Ungleiche Begegnung : Müde Krieger

Kai Wandschneider ist nicht zu beneiden. Zwar geht es ihm besser als seinen Kollegen Zdenek Vanek und Krystof Szargy, die zweistellige Niederlagen in Folge kassieren, weil ihren Arbeitgebern in Stralsund und Essen das Geld ausgegangen ist und sie so keinen Erstliga-tauglichen Kader aufs Parkett schicken können.

Ganz so schlimm ist die Lage beim TSV Dormagen nicht. Doch weil gegenüber der Hinrunde ein halbes Dutzend Spieler aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zum Aufgebot zählen, ist der Aufsteiger nur noch bedingt konkurrenzfähig. Greifen dann noch höhere Mächte ins Geschehen ein, ist die Substanz zu dünn, um Spiele zu gewinnen oder zumindest knapp zu gestalten.

So wie am Samstag bei der 24:33-Niederlage im von den Gastgebern zum "Endspiel um den sportlichen Klassenerhalt" hochstilisierten Duell bei der HBW Balingen-Weilstetten. 72 Stunden nach dem sensationellen, aber eben auch kraftraubenden 26:20-Sieg über die SG Flensburg-Handewitt ging den Dormagenern nach dem 13:17-Pausenrückstand die Puste aus. "Im Vollbesitz unserer Kräfte hätten wir das Ding noch drehen können", war Wandschneider überzeugt, "aber dazu waren wir nicht mehr in der Lage."

Besonders tragisch nahm der Handball-Lehrer die Schlappe indes nicht: "Mit diesem Kader können wir keine zwei Klassespiele innerhalb von drei Tagen bestreiten. Unsere Leistungsträger waren platt, und unseren jungen Leuten haben die Balinger schnell den Schneid abgekauft." Wohl wahr: Als Wandschneider fünf Minuten vor dem Abpfiff auch noch Moritz Barkow seine Bundesliga-Premiere gönnte, stand mehr als die halbe Zweitvertretung auf dem Parkett. Tim Henkel muss nach der Bandscheiben-OP von Tobias Plaz in Ermangelung eines anderen Rechtsaußens bereits in der gesamten Rückrunde 60 Minuten lang die Kohlen aus dem Feuer holen. Kentin Mahé, zarte 17 Jahre jung, kam nach 34 Minuten, um dem vom Dauereinsatz sichtlich gestressten Ex-Balinger Christoph Schindler wenigstens ein bisschen Erholung zu ermöglichen. Und Max Holst löste den zumindest vom Siebenmeterpunkt wieder sicheren Michiel Lochtenbergh nach 43 Minuten auf der linken Außenbahn ab.

Da war die ungleiche Begegnung - Balingens Taktiktüfler Dr. Rolf Brack wechselte munter zwölf annähernd gleichwertige Feldspieler durch, hatte im Koreaner Chi-Hyo Cho außerdem einen überragenden Einzelkönner in seinen Reihen - längst entschieden. Das war sie eigentlich schon nach acht Minuten. Da musste nämlich Florian Wisotzki nach einem nicht geahndeten Foul mit erneuten Kniebeschwerden auf die Bank - auf der der Halblinke auch die restlichen Minuten verbrachte. Auch ohne ihren "absoluten Führungsspieler" (Wandschneider) blieben die Gäste dennoch tonangebend, führten nach zwölf Minuten sogar mit 7:5. Doch dann schickten Jutta Ehrmann-Wolf (Ehefrau der Leverkusener Handballtrainerin Renate Wolf) und Susanne Künzig innerhalb von vier Minuten Kjell Landsberg zwei Mal auf die Strafbank, wo er zwischenzeitlich Michiel Lochtenbergh traf - die Folge: Balingen drehte den Spieß in Überzahl nicht nur um, sondern zog gleich auf 13:9 (22.) davon, "weil wir da gar keinen Innenblock in der Deckung mehr hatten", analysierte Wandschneider.

Nicht nur in dieser Phase drückten die Schiedsrichterinnen großzügig das eine oder andere Auge zu: Balinger Schrittfehler, Stürmerfouls oder Kreisberührungen pfiffen sie erst ab, als die Gastgeber ihren Vorsprung uneinholbar ausgebaut hatten. Auf der anderen Seite hoben sie "oft schon nach drei Pässen die Hand zum Zeitspiel", schimpfte Wandschneider. Was meist einer Doppelbestrafung gleichkommt: Denn die Dormagener "Notwürfe" laden die Gegner meist zu Gegenstößen ein - und weil Vitali Feshchanka nur in der ersten Viertelstunde an seine starke Vorstellung von Mittwoch anknüpfte, hatten die Balinger leichtes Spiel. "Gegen einen völlig kaputten Gegner haben wir es versäumt, noch höher zu gewinnen", monierte Brack - die sichtliche Freude über die mehr als geglückte Revanche für die 24:27-Hinspielniederlage konnte ihm dieses Manko indes nicht nehmen.

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(NGZ)