Trainerin Agnes Werhahn verstand die Voltigier-Welt nicht mehr: Nadia Zülow im "Schongang" eine Klasse für sich

Trainerin Agnes Werhahn verstand die Voltigier-Welt nicht mehr : Nadia Zülow im "Schongang" eine Klasse für sich

Die Tränen flossen reichlich gestern Mittag kurz vor 14 Uhr in der Mannheimer Maimarkthalle, und das vor allem bei den beiden Starterinnen des RSV Grimlinghausen. Nur weshalb sie flossen, das dürfte auch für Nadia Zülow und Janine Oswald schwer auseinanderzuhalten gewesen sein: Freudentränen, Tränen der Erleichterung und Tränen der Enttäuschung, alles lag dicht beieinander in diesem Moment, auf den die beiden zwei Jahre gewartet und gut ein dreiviertel Jahr hingearbeitet hatten.

Und es war erstaunlich anzusehen: Nicht Nadia Zülow, die strahlende, die erneut erfolgreiche Titelverteidigerin, stand im Mittelpunkt der Umarmungen, des Schulterklopfens, des Herzens und Küssens zwischen Tribüne und Abreiteplatz. Die größte Aufmerksamkeit gebührte einer Geschlagenen: Janine Oswald, die sich zum Ende ihrer beispiellosen Voltigier-Karriere nichts sehnlicher gewünscht hatte als eine Medaille. Es wäre die fünfte gewesen, die die 23-jährige Neusserin von ihrer fünften Weltmeisterschaft mit nach Hause hätte nehmen dürfen.

Doch sie stand mit leeren Händen da, hauchdünn geschlagen von US-Girl Kerith Lemon, die schon vor zwei Jahren bei den Weltreiterspielen in Rom zwischen ihr und Nadia Zülow gelegen hatte, diesmal aber auch noch der Hamburger Überraschungs-Zweiten Nicola Ströh den Vortritt lassen musste. Janine Oswald hätte wohl losheulen mögen, doch angesichts Dutzender Nachwuchs-Voltigiererinnen, solcher, die selbst schon WM-Teilnehmerinnen waren und partout ein Erinnerungsfoto mit ihr, der eigentlich Geschlagenen, machen wollten, hellte sich ihre Miene ein wenig auf.

Als dann freilich, die obligatorische Sektdusche war gerade überstanden, bei der frischgebackenen Weltmeisterin die Tränen zu fließen begannen, gab es auch für sie kein Halten mehr. Schließlich gesellte sich auch Trainerin Agnes Werhahn dazu, auch sie zwischen Freude und Betroffenheit hin und hergerissen - bei aller Tragik war es ein schönes, ein stimmungsvolles Bild, wie die drei da standen; eines, das irgendwie zu diesen Weltmeisterschaften passte, die mit ihren 5000 Zuschauern und einer phantastischen Stimmung auf den ausverkauften Rängen in die Annalen dieses Sports eingehen werden.

Auch für den RSV Grimlinghausen, denn Nadia Zülows letztlich souveräner Titelgewinn war der fünfte für den Klub vom Nixhof seit der Premiere 1986. Die Weltmeisterin verblüffte dabei die Fachwelt nicht nur auf dem Rücken von Rainbow, sondern vor allem mit einem grundehrlichen Statement nach dem Triumph: "Ich habe heute nicht das gezeigt, was ich wirklich kann. Ich habe die Kür sicher nach Hause voltigiert". Nicht unbedingt das, was man von Nadia Zülow gewohnt ist, die sonst eher Risikobereitschaft dem Sicherheitsdenken vorzieht. Dass es diesmal anders kam, lag wohl daran, dass das Schicksal von Janine Oswald auch ihr die Stimmung verhagelt hatte: "Die Nadia ist genauso fertig wie die Janine", gab Agnes Werhahn gestern früh nach der zweiten Pflicht Einblick in das Seelenleben ihrer zweibeinigen Schützlinge.

Sie selbst verstand die Voltigier-Welt nicht mehr: "Die Janine war so gut wie nie - und dann ist sie vom ersten Tag an konsequent zu niedrig benotet worden, während andere hier in den Himmel gehoben werden". Tatsächlich, zwei sehr gute Kürdarbietungen, die denen von Nadia Zülow nur wenig nachstanden, vermochten nicht den Rückstand wettzumachen, den ihr die Kampfrichter gleich in der ersten Pflicht am Donnerstag (die NGZ berichtete) eingebrockt hatten. Wie ein Häufchen Elend hockte Janine Oswald gestern Morgen nach der zweiten Pflicht hinter der Tribüne: "Ich kann machen, was ich will, ich komme nicht mehr weiter nach vorne", stand für sie schon vor der abschließenden Kür fest. In der sie trotzdem alles zeigte und alles wagte, sogar ihren Flic-Flac zum Abgang, den sie eigentlich nur als "Zugabe" vorgesehen hatte. Der war zwar leicht verwackelt, "aber das war nicht ausschlaggebend", urteilte Agnes Werhahn.

Wohl wahr: Wahrscheinlich hätte Janine Oswald gestern im Voltigiersport noch nie dagewesene Dinge auf Rainbows Rücken vollführen oder am Ende sogar das Pferd aus der Halle tragen können - an der Platzierung hätte das nichts geändert. "Man wird das Gefühl nicht los, dass sie hier einfach keine Medaille gewinnen sollte", richtete Werhahn Vorwürfe Richtung Kampfrichter und Teamleitung. Nadia Zülow formulierte vorsichtiger: "Die Janine war so gut drauf, ich habe wirklich gedacht, sie könnte mich diesmal schlagen. Die ersten Noten waren dann wie ein Schock". Von dem sie sich freilich so weit erholte, dass sie die Konkurrenz souverän in Schach hielt.

Und weil sie wie gesagt nicht alles zeigte, was sie kann, und im Gegensatz zu Janine Oswald ("nach den Deutschen Meisterschaften in zwei Wochen werde ich mich vom aktiven Voltigieren zurückziehen, aber dem Sport treu bleiben") noch mindestens eine Saison dranhängen will, steckt sie diesmal auch nicht in jenem Dilemma wie zu Beginn dieses Jahres: "Es war unheimlich schwer, das, was ich bei der Europameisterschaft gezeigt habe, noch zu übertreffen. Immer wieder habe ich mir diese Frage gestellt: Was kann ich noch mehr zeigen". Diesmal reichte zum dritten WM-Titel nach 1992 mit der Gruppe und 1997 im Einzel der "Schongang" - hätte sie es nicht selbst gesagt, von den Fünftausend gestern in Mannheim hätte es niemand bemerkt.

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