Tour de Neuss : Nils Politt krönt irres Rennen mit Sieg

Der Kölner stand schon zu Jugendzeiten in Neuss auf dem Podest, jetzt setzt er sich vor André Greipel und Max Walscheid durch.

Vielleicht war es Respekt vor dem in der Nacht zu Dienstag verstorbenen Andreas Kappes. Vielleicht war es aber auch einfach nur Respekt vor den tropischen Bedingungen mit Temperaturen jenseits der 30 Grad und einer strahlenden Sonne, die die 53 gestarteten Fahrer bis ins Ziel begleitete. Fast eine Stunde lang tat sich jedenfalls herzlich wenig auf dem neuen Rundkurs, den die Tour de Neuss für ihre 17.Auflage auserkoren hatte.

Doch was in den letzten 20, 25 Runden abging, entschädigte die laut Polizeiangaben mehr als 20.000 Zuschauer für eventuelle Langeweile, die sogar das Plaudertaschen-Trio Christian Stoll, Volker Koch und Tobias Stümges am Mikrofon beinahe überforderte. Als sich dann die Ereignisse überschlugen, war es selbst für sie schwer, den Überblick zu behalten. „Solch ein irres Rennen habe ich selten erlebt,“ sagte Christian Stoll und erhob die Tour de Neuss nicht nur deshalb „zum besten Rennen dieser Art, das es in Deutschland gibt.“

Erst wagte sich Philipp Mamos, der einen Steinwurf von der Zielgeraden entfernt wohnende Kapitän des Dauner-Teams, auf einen Soloritt, legte gleich ein paar Hundert Meter zwischen sich und die Verfolger. Ein schöner PR-Gag für die Mineralwassermannschaft, doch gut gehen konnte das nicht. Schließlich saß ihm als sechsköpfige Verfolgergruppe die Crème de la Crème des deutschen Radsports im Nacken. Angeführt von Vorjahressieger André Greipel, der nach seinem Ausstieg bei der Tour de France schon zwei Rennen in den Beinen hatte – Sieg in Hannover am Montag, Platz drei in Bürstadt am Dienstag. Dazu die Tour de France-Fahrer Nils Politt und Marcus Burghardt, Robert Wagner, die beide schon Deutscher Straßenmeister waren, der DM-Dritte Max Walscheid, der in Hannover auf Platz zwei gesprintet war – und als krasser Außenseiter der Holzheimer Alexander Görres.

„Auf den muss man aufpassen,“ sagte Christian Stoll eingedenk des Überraschungssieges von Dominik Bauer (gewann später den Spurt des sieben Runden vor Schluss aus dem Rennen genommenen Hauptfeldes um Platz 14). Doch als die „Großen“ dann ernst machten, musste der 26-Jährige, wie Bauer beim VfR Büttgen groß geworden und von Hans-Peter Nilges trainiert, der am Mittwoch als kommissarischer Sportlicher Leiter einen guten Job machte, abreißen lassen – Platz fünf war der Lohn für einen mutigen Abend.

Dann riss Marcus Burghardt aus und die Initiative an sich. Der Vorjahresdritte, der sich zuvor hitzige Wortgefechte mit Nils Politt um Führungs- und Nachführarbeit geliefert hatte, begründete seine spektakuläre Flucht mit taktischen Hintergedanken: „Bei so vielen starken Sprintern in der Gruppe hätte ich im Spurt keine Chance gehabt.“ Doch Alleinfahren kostet Körner – am Ende wurde der Franke Sechster, aber mit dem Friedhelm-Hamacher-Gedächtnispreis für den kämpferischsten Fahrer belohnt. Blieben nur noch vier, die für den Sieg in Frage kamen: Greipel, Politt, Walscheid und Wagner. Zwei Runden vor Schluss nahm dann Nils Politt sein Herz in beide Hände. Und während die von Nikias Arndt und Rick Zabel angeführten Verfolger der sich auflösenden Spitzengruppe immer näher rückten, ging der Kölner, der schon zu Jugendzeiten in Neuss auf dem Podest gestanden hatte, alleine in die letzte der 62 Runden.

Und kam auch alleine heraus. So sehr sich Greipel auch um Sieg Nummer vier bemühte, „Nils war auf den langen Geraden einfach stärker,“ bekannte der 36-Jährige, der vom Team Lotto Soudal zum französischen Zweitdivisionär Fortuneo-Samsic wechselt und mit hohem Einsatz einen mit Platz drei „hochzufriedenen“ Max Walscheid in Schach hielt. „Es war ein hartes Rennen, aber hinten heraus habe ich den Motor gezündet,“ sagte der Sieger – und widmete seinen Sieg Andreas Kappes, indem er beim Schlusssprint demonstrativ auf seinen Trauerflor zeigte.

Bilder eines unvergesslichen Radsport-Abends, v.l.: Marcus Burghardt freut sich mit Tour-Teufel und NRV-Vorstand über den Friedhelm-Hamacher-Gedächtnispreis, Rick Zabel trägt sich ins Kondolenzbuch für Andreas Kappes ein, Nils Politt gibt Moderator Volker Koch ein erstes Siegerinterview und André Greipel fordert bei der Siegerehrung Stephan Hilgers und Bürgermeister Reiner Breuer zum Weitermachen auf. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)
17. Tour de Neuss. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)
17. Tour de Neuss. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)
17. Tour de Neuss. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)
Toller Sport, tolle Kulisse. Die Polizei sprach am Mittwochabend von „deutlich mehr Zuschauern als im Vorjahr“, was auf eine Zahl von mehr als 20.000 hinausläuft. „Dabei dachten wir, das Rennen 2017 kurz nach der Durchfahrt der Tour de France wäre nicht mehr toppen,“ meinte NRV-Chef Stephan Hilgers. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)
17. Tour de Neuss. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)
17. Tour de Neuss. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Bei der Siegerehrung bat Greipel dann ums Mikrofon und sorgte für einen der vielen Gänsehaut-Momente des Abends: „Wir sind heute auch für Andy gefahren. Er hatte den Radsport im Blut, deswegen sind wir heute mit einem weinenden Auge angetreten und haben viel an ihn gedacht.“ Sein Appell an den Neusser Radfahrerverein – „von allem anderen abgesehen, Ihr müsst dieses Rennen allein schon aus Respekt vor Andy am Leben halten“ – blieb nicht unerhört: „Auch wenn im Vorfeld nicht alles rund lief und ich schon die Brocken hinschmeißen wollte – wir werden weiter für diese Tour de Neuss kämpfen,“ gab NRV-Chef Stephan Hilgers ein Versprechen mit auf den Nachhauseweg.

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