Künstlerin Inge Broska zieht nach Hochneukirch: Neue Adresse für das "Hausmuseum"

Künstlerin Inge Broska zieht nach Hochneukirch : Neue Adresse für das "Hausmuseum"

Otzenrath, Düsseldorfer Straße, grau, langweilig, laut, leerstehende Häuser mit vernagelten Fenstern und Türen - bald wird der Tagebau den Ort verschwinden lassen. Nur im Haus mit der Nummer 21 ist etwas Leben sichtbar: Blumen an den Fenstern, ausgetretene Steintreppen führen zur Eingangstür, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Hier ist Inge Broskas "Hausmuseum" zu finden. Künstlerin Inge Broska will mit ihrem "Hausmuseum" nach Hochneukirch umsiedeln. NGZ-Foto: M. Reuter

Otzenrath, Düsseldorfer Straße, grau, langweilig, laut, leerstehende Häuser mit vernagelten Fenstern und Türen - bald wird der Tagebau den Ort verschwinden lassen. Nur im Haus mit der Nummer 21 ist etwas Leben sichtbar: Blumen an den Fenstern, ausgetretene Steintreppen führen zur Eingangstür, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Hier ist Inge Broskas "Hausmuseum" zu finden. Künstlerin Inge Broska will mit ihrem "Hausmuseum" nach Hochneukirch umsiedeln. NGZ-Foto: M. Reuter

Ihr Großvater, der Seidenweber Nikolaus Jansen, kaufte es, ihre Großmutter brachte hier sieben Kinder zur Welt. In diesem Haus wurde Inge Broska 1942 geboren. Einst lebten drei Generationen auf engstem Raum, wurden im Hof Schweine geschlachtet, baute man Gemüse an. Im Inneren herrscht (für den Gast) ein heilloses Durcheinander. Doch Inge Broska findet sich ohne Kompass zurecht - zwischen zehn bis 20 Schneebesen, ebenso vielen Zitronenpressen und Fußbänkchen aller Couleur, Töpfen, Tiegeln, Pfannen, Untersetzern, wackeligen Schränken, Stühlen, Fleischwölfen, verrosteten Schlüsseln, Schlössern, Türklinken.

Koffer über Koffer, Akten über Akten stapeln sich auf alten Schränken und an den Wänden. Ältere Besucher entdecken längst Vergessenes: Dinge, die sie aus den Häusern ihrer Großeltern kennen und irgendwann gedankenlos in den Müll geworfen haben. An den Wänden Kunst der Fluxus-Generation, eigene und fremde Werke. Manche sind faszinierend in ihrer aufrüttelnden Aussage, viele von provozierender Ästhetik. Dazwischen Inge Broska: Kämpferin, Löwin, Eat-Art-Künstlerin. Dunkelrote Haarmähne, lange Schlabberkleider, "feministisch" vom Scheitel bis zur Sohle.

Über eine halsbrecherisch steile Treppe geht es nach oben in die "Heiligen Hallen". Dort wird der Wohnraum von riesigen Fotos beherrscht. Frieda Fehrholz, Jahrgang 1904, Inge Broskas Mutter, war eine rastlose Fotografin, die ihre unsteten Wanderungen vor der Ehe, ihre Eltern und später ihre drei Kinder auf die Platte bannte. Heile Welt: Die Tochter lernt Bauzeichnerin, heiratet früh, holt ihr Abitur in Köln nach, studiert Pädagogik, Kunst und Haushaltslehre, bis sie sich in den 70er Jahren den Eat-Art-Künstler Professor Daniel Spoerri kennen lernt und seine eigenwillig-eigenständige Schülerin wird.

Inge Broska lebt und arbeitet in ihrem Elternhaus. Später in Ateliergemeinschaften, wird 1984 hauptamtliche Mitarbeiterin des Frauenmuseums in Bonn, bis ein schwerer Unfall im vergangenen Jahr sie für vier Monate in den Rollstuhl zwingt. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt: Eat-Art-Ausstellungen und Performances mit ihrem Lebenspartner Hans-Jörg Tauchert. Jüngstes Beispiel: die Teilnahme am Euroga-Kunstprojekt "Wass.er kann und was sie will". Ihre gesellschaftskritischen Installationen "friss oder stirb" regen die Betrachter ebenso auf wie das Objekt "Tod durch Schokolade": Es zeigt einen toten Kinderkopf inmitten von Schokoladenriegeln.

Mit ihrer Performance "Schatten über der Kaffeetafel" - sie ist übersät mit Kohlenstaub - kämpft sie vehement gegen Rheinbraun. Nichts kann sie bremsen. Außer Rheinbraun. Das Schicksal ihres Geburtshauses, ihrer Straße ist besiegelt. Inge Broska weiß es zwar, doch sie kann es immer noch nicht fassen. Was passiert mit diesen Tonnen von Besitz? "Kommt alles mit nach Hochneukirch." Also Ende gut, alles gut? Ihr "Nein" klingt sehr gepresst. Margrit Himmel-Lehnhoff

(NGZ)
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