Korschenbroich: Mord am Schreibtisch

Korschenbroich: Mord am Schreibtisch

Die Krimi-Autorin Kerstin Lange aus Glehn hat zwei Kurzgeschichten zur Anthologie "Nürnberger Morde" beigesteuert. Was die Schriftstellerin in ihren Texten besonders interessiert: die Psychologie des Täters.

Nürnberg muss eine ziemlich blutrünstige Stadt sein: Da wird gemordet und gewürgt, obendrein verschwinden auch noch Leichen. Dabei gilt: Der Täter ist immer der Autor. Mit der Anthologie "Nürnberger Morde" entführen 25 Kurz-Krimis unterschiedlicher Schriftsteller die Leser in die Abgründe menschlichen Handelns. Die 43-jährige Kerstin Lange aus Glehn hat zwei Kurz-Krimis beigesteuert. Einer davon ist "Treffpunkt Gänsemännchenbrunnen". Fasziniert hat Kerstin Lange der Kontrast zwischen niedlich klingendem Ort und grausamer Tat. ",Gänsemännchenbrunnen' klingt ja total lieb, idyllisch. Es hat mich gereizt, an diesem Ort die Handlung für einen Mord anzusiedeln", sagt sie.

Es ist ein Mord, der auf Enttäuschung fußt. Rudolf, der Täter, wird die Erinnerung an seine frühere Geliebte Martha nicht los. Am Gänsemännchenbrunnen lernt er eine junge Malerin kennen, die ihn an seine Ex-Freundin erinnert. Doch Martha hat ihn gemartert: Sie hat Rudolf betrogen, verletzt, verlassen. In der Wohnung der jungen Malerin kommt all dies hoch. Wie ferngesteuert geht Rudolf auf die Malerin los und erwürgt sie.

Hier endet die Geschichte. Wie es weitergeht, überlässt Kerstin Lange der Fantasie des Lesers. Er kann die Geschichte weiterspinnen, sich überlegen, ob und wie Rudolf für seine Tat sühnen muss. "Treffpunkt Gänsemännchenbrunnen" wirkt wie der Ausschnitt aus einem größeren Text.

Konzipiert war er jedoch von vornherein als Kurzgeschichte. Man merkt, dass Kerstin Lange beim Schreiben vor allem die Psychologie des Täters fasziniert. "Mich interessiert nicht nur, was in einem Krimi geschieht", erklärt sie. "Ich möchte wissen, weshalb etwas geschieht, welche Aspekte und Biographie dahinter stecken."

Ihre Begeisterung für Krimis wurde schon früh geweckt. Im Alter von neun Jahren las sie Agatha Christies "Die Katze im Taubenschlag". Noch heute steht das Buch bei Kerstin Lange im Regal. Jetzt möchte sie in die Fußstapfen der großen Krimi-Autoren treten: Im vergangenen Jahr kündigte Kerstin Lange ihren Job als Bilanzbuchhalterin. Seither versucht sie ihr Glück als freie Autorin. "Ich habe mir gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann", erklärt sie.

Unterstützt wird sie in ihrem Schreiben von ihrem Ehemann und der 19-jährigen Tochter. Nur Sonntagabends beim Fernseh-Tatort muss sie sich ein bisschen zurückhalten. "Mein Mann fragt dann immer, ob ich schon weiß, wer der Täter ist", erklärt Kerstin Lange. Und: Natürlich weiß die Krimi-Autorin es in den meisten Fällen. "Der Tatort ist halt auch immer ziemlich ähnlich strukturiert", meint sie.

Eines mag die Autorin trotz ihrer schriftstellerischen Begeisterung für die Abgründe menschlichen Handelns und Verbrechen nicht. "Wenn ein Krimi zu blutrünstig wird oder Kinder entführt werden, reagiere ich dünnhäutig", sagt sie.

(NGZ)