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Mit 80 Jahren blickt die Neusser Fußball-Legende Heinz Gräfer zurück

Fußball : Von Pelé, Bayern München und dem VfR

Mit 80 Jahren blickt die Neusser Fußball-Legende Heinz Gräfer aus Büttgen auf ein aufregendes Leben zurück.

Heinz Gräfer ist vorbereitet. Auf dem Wohnzimmertisch in seinem Reihenhaus an der Raitz-von-Frenz-Straße in Büttgen liegt neben Alben mit ungezählten Fotos und liebgewonnenen Erinnerungsstücken ein handgeschriebener Zettel. „Da steht eigentlich alles drauf, was wichtig ist“, sagt der 80-Jährige. Nein, eine Plaudertasche ist der ehemalige Topstürmer nicht gerade. Muss er auch nicht. Dafür hat er seine Frau „Edeltraud“, die die an Geschichten reiche Fußballkarriere ihres „Knödels“ ebenso temperamentvoll wie charmant ins rechte Licht zu rücken weiß.

Und mit dem kuriosen Spitznamen ist sie direkt mittendrin. Der stammt nämlich aus der Zeit, als Heinz Gräfer vom damals noch nicht ganz so übermächtigen FC Bayern München zum VfR 06 Neuss wechselte. 1962 war das. Und hinter dem Rückkehrer lagen aufregende Monate: Der Neusser Unternehmer Roland Endler, mit seinen Firmen Elektro-Schweiß-Industrie GmbH und Neue Schweißtechnik überaus erfolgreich am Markt positioniert und seit 1958 Präsident der „Roten“, hatte den Torjäger von Rot-Weiß Lintorf an die Isar geholt. Dort durfte er aus vertragsrechtlichen Gründen zwar nur Freundschaftsspiele bestreiten, freute sich als Amateur aber über „tolle Spiele“ gegen Manchester United im legendären Old-Trafford-Stadion, Dynamo Kiew, Hibernian Edinburgh und die National-Elf der Schweiz.

Auf Reisen mit dem VfR Neuss: Fußball-Legenden wie Klaus Memmert, Gerd Buddatsch, Heinz Gräfer, Robert Begerau, Jupp Kokesch und Klaus Schonz. Foto: Dirk Sitterle

„Meine schönste Zeit.“ Aber irgendwas fehlte. „Ich bekam Heimweh, wollte eigentlich zurück nach Lintorf.“ Weil aber Roland Endler im heimischen Neuss auch den gerade in die höchste Amateurklasse aufgestiegenen VfR Neuss als Mäzen großzügig unterstützte, lotste er seinen Ziehsohn an die Hammer Landstraße. Bis zur seiner Hochzeit wohnte Gräfer sogar in dessen Haus am Grünen Weg in Gnadental. „Da hat sich alles abgespielt“, erinnert sich seine Frau, „selbst Hennes Weisweiler kam dahin.“ Es folgten ereignisreiche Jahre mit Urlauben im mondänen Riccione an der italienischen Adriaküste – samt sündhaft teuren Rivabooten und Exklusiv-Auftritten von Nini Rosso, der mit dem instrumentalen Trompetenstück „Il Silenzio“ 1965 einen Welthit landete.

Ganz besondere Highlights waren natürlich die Besuche von Pelé in der Quirinusstadt in den 1960er- und 1970er-Jahren. Der dreimalige Weltmeister pflegte eine enge Freundschaft mit Endler. Der schlug dem großen Star des FC Santos und Trauzeugen seiner Tochter sogar vor, nach München zu wechseln, wie die Legende des brasilianischen Fußballs in einem Interview 2012 verriet: „Ich hatte Angebote von Mailand, Madrid, aber das konkreteste Angebot war von Bayern.“ Seine einmalige Karriere beendete Pelé aber 1977 bei New York Cosmos.

Heinz Gräfer am Tisch mit dem dreimaligen Fußball-Weltmeister Pelé (r.) und dem Fabrikanten Roland Endler. Foto: H. Gräfer

 Heinz Gräfer war stets dabei. Und auch als Fußballer lief es für den von seinen Mitspielern wegen seines Gastspiels in Bayern nur „Knödel“ gerufenen Goalgetter, mittlerweile im Betrieb seines Förderers als kaufmännischer Angestellter untergekommen, prächtig. Direkt in seiner ersten Saison in Neuss – bei seinem Debüt waren schon 13 Partien gespielt – schoss er die Grün-Weißen noch zum Klassenverbleib in der Verbandsliga. „Wir wurden am Ende noch Dritter und ich wurde Torschützenkönig.“ Wie oft er den Ball damals ins Netz beförderte, hat er längst vergessen. „Aber 30, 40 Tore waren es bestimmt.“ Und noch heute steht für seine Ehepartnerin fest: „Mein Mann hat den VfR gerettet.“ Selbstverständlich gehörte er 1967 an der Seite von Klaus Schonz, Gerhard Buddatsch, Klaus Memmert, Jupp Kokesch, Karl-Heinz „Hoppi“ Sasserath, Werner Tenbruck, Uli Kohn, Willi Traut, Peter Schäfer und Walter „Ede“ Wolf auch zu den VfR-Heroen, die an der Hammer Landstraße vor 13.500 Zuschauern Fortuna Düsseldorf mit 5:4 bezwangen.

Über die Jahre füllte er in Neuss viele Rollen aus. „Ich habe auf jedem Posten gespielt, außer Torwart. Der liebste Platz war mir der des Ausputzers.“ Pro Einsatz habe es damals 50 Mark gegeben. „Das war viel Geld für uns.“ Schmunzelnd erinnert sich seine Frau an die ersten Begegnungen. „Als ich ihn kennenlernte, hieß es, er sei Millionär ...“ Ein volles Bankkonto ist ihm von seiner langen Laufbahn im Fußball freilich nicht geblieben, dafür zahlreiche Operationen: neues Fußgelenk rechts, drei neue Hüftgelenke links und ein neues Kniegelenk rechts. Er ist froh, dass er normal gehen kann, nimmt oft das Fahrrad.

Fit mit 80: Heinz Gräfer. Foto: Dirk Sitterle

Dass er nicht bei den Bayern geblieben sei, habe er trotz ihres Aufstiegs in die Bundesliga 1965 mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller nie bereut, versichert der mittlerweile 80-Jährige, obwohl er hundertprozentig davon überzeugt ist, „dass ich damals einen Vertrag bekommen hätte, wenn ich nicht nach Neuss gezogen wäre.“

Der Abonnementmeister hat seinen ehemaligen Spieler im Übrigen nicht vergessen. In den Unterlagen finden sich auch eine offizielle Grußkarte der Münchener Profis mit besten Genesungswünschen, unterschrieben von Stefan Effenberg, Oliver Kahn, Bixente Lizarazu, Jens Jeremies, Mehmet Scholl, Elber, Alexander Zickler,  Thorsten Fink und Trainer Ottmar Hitzfeld.