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Olympia 2021 Tokio: Säbelfechter des TSV müssen sofort liefern

Olympia in Tokio : Die Säbelfechter um Wagner und Hartung müssen sofort liefern

In der Einzel-Direktausscheidung ums olympische Edelmetall gibt es für Matyas Szabo, Benedikt Wagner und Max Hartung keine zweite Chance.

Zum Abendessen gab es gebratene Nudeln mit Sesamkroketten und gemischtem Salat. Dazu kalten grünen Tee. Als Hauptgang Lachs vom Grill und als süße Nachspeise eine Kugel Vanilleeis. Nichts, was den Magen belastet, denn am Samstag haben Max Hartung, Matyas Szabo und Benedikt „Peter“ Wagner einiges vor. Um 9.30 Uhr Ortszeit beginnt für die 36 auserwählten Säbelfechter aller Kontinente bei den Olympischen Spielen in Tokio das Turmier, auf das sie seit nunmehr fünf Jahren hingearbeitet haben. Weil die drei Jungs vom Höhenberg seit einer gefühlten Ewigkeit zur Weltspitze gehören, bleibt ihnen der Einstieg schon im 64er-Tablau indes erspart, sie müssen erst ab 11.55 Uhr (4.55 Uhr deutscher Zeit) auf die Planche.

Dann aber kommt es sofort knüppeldick: Wagner bekommt es mit dem Weltranglistenachten Kamil Ibragimov aus Russland zu tun. Ein alter Bekannter. Bis heute unvergessen ist das Husarenstück des Dormageners bei der EM 2016 im polnischen Torun, als er Ibragimov auf dem Weg zum Titel im Halbfinale nach einem 8:14-Rückstand noch mit 15:14 bezwang. Dass ihn eine Mammutaufgabe erwarten würde, wusste Wagner, nach seiner monatelangen Verletzungspause in Tokio nur auf Position 26 geführt, früh. Nur Ibragimov oder der ebenso starke Georgier Sandro Bazadze kamen als Auftaktgegner infrage. Darum hadert er nicht mit seinem Schicksal. „Das ist ein offenes Match“, sagt er und stellt klar: „Wenn man hier was reißen will, muss man von Beginn an liefern. Durch das direkte K.o.-System gibt es keine zweite Chance.“

 Gelöste Stimmung bei den Dormagener Säbelfechtern: Benedikt Wagner, Max Hartung, Richard Hübers und Matyas Szabo (v.l.) im Olympischen Dorf.
Gelöste Stimmung bei den Dormagener Säbelfechtern: Benedikt Wagner, Max Hartung, Richard Hübers und Matyas Szabo (v.l.) im Olympischen Dorf. Foto: Benedikt Wagner
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Vergleichbar hart getroffen hat es Matyas Szabo, der um 5.20 Uhr in Gu Bon-gil aus Korea auf den Neunten der Weltrangliste trifft. Bundestrainer Vilmos Szabo, der in Japan schon seine neunten Olympischen Spiele angeht, weiß, was seine Schützlinge erwartet: „Beide müssen sehr gut und konzentriert fechten, um ins Achtelfinale einziehen zu können.“ Bitter: Sollten die Dormagener ihre Gefechte gewinnen, treffen sie im Achtelfinale ab 7.35 aufeinander. Wagner sieht es freilich positiv: „Schaffen wir es tatsächlich bis dahin, ist einer von uns auf jeden Fall unter den besten Acht.

 Vor dem Dom: Richard Hübers (l.) und Florettfechter Peter Joppich.
Vor dem Dom: Richard Hübers (l.) und Florettfechter Peter Joppich. Foto: Benedikt Wagner

Hartung, als Fünfter des Tableaus am höchsten eingestufter TSV-Fechter, hat mit dem bereits 38-jährigen Tamás Decsi, zumindest auf dem Papier, die einfachste Aufgabe zu lösen (4.55 Uhr). Doch pflichtgemäß warnt sein Coach vor dem listigen Ungarn, auch wenn der über seinen Leistungszenit definitiv hinaus ist: „Decsi ist ein sehr erfahrener Fechter. Da muss Max höllisch aufpassen.“ Der 31-Jährige, der nach den Spielen ebenso wie Wagner seinen Säbel aus der Hand legt, brennt wie seine Teamkollegen auf seinen Einsatz: „Es kribbelt!“ Um seinen erholsamen Nachtschlaf fürchtet Wagner allerdings nicht. „Ich bin ein sehr guter Schläfer“, verrät er schmunzelnd. „Damit hatte ich noch nie Probleme. Und ich hoffe, das bleibt so.“

Die Tage vor der Einzelentscheidung (am Mittwoch geht es mit dem dramatischen Mannschaftswettbewerb weiter) versuchten die so aufgeschlossenen und kommunikativen Dormagener, sinnvoll zu nutzen. „Viele Dinge sind bei diesen Spielen durch die Pandemie halt anders als sonst“, sagt Wagner. „Alle Aktivitäten, die sich normalerweise außerhalb des Dorfes abspielen würden, wie zum Beispiel Besuche des Deutschen Hauses oder das Sightseeing in der Stadt, fallen weg.“

Darum konzentriert sich das Leben der Athleten noch stärker auf das Olympische Dorf als sonst. Auch der Kontakt zu den Sportfans aus der ganzen Welt ist nicht möglich. „Doch für dieses letzte Problem hat der DOSB eine kreative Lösung gefunden“, führt Wagner anerkennend aus, nämlich „den Team-D-Tree. Über diesen interaktiven Baum aus Metall können die Fans persönliche Grüße an das deutsche Team oder einzelne Athleten senden. Diese kommen aus kleinen Druckern am oberen Ende des Baumes und fallen gedruckt auf rosa Papier wie Kirschblütenblätter herab. Zuerst war ich skeptisch, aber der Tree entpuppt sich als ein richtig guter Einfall.“

Nachdem die ersten Nachrichten eingetroffen waren, kam den Fechtern sogar eine richtig gute Idee. Wie wäre es, fragten sie neugierig, wenn sie die ausgedruckten Botschaften an die nackten Wände ihrer Unterkunft hefteten – und zwar in der Form des Kölner Doms? Wagner: „Die Idee gefiel uns allen und war eine willkommene Beschäftigung im überschaubaren Dorfalltag.“ Zusätzlich forderten sie ihre Fans und Follower auf, ihnen über Instagram und Twitter Nachrichten zukommen zu lassen. „Und was soll ich sagen – es kamen einige. Der Umriss unserer Lieblingskathedrale steht bereits und von Tag zu Tag füllt sich das Innere mit motivierenden Botschaften.“

Schade nur, dass ihnen während ihrer Zeit in Japan ein weiteres Highlight verwehrt bleiben musste: die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Wagner erinnert sich noch „gerne an die Eröffnung meiner ersten Olympischen Spiele in London: der Einmarsch in ein randvolles Stadion, die Entzündung des olympischen Feuers, ein episches Feuerwerk und Tausende euphorisierte Athleten im Innenraum des Olympiastadions.“ Auch wenn es in Tokio keine Zuschauer gab, hätten er und seine Kameraden den im Einzelwettbewerb nicht eingesetzten Richard Hübers gerne ins Stadion begleitet. „Ich freue mich für ihn, bin aber auch ein bisschen traurig, nicht dabei sein zu können.“