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Box-Meisterschaft in Berlin: Mit Herz und Köpfchen

Box-Meisterschaft in Berlin : Mit Herz und Köpfchen

Obwohl Hamsa Touba erst am Freitag seinen 18. Geburtstag feiert, krönte der Neusser Boxer in Berlin sein Debüt bei den Männern mit der Deutschen Vizemeisterschaft im Fliegengewicht (bis 51 Kilogramm). Ein ziemlich cooler Typ.

Deutscher Vizemeister im Boxen bei den Männern gleich zur Premiere — das müsste eigentlich jeden 17-Jährigen vom Hocker hauen. Hamsa Touba jedoch ist cool, saucool sogar — und darum hört sich Überschwang bei ihm ungefähr so an: "Ich bin zufrieden. Es war zwar schwer, aber ganz okay." Er sei halt ein ruhiger Typ, erklärt Walter Peters, Ehrenvorsitzender des Boxring Neuss, seinem Stammverein. Der 81-Jährige ist schon seit Ewigkeiten dabei, ein anerkannter Experte. Und als solcher hat er sofort messerscharf erkannt: "Hamsa hat eine dolle Veranlagung, vor allem seine Technik ist herausragend." Dieter Schuster, Geschäftsführer des Boxring, bringt die Sache auf den Punkt: "Er ist kein Schläger, sondern ein Techniker."

Dass da in Neuss ein Riesentalent heranwächst, hat sich natürlich längst herumgesprochen. Touba besucht inzwischen das Boxinternat in Heidelberg, weil er dort den Leistungssport optimal mit der schulischen Ausbildung verbinden kann. Sein Tag ist klar strukturiert: Der Morgen beginnt um 7 Uhr mit einer rund einstündigen Trainingseinheit. Danach drückt er bis 14 Uhr die Schulbank, erledigt seine Hausaufgaben und büffelt unter Anleitung für die Problemfächer. Das funktioniere ganz gut, versichert er: "Aber ich muss schon viel lernen, von alleine kommt das nicht, leider." Ist das erledigt, steht die zweite Trainingseinheit des Tages auf dem Programm. Freizeit gibt es erst ab 20 Uhr. "Aber das ist schon in Ordnung so", findet er.

Weil der Fünfte der Jugend-Europameisterschaft in seiner Altersklasse national mittlerweile fast jeden Gegner aus dem Ring geprügelt hat, wurde Bundestrainer Hans Birka in Neuss vorstellig, fragte auch bei seinem Heimtrainer Boris Fiedler nach, ob er sich zutraue, bei den Männern um den Titel zu boxen. Er tat es, und weil auch Vater Hamida Touba, einst selbst ein recht passabler Faustkämpfer, sein Okay dazu gab, machte sich der mit einer Sondergenehmigung ausgestattete 17-Jährige auf nach Berlin. "Im Nachhinein ein sehr guter Schritt", reflektiert Schuster.

Touba rang seinem filigranen Körper rund acht Pfund ab und ging im Fliegengewicht (bis 51 Kilogramm) an den Start. Im Halbfinale räumte er in einem von der Taktik geprägten Duell mal eben den zweifachen Deutschen Meister Sebastian Möller (Stralsund) mit 2:1 aus dem Weg. Für den Neusser keine Überraschung: "Ich wusste, ich kann ihn schlagen." Im Finale kam es dann aber knüppeldick, ging es vor 700 Zuschauern doch gegen den wesentlich erfahreneren WM-Dritten Ronny Beblik (24) aus Chemnitz. Ein wahrlich furchteinflößender Widersacher — nicht für Touba: "Klar, ein bisschen Respekt hatte ich schon, aber keine Angst. Die darfst du als Boxer nie haben, das ist ein Gesetz!"

Sprüche, denen umgehend Taten folgten: die erste Runde endete 1:1. Erst nach der Pause gab der Favorit Gas, machte dem Youngster klar: "Bei den Männern weht halt ein anderer Wind." Der vierfache Deutsche Meister schickte Touba mit einen harten Leberhaken zu Boden, er wurde angezählt. "Er hat mich ziemlich gut getroffen, das hat echt weh getan." Doch der Außenseiter zeigte Herz und gewann den letzten Durchgang mit 1:0. Die 2:6-Niederlage machte ihm aber noch einmal klar: "Es reicht nicht, nur technisch gut zu sein, du musst auch hart schlagen können."

Wie es weitergeht, weiß Touba, der am Freitag 18 wird, schon jetzt genau: Ende des Jahres schlüpft er ins Trikot des Bundesligisten SC Colonia 06 Köln und finanziert sich damit seinen Führerschein. Bis dahin ist auch sein in Berlin erlittener Kapselriss im Finger auskuriert. Und dann ist ja da auch noch der große Traum von Olympia. "Ein realistisches Ziel", findet er. Trotz seiner marokkanischen Wurzeln steht für ihn felsenfest, dass er für Deutschland starten würde: "Natürlich, ich bin ja hier geboren." Profi will er danach indes nicht werden: "In den tiefen Gewichtsklassen verdienst du hier nichts. Die Leute gucken lieber die Klitschkos."

(RP)