Jüchen : Mit Säbeln gegen Kanonen

Hochneukirch Die Idee birgt einen gewissen Charme: Man nehme einen Piratenjäger und stelle ihn vor die vermeintlichen Freibeuter. Dann lasse man ihn über die Konsequenzen des schändlichen Tuns referieren und hoffe darauf, dass nun angstvolle Einsicht einkehre unter jenen, die so freimütig plündern.

Hochneukirch Die Idee birgt einen gewissen Charme: Man nehme einen Piratenjäger und stelle ihn vor die vermeintlichen Freibeuter. Dann lasse man ihn über die Konsequenzen des schändlichen Tuns referieren und hoffe darauf, dass nun angstvolle Einsicht einkehre unter jenen, die so freimütig plündern.

Was aber, wenn eben dieser Piratenjäger mit Säbeln gegen Kanonen ficht? Dann passiert genau das, was in Hochneukirch der als Abschreckung gedachten Veranstaltung "Musikpiraterie: Folgen und Konsequenzen", ereilte: Die Piraten lachten ein höhnisches "Hoho" und segelten munter davon. Zurück blieb der Bundesverband Musikindustrie und ein verdutzter Chefermittler in Sachen Internetpiraterie.

Wirklich interessant wurde es erst, als der seine rostige Schneide wieder eingepackt hatte und einer sachlichen Diskussion Platz machte. Dumm nur, dass zu diesem Zeitpunkt sämtliche Schüler die Peter-Bamm-Halle bereits verlassen hatten.

Ihre Aufmerksamkeit war nämlich spätestens dann erloschen, als der unglückselige Frank Lüngen, seines Zeichens Chefermittler der proMedia GmbH, erklärte: "Wir verfolgen ja niemanden, der illegal Musik runter lädt, sondern nur diejenigen, die Musik in Tauschbörsen massenhaft anbieten."

Lüngen hätte ebenso gut eine Generalamnestie aussprechen können, das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Denn warum sollte sich jemand über das Strafmaß und die Peinlichkeit einer Hausdurchsuchung Gedanken machen, wenn er weiß, dass ihm als Nutzer von Emule, Bittorrent, Rapidshare und anderen Programmen gar nichts passiert?

Natürlich konnte Lüngen in seinem Vortrag Fortschritte präsentieren. So ist die Zahl der illegalen Downloads seit dem Beginn der Strafverfolgung zurückgegangen, von über 602 Millionen auf knapp 374 Millionen. Gleichzeitig ist die Zahl der Strafanzeigen von 350 im Jahr 2004 auf rund 25 000 im Jahr 2007 gestiegen.

Eine kurzsichtige Analyse ließe also durchaus den Schluss zu, Lüngen und sein Team seien auf dem besten Wege, den Sumpf der illegalen Downloads auszutrocknen. Doch vielleicht ist eine andere Zahl weitaus aussagekräftiger. Legale Downloads bei Anbietern wie musicload oder Itunes nehmen mit 15 Prozent am Gesamtumsatz der Musikindustrie bereits einen beachtlichen Anteil ein, die Bereitschaft attraktive Angebote zu nutzen ist also vorhanden. Und genau an diesem Punkt hätte die Veranstaltung die anwesenden Jugendlichen abholen müssen.

Stattdessen gab Lüngen all jenen kritischen Stimmen Nahrung, die der Musikindustrie die Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen vorwerfen. Lüngen rief die Eltern im Saal offen zur Spionage im Eigenheim auf, hatte extra eine kostenlose Software mitgebracht, mit der sich der PC von Sohn oder Tochter nach illegalen Musiktiteln absuchen lässt. "Aber passen sie auf, dass die Kinder dann gerade nicht im Haus sind", so der Ermittler. Dann war er fertig, hatte alle Schüler aus der Halle vertrieben und durfte am Tisch der Podiumsdiskussion Platz nehmen.

So begann die sachliche Diskussion erst dann, als die Zielgruppe bereits Reißaus genommen hatte. Knut Stenert beispielsweise, der Sänger der Münsteraner Indiepop-Band "Samba", konnte erzählen, warum eine kleine Band kaum noch Chancen hat, ihr Produkt zu verkaufen. Wie sehr die Künstler auf einen funktionierenden Markt angewiesen sind und dass sie auf funktionierende Ideen der Branche warten.

Dieter Gorny, der Ex-VIVA-Chef und jetzige Vorsitzende des Bundesverbandes der Musikindustrie, konnte einen Vortrag darüber halten, was die Bagatellisierung der Internetpiraterie letztlich für Folgen für eine Volkswirtschaft haben kann. Er konnte erklären, warum die Branche ein Recht auf Strafverfolgung hat und keineswegs wahllos Kinder kriminalisiert. Und er durfte darüber philosophieren, wie der Zukunftsmarkt aussehen könnte.

Die Piraten hätten wohl gestaunt, welche Möglichkeiten die Zukunft bereit hält. Und dass ihr Tun nichts mit der Romantik wilder Raubzüge im freien Netz gemein hat, sondern Kreativität und Künstlerexistenzen zerstört. Doch da waren sie schon davon gesegelt.

(NGZ)
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