Jüchen: „Musikfernsehen ist überflüssig“

Jüchen : „Musikfernsehen ist überflüssig“

Hochneukirch Er hat VIVA gegründet, die Popkomm erfunden, ist mittlerweile Vorsitzender des Bundesverbandes der Musikindustrie: Dieter Gorny (54). Im Gespräch mit NGZ-Mitarbeiter Peter Böttner erklärte der Medienmanager, warum die Musikbranche so unter dem illegalen Internethandel leidet und wie die Zukunft eines funktionierenden Marktes aussehen könnte.

Er hat VIVA gegründet, die Popkomm erfunden, ist mittlerweile Vorsitzender des Bundesverbandes der Musikindustrie: Dieter Gorny (54). Im Gespräch mit NGZ-Mitarbeiter Peter Böttner erklärte der Medienmanager, warum die Musikbranche so unter dem illegalen Internethandel leidet und wie die Zukunft eines funktionierenden Marktes aussehen könnte.

Herr Gorny, die Krise der Musikindustrie ist unstrittig. Hat die Branche womöglich zu spät auf veränderte Rahmenbedingungen reagiert?

Dieter Gorny Die Digitalisierung der Medien hat sämtliche kreative Branchen überrollt. Man muss sich ja nur mal die Filmbranche anschauen, um die Konsequenzen eines nicht regulierten Internets zu belegen. Die Musikindustrie hatte wohl einfach das Pech, als erste von dieser Welle erfasst zu werden, auch weil die relativ geringe Datenmenge eines Musiktitels den illegalen Tausch deutlich einfacher macht.

Aber es ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass legale Tauschbörsen - als attraktive Antwort der Branche -durchaus ein oder zwei Jahre früher hätten kommen können. Wir müssen jetzt weiter an der Benutzerfreundlichkeit dieser Angebote arbeiten. Die Frage ist: Wie und wo will der Kunde seine Musik konsumieren. Darauf gilt es die passenden Antworten zu finden.

  • Skaterhockey : Crash Eagles melden sich zurück
  • Handball : Diesmal spielt auch der TSV Bayer für sich
  • Ringen : Ringen: Nina Hemmer verteidigt ihren DM-Titel

Die Mindesthaltbarkeit bei so genannten "Superstars" ist deutlich geringer geworden als in früheren Jahren. Könnte es nicht sein, dass beim Kunden einfach die Bereitschaft fehlt, Geld für einen Künstler zu bezahlen, der in wenigen Monaten wieder in der Versenkung verschwindet?

Gorny Das ist das Dilemma des Marktes seit mehreren Jahren. Ich wünsche mir, dass wieder der Mut zurückkehrt, langfristig in einen Künstler zu investieren. Wer würde denn heute noch Pink Floyd in der Urformation unter Vertrag nehmen? Das muss der Weg sein. Wir haben doch gerade erst auf der Berlinale miterleben können, wie das Produkt Rolling Stones auch über 40 Jahre nach ihrer Gründung funktioniert. Allerdings wäre es unsinnig, Formate wie "DSDS" für den Niedergang der Plattenverkäufe verantwortlich zu machen. Das ist eine große Fernsehshow mit Musik, nicht mehr.

Wie sieht denn die Zukunft der Musikbranche aus? Hat der Plattenladen um die Ecke noch eine Chance?

Gorny Grundsätzlich gilt: Aufgenommene Musik muss sich für das Label und den Künstler wieder lohnen. Aber die Musikindustrie ist nicht nur Tonträgerindustrie, sondern produziert ein Gesamtprodukt. Dazu gehören Konzerte, Plattenverkäufe, der digitale Markt.

Wir müssen unser Angebot attraktiver machen, neue Vertriebswege gehen. Gleichzeitig muss aber auch ein Umdenken auf Kundenseite stattfinden. Die Bagatellisierung des illegalen Musikhandels sorgt dafür, dass die Qualität leidet. In letzter Konsequenz stirbt die Branche. Doch wenn die europäischen Volkswirtschaften im internationalen Wettbewerb weiter prosperieren wollen, dann geht das nur über den kreativen Markt. Wir produzieren keine Handys oder Musikplayer. Aber wir können die Inhalte machen.

Sie haben in Deutschland das Musikfernsehen erfunden. Was denken Sie heute, wenn Sie sich das Musikfernsehen anschauen?

Gorny VIVA und MTV waren deshalb so erfolgreich, weil sie Trends gesetzt haben. Doch irgendwann hat man versucht, großes Fernsehen zu machen, hat mehr auf Quote als auf Inhalte gesetzt. Damit ist das Musikfernsehen als Ausdruck der Jugendkultur, als Trendsetter überflüssig geworden. Fernsehen ist ein gesättigter Markt, die spannenden Sachen passieren im Internet. Darauf hätten die Musiksender reagieren müssen, jetzt sind sie nur noch eine schlechte Karikatur ihrer selbst.

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE