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Jüchen: Österreicher dokumentiert Umsiedlung

Jüchen : Österreicher dokumentiert Umsiedlung

"Grube statt Gletscher": Mit zahlreichen Fotos will der Salzburger Arne Müseler Umsiedlungsdörfer, die dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen sind, virtuell auf einer Internetseite erhalten – darunter auch Jüchener Ortsteile.

"Grube statt Gletscher": Mit zahlreichen Fotos will der Salzburger Arne Müseler Umsiedlungsdörfer, die dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen sind, virtuell auf einer Internetseite erhalten — darunter auch Jüchener Ortsteile.

Es ist das schier Unfassbare, dass ihn beim Fotografieren so reizt: "Die Bürger sind vielleicht dort aufgewachsen, wurden dort getauft, haben dort Angehörige beerdigt", sagt Arne Müseler aus Salzburg. Die gespenstische Stille zwischen zugemauerten Hauseingängen, verwahrlosten Grundstücken und menschenleeren Straßenzügen habe seine Erinnerungen geprägt. Als er sich 2006 das erste Mal aufmachte, um das Abbaugebiet des Tagebaus Garzweiler zu besichtigen, ahnte er das Ausmaß dieses Projekts noch nicht. Zufällig wurde er dabei auf die Ortschaft Holz aufmerksam: "Das Dorf wurde damals aus Rücksicht auf die dort noch wohnenden Familien provisorisch in Schuss gehalten", erinnert sich der 31-Jährige.

Für ihn war die bedrückende Endzeitstimmung, die in den Orte Holz, Otzenrath und Spenrath damals herrschte, der Auslöser für das Fotoprojekt "Garz.weiler". Müseler rief es kurz nach seiner ersten Erkundungstour ins Leben rief. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Fortgang des Abbruchs zu dokumentieren und das, was noch bestand, auf Fotos zu erhalten.

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Die Bilder will er den Umsiedlern nicht vorenthalten: "Seit 2011 veröffentliche ich einige der Fotos chronologisch nach Orten sortiert im Internet", sagt Müseler. Um den Fortschritt des Kohleabbaus und die damit verbundenen Umsiedlungen festzuhalten, fliegt der Salzburger mindestens zweimal im Jahr ins Braunkohlenrevier und fotografiert. Und dafür nimmt er sich Zeit: "Weil ich keinen Führerschein habe, fahre ich mit dem Fahrrad durch die Dörfer — dabei sieht man viel mehr, als wenn man mit dem Auto durchfährt", sagt er. Doch die Jüchener Ortsteile sind nicht die einzigen, die er festhält. Denn die Zähne der Schaufelradbagger bohren sich weiter durch das Erdreich — jetzt befindet sich die Abbaugrenze schon vor dem Erkelenzer Stadtgebiet. "Ich möchte den gesamten Umsiedlungszyklus der jetzt folgenden Orte festhalten", sagt der Österreicher, der sein Hobby fast immer mit einem Besuch seines Elternhauses im westfälischen Hamm verbindet.

Mit der Zeit ist Arne Müseler nachdenklich geworden: "Auch wenn die Stadt Salzburg ihren Strom überwiegend aus Wasserkraft bezieht, wirkt sich der Kohleabbau auf mein Energiebewusstsein aus", erzählt der Büroangestellte. Er stelle die Verhältnismäßigkeit der Stromerzeugung mit Braunkohle in Frage. Denn für nur 15 Prozent Strom, die der Tagebau Garzweiler im deutschen Energiemix sicherstellt, verschwänden zwangsläufig Jahrhunderte alte Orte.

Das Schicksal der Umsiedler berührt ihn — am einprägsamsten fand er eine Szene auf dem Otzenrather Friedhof, wo zerbrochene Grabsteine im Schlamm gelegen hätten. "Das berührt mich ja schon als Außenstehender", schildert der Hobby-Fotograf.

Das Ende der alten Orte sei unwiederbringlich. "Ein brutaler Eingriff", sagt Müseler, "da weiß man, dass der Strom eben nicht einfach so aus der Steckdose kommt."

Internet www.garzweiler.com

(NGZ)