorgte unter anderem Jessicas Schwester in Spanien, manches ergatterte Eva Schmitz im Internet, anderes gab es in Spezialgeschäften in Düsseldorf. Jedes Kostüm ist ein Unikat und seiner Trägerin auf den Leib geschneidert.

Rund acht Monate schneiderte ihre Mutter an den Anzügen, "für eines benötige ich vier Wochen", verrät sie, denn das meiste muss von Hand genäht werden. Mit jeder Anprobe — auch auf dem Pferd — kamen Änderungswünsche und notwendige Verbesserungen hinzu. Selbst wenige Tage vor der EM fand Eva Schmitz, die alle Trikots nach jedem Auftritt per Hand vorsichtig wäscht, noch Kleinigkeiten und griff zwischendurch immer wieder zu Nadel und Faden. Müsste der RSV Grimlinghausen die Näharbeit bezahlen, die Kosten würden ins Unerschwingliche klettern. Auf 600 bis 800 Euro pro Trikot schätzt Jessica Schmitz die Kosten — macht bis zu 6400 Euro für das Team. Eva Schmitz würde das aber nie kommerziell machen, sagt sie, "das mache ich nur für meine Mädels vom Nixhof". Die fertige Kür dann zu sehen, ist ihr "Bezahlung" genug.

(NGZ)
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