1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis
  4. Sport im Rhein-Kreis

Nina Hemmer und Laura Mertens (AC Ückerath) ringen ums Olympia-Ticket

Ringen : Der große Kampf um den olympischen Traum

Für die Ringerinnen Nina Hemmer (28) und Laura Mertens (27) geht es bei der Europa-Qualifikation in Budapest um die Tickets für Tokio.

Trotz einer 14-Tage-Inzidenz von zuletzt 829 (!) ist Budapest aktuell so etwas wie der Hotspot der Sportwelt. Die ungarische Hauptstadt, wo allerdings (noch) nicht die als gefährlicher geltende britische Corona-Mutante dominiert, war Gastgeber der Champions-League-Partien zwischen Borussia Mönchengladbach und Manchester City sowie FC Liverpool gegen RB Leipzig; am vergangenen Wochenende fand dort das Weltcup-Turnier der Säbelfechter statt. Von Donnerstag bis Sonntag kämpfen in der BOK Sports Hall der Donau-Metropole die besten europäischen Ringer und Ringerinnen, die sich bei der WM 2019 noch nicht qualifizieren konnten, um weitere Startplätze in den olympischen Gewichtsklassen.

Der Deutsche Ringer-Bund (DRB) hofft dabei auf mindestens ein weiteres Ticket für Tokio. „Wenn wir noch eines oder sogar zwei holen würden, wären wir schon überglücklich“, sagt DRB-Sportdirektor Jannis Zamanduridis. Nur die beiden Finalisten jeder Gewichtsklasse qualifizieren sich für die Spiele in Japan. Der Ringer-Weltverband UWW hatte Ungarns Hauptstadt schon im vergangenen Jahr als Ausrichter der Europa-Qualifikation vorgesehen, das Turnier jedoch wegen Covid-19 verschoben. Das Event in der ungarischen Hauptstadt ist die vorletzte Chance, noch auf den Olympia-Zug aufzuspringen. Die letzte bietet sich dann beim weltweiten Qualifikationsturnier in Sofia vom 6. bis 9. Mai.

  • Ende Juli beginnen die Olympischen Spiele
    Tokio 2020 : Der Medaillenspiegel der Olympischen Spiele
  • Der Deutschland-Achter zog souverän ins Finale
    Olympia kompakt : Die wichtigsten Meldungen des letzten Tages aus Tokio
  • Helfer halten Schilder mit dem Corona-Hinweis
    Neue Fälle bei Athleten : IOC weist Zusammenhang zwischen steigenden Corona-Zahlen und Olympia zurück

Der DRB hat vier Frauen und acht Männer nominiert. Zu den größten Hoffnungsträgern zählen der Europameister von 2016, Pascal Eisele, und die dreimalige EM-Dritte Nina Hemmer (Gewichtsklasse bis 53 Kilogramm), neben Laura Mertens (57 kg) und der für die Niederlande ringenden Jessica Blaszka (53 kg) dritte Teilnehmerin des AC Ückerath. „Angesichts der großen Konkurrenz und der wenigen Startplätze könnte es fast schwieriger sein, sich für die Spiele zu qualifizieren als dort um eine Medaille mitzukämpfen“, befürchtet Zamanduridis indes. Das Turnier findet unter strengen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen statt. Die Teilnehmer werden mehrfach auf Corona getestet und sind angehalten, sich nur zwischen Hotel und Wettkampfhalle zu bewegen.

Die Vorbereitung auf die Euro-Qualifikation war intensiv: Laura Mertens und Nina Hemmer trainierten im regelmäßigen Wechsel am Bundesstützpunkt in Dormagen und an speziell ausgewählten Standorten zusammen mit starken Gegnerinnen. In den letzten Tagen vor dem Abflug nach Budapest am Mittwoch konzentrierten sich die beiden Ückeratherinnen auf regelmäßige Übungseinheiten in Dormagen, die immer nach den geltenden Corona-Hygieneregeln über die Matte gingen. Die wichtigste Aufgabe mit Blick auf Budapest: Die Spannung halten. „Natürlich wäre es besser, jetzt das Ticket zu holen“, sagt Laura Mertens. „Dann könnte ich schon mit der Vorbereitung auf Tokio beginnen.“ Den Alles-oder-Nichts-Poker Anfang Mai beim Weltturnier in der bulgarischen Hauptstadt würde sie sich nur allzu gerne ersparen. Die Europameisterschaft im April hat keine Bedeutung für die Qualifikation. Deshalb werden die Ringerinnen, die an der Europa- oder Welt-Ausscheidung teilnehmen, für die kontinentalen Titelkämpfe geschont.

Beste Bedingungen bot den Olympia-Kandidatinnen das Trainingslager im auf etwa 1300 Metern Höhe in einem Naturschutzgebiet am Feldberg im Schwarzwald gelegenen Leistungszentrum Herzogenhorn. „Da konnte man auch schon mal auf den Berg hochgehen und dem ‘normalen’ Alltag ein wenig entfliehen“, sagt Laura Mertens, die im Mai Geburtstag hat. Ein olympisches Erlebnis hatte die noch 27-Jährige mit Platz vier bereits als Teilnehmerin der 1. Olympischen Jugendspiele in Singapur im August 2010. Aber das Mitmachen bei „richtigen“ Olympischen Spielen habe natürlich noch einmal eine andere Bedeutung, sagt sie. Darum wäre die Qualifikation für Tokio das Highlight ihrer sportlichen Laufbahn: „Japan ist ja geradezu das Land des Frauenringens. Die Ringerinnen stehen im Mittelpunkt und werden stärker beachtet als die Männer“, weiß die Ergotherapeutin. Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit im Heilmittelbereich gehörte sie zur Impfgruppe I und wurde bereits einmal gegen Corona geimpft.

Dieses Privileg hat Sportsoldatin Nina Hemmer nicht, dafür aber den klaren Auftrag ihres Arbeitgebers: Sie soll in Tokio nicht nur Deutschland, sondern auch die Bundeswehr vertreten. Neben Stéphanie Groß (2004 in Athen) ist sie die zweite Ringerin des AC Ückerath, die bei Olympischen Spielen starten durfte: 2016 schaffte es die Militärweltmeisterin von 2018 bis nach Rio de Janeiro. Dort musste sich die inzwischen 28-Jährige nach einem etwas unglücklichen Turnierverlauf mit Rang 14 begnügen. Der Job, das Ticket überhaupt erstmal zu lösen, ist freilich hart, schließlich buchen in Budapest nur die beiden Finalistinnen mit Sicherheit den Flug nach Tokio. Rang drei wird zwar ausgekämpft, ist aber nur dann von Bedeutung, wenn Nachrückerinnen gesucht werden.

Mit dem Verlauf des Trainingslagers in Herzogenhorn war Hemmer zufrieden: „Wir haben zusammen mit fünf Französinnen und einer Österreicherin auf hohem Niveau trainiert.“ In Budapest war die Wahl-Erfttalerin übrigens schon 2018 aktiv: Bei der WM belegte sie dort den achten Platz. Von den Ringerinnen, die damals am Start waren, sind jetzt nur noch wenige dabei. Trotzdem ist die Konkurrenz natürlich erlesen. Ihrem Optimismus kann das nichts anhaben: „Klar, es kann alIes passieren, aber ich fühle mich gut. Durch die Corona-Situation ist letztlich alles neu gemischt.“ Fünf deutsche Athletinnen und Athleten hatten ihre Fahrkarten für Tokio bereits bei der WM 2019 im kasachischen Nur-Sultan gelöst: der dreimalige Weltmeister Frank Stäbler, der Olympia-Dritte Denis Kudla, Eduard Popp, Ex-Weltmeisterin Aline Rotter-Focken und Anna Schell.

Das Turnier in Budapest beginnt am Donnerstag mit den ersten Wettkämpfen der Männer im Freistil. Die Frauen starten am Freitagmorgen mit dem obligatorischen Wiegen und den anschließenden Qualifikationskämpfen. Die weiteren Duelle bis hin zum Halbfinale finden im Verlaufe des Tages statt. Spätestens am Abend steht fest, wer im Hotelzimmer die Sektkorken knallen lassen kann.