Lokalsport: Northern Rock, oder: Ein Pferd hilft bei der Trauerarbeit

Lokalsport : Northern Rock, oder: Ein Pferd hilft bei der Trauerarbeit

Am 24.Dezember 2015 ist in der NGZ der Text mit dem Titel "Bei Jutta Schäfer dreht sich alles um Pferde" erschienen. Es war die ungewöhnliche Geschichte einer in Neuss lebenden Frau, in deren Familie seit mehreren Generationen Rennpferde der Rasse Vollblut das Leben in wesentlichen Teilen bestimmten. Damals kam der Name des Rennpferdes Northern Rock nur am Rande vor, denn er war überhaupt noch nicht gelaufen und im Gespräch mit der NGZ fragte Jutta Schäfer ihren Ehemann Egbert eher beiläufig: "Wie heißt nochmal unser Rennpferd?"

Genau in Jahr später hat dieser Northern Rock bei zehn Starts sieben Rennen gewonnen. Diese Leistung hat 2016 kein anderes Rennpferd in Deutschland geschafft. Jutta Schäfer ist am 11. Juni 2016 an einem Krebsleiden verstorben. Als die NGZ-Geschichte in der Weihnachtsausgabe vor einem Jahr erschien, war sie noch voller Hoffnung. Als sie verstarb, hatte Northern Rock zwei seiner sieben Rennen bereits gewonnen. Nach der Siegerehrung des siebten Sieges am 3. Oktober beim Tag der Deutschen Einheit in Berlin-Hoppegarten, überraschte sein Trainer Sascha Smrczek aus Düsseldorf mit dem Satz: "Für dieses Pferd möchte ich einmal die deutsche Nationalhymne hören." Das bedeutet übersetzt: Er traut Northern Rock den Sieg in einem Europa-Gruppe-Rennen zu, denn nur nach solchen Rennen wird die Nationalhymne gespielt oder gesungen.

Im Gespräch danach berichtete der Trainer aber auch von der wichtigen Rolle dieses vierjährigen Wallachs nach dem Tod von Jutta Schäfer: "Jeder Sieg hat Egbert ein Stück Lebensfreude zurückgegeben. Es war für ihn sehr wichtig, sich auch nach dem Tod seiner Frau weiter täglich mit dem Pferd zu beschäftigten. Natürlich standen ihm bei den Siegerehrungen die Tränen in den Augen und er dachte wohl immer: Jutta schaut von oben zu."

Es waren zudem einige wenige, langjährige Freunde aus der Szene, die Egbert Schäfer in der schwersten Zeit zur Seite standen. 48 Jahre lang waren Jutta und Egbert Schäfer verheiratet. Sie hatten sich am Kamin in einem gemütlichen Raum nach einem Renntag am Raffelberg in Mülheim an der Ruhr kennengelernt.

Die Rennbahn war als Ort des Kennenlernens kein Zufall: Egbert Schäfer ist der Sohn des Düsseldorfer Trainers Gustav Schäfer, seine verstorbene Schwester Asta war die Ehefrau des zweifachen Championtrainers Peter Lautner. Bei Jutta Schäfer war die Vita nicht anders: Ihr Vater war der 1988 verstorbene Trainer Georg Zuber, 1972 in Neuss Trainer des Derbysiegers Tarim. Ihr Großvater war der Jockey Jule Rastenberger und ihr Patenonkel der am 5. Dezember 2016 stolze 96 Jahre alt gewordene Hein Bollow. Jutta Schäfer arbeitete beim Neusser Reiter- und Rennverein und bis zu ihrer Pensionierung beim Düsseldorfer Rennverein in der legendären Geschäftsstelle an der Wagnerstraße in der Düsseldorfer Innenstadt.

Mit der später so erfolgreichen Rennkarriere von Northern Rock ging es allerdings ernüchternd los, denn beim Debut am 30. April in Düsseldorf wurde er Letzter. Der Trainer vermutet: "Er hat wohl gedacht, es sei ein Training." Nach dem vorletzten Rang am 5. Juni wurde Düsseldorf als Renn-Ort für Northern Rock gestrichen. Ansonsten marschierte er durch die Leistungsklassen dieses Sports wie ein Fußballverein von der Kreisliga bis zur Bundesliga und selbst die für die Einschätzung des Können der Pferde zuständigen, größtenteils seit Jahrzehnten in diesem Bereich tätigen Funktionäre kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die Jury des Info-Dienstes Galopp Intern hat Northern Rock jetzt mit großer Mehrheit zum "Handicapper des Jahres" gewählt. Was auch ein Kompliment für den Züchter des Wallachs ist. Das ist der jetzt vornehmlich in Berlin lebende Hans Klöber mit seinem mittlerweile aufgelösten Gestüt Hof Vesterberg an der Stadtgrenze von Wuppertal und Schwelm. Klöber gehörte zu einem sehr speziellen Düsseldorfer Stammtisch, zu dem auch der Neusser Unternehmer, Sportfotograf, Züchter und Besitzer Günter Müller zählte. Dieses "Gremium" tagt immer noch und Northern Rock war natürlich ein Thema dieser Herren-runde.

(NGZ)