Jüchen: Neue Straße erinnert an jüdische Familie

Jüchen: Neue Straße erinnert an jüdische Familie

Die Familie Falkenstein war NS-Opfer. Überlebende Ilse Rübsteck und llja Richter besuchten jetzt Hochneukirch.

Der Bahnhof Hochneukirch war ein Knotenpunkt des Massenmordes an Juden. Auch von dort aus rollten während der NS-Zeit Züge in die Konzentrationslager. Ab sofort erinnert ein neuer Straßenname am Bahnhof an die Familie Falkenstein, die bis zum Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle im Hochneukircher Dorfleben spielte.

Die 90-jährige Ilse Rübsteck, geborene Falkenstein, und Bürgermeister Harald Zillikens enthüllten das Schild der Falkensteinstraße. Bei der Einweihung im Hintergrund dabei: Ilja Richter, der frühere "Disco"-Moderator und Wahlverwandter von Ilse Rübsteck.

Die neue Straße trägt den Namen der jüdischen Familie Falkenstein, die bis zum Dritten Reich in Hochneukirch eine sehr bedeutende Rolle spielte. Zu Ilse Rübstecks Wahlverwandtschaft gehört seit 1987 Ilja Richter. Er erzählt, wie er die gebürtige Hochneukircherin kennenlernte: "Bei einem Gastspiel in Neuwied habe ich diese kleine Dame angesprochen.

Sie erinnerte mich an meine Mutter, die kurz zuvor verstorben war und am gleichen Tag Geburtstag hatte wie Ilse." Richter, der selbst jüdische Wurzeln hat, fand in ihr eine zweite Mutter: "Seitdem führen wir in gewisser Form ein Mutter-Sohn-Verhältnis mit regelmäßigen Telefonaten, kleinen Streitereien und allem, was dazu gehört", erzählt er lächelnd. Ilse Rübsteck jetzt zu erleben, als eine Straße nach ihrer Familie benannt wird, das bedeute ihm sehr viel.

  • Handball : Neusser HV landet den zweiten Sieg in Folge

Warum die Straße jetzt offiziell ihren neuen Namen erhielt: 14 Jugendliche des Gymnasiums Jüchen erinnerten an die Pogromnacht und hatten am Hochneukircher Friedhof die Namen der jüdischen Familien verlesen, die zunächst ihr Hab und Gut verloren hatten und zu Opfern des Nazi-Terrors wurden: Auch Betty, Kurt, Josef, Viktor, Sophie und Paula Falkenstein gehörten dazu. In einem Stuhlkreis hörten Menschen jüdischen Glaubens still zu, denen der Jüchener Bürgermeister für ihr Kommen dankte: "Zahlreiche Bürger kamen durch den NS-Terror um oder verloren ihre Heimat."

Dass Schüler aktiv teilnehmen, um an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern, freue ihn: "Totalitäre Systeme haben gerade in Zeiten, wenn es den Menschen schlecht geht, einen verführerischen Glanz", warnte Harald Zillikens. Gemeinsam mit Ilse Rübsteck zog er ein schwarzes Tuch vom Straßenschild. Auch Leah Floh, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mönchengladbach, zeigte ihre Emotionen: "Ilse gehört zu den letzten Augenzeugen des Naziterrors. Ich freue mich, dass sie das erleben darf."

"Auch nach dem Krieg bin ich in Hochneukirch heftig angegangen worden, als ich zurückkam und in das Haus meiner Eltern ziehen wollte", erzählt Ilse Rübsteck, die heute in einem Altenstift in Bad Neuenahr lebt. Bis in die 70er Jahre habe sie in Hochneukirch einen Frisiersalon geführt, ehe sie in Köln die Leitung eines jüdischen Altenheimes übernommen hatte. Das Schild gefällt ihr — mehr als Stolpersteine. "Wir sind genug mit Füßen getreten worden. Zu dem Schild muss man aufschauen", meint die alte Dame.

Neben ihr steht Marcel Simon (77), dessen Mutter eine geborene Falkenstein war, und ergänzt: "Ich finde jede Form der Erinnerung gut: egal, ob ein Straßenschild, Steine oder eine Tafel in der Mauer."

(uwr)
Mehr von RP ONLINE