Lokalsport : Meisterliches Meisterstück

Von Nervosität keine Spur, im Gegenteil: Souverän beherrschte der TSV Bayer Dormagen die TSG Friesenheim und zeigte bei seinem 36:27-Sieg jene " Bedingungslosigkeit ", die ihn vorzeitig zum Meister gemacht hat.

Eine Erkenntnis wird Francois-Xavier Houlet, französischer Ex-Nationalspieler und jetzt Sportlicher Leiter des VfL Gummersbach, auf jeden Fall mit ins Oberbergische genommen haben am Samstagabend: Die Stimmung beim TSV Bayer Dormagen ist erstliga-reif.

Foto: jazyk

Offiziell 2550 Zuschauer (wahrscheinlich noch ein paar mehr) feierten im zum fünften Mal in dieser Spielzeit ausverkauften TSV-Bayer-Sportcenter den 36:27-Sieg (Halbzeit 18:13) über die TSG Friesenheim, mit dem der Spitzenreiter des Zweiten Liga Süd am fünftletzten Spieltag den Aufstieg in die Handball-Bundesliga perfekt machte.

"Wenn mir das einer zu Saisonbeginn gesagt hätte, den hätte ich für verrückt erklärt", meinte Houlets Dormagener Pendant Uli Derad mit Blick auf den frühen Zeitpunkt des Meisterstücks, den auch Trainer Kai Wandschneider schlichtweg als "sensationell" empfand.

Sensationell war auch, wie seine Mannen den Tabellensechsten im Griff hatten an diesem so bedeutsamen Handballabend. Keine Spur von Nervenflattern, kein zittriges Händchen trotz des unverhofften Glücksmomentes, dank der 29:33-Niederlage von Verfolger HSG Düsseldorf am Vorabend bei der HG Oftersheim/Schwetzingen den so lange ersehnten Aufstieg endlich unter Dach und Fach bringen zu können.

Im Gegenteil: Angetrieben von einem Florian Wisotzki in erstliga-reifer Verfassung ließen die Dormagener eigentlich nie Zweifel aufkommen, wer Herr des Geschehens war.

Gästetrainer Thomas König gab seinen Versuch, dem Spitzenreiter per offensiv ausgerichteter 3:3-Deckung beizukommen, jedenfalls schon früh auf. Fortan waren die Friesenheimer ein zwar bemühter, aber nie wirklich gefährlicher Sparringspartner. Nicht, dass sie es an der nötigen Einstellung hätten fehlen lassen. Doch gegen einen bis in die Haarspitzen konzentrierten Tabellenführer war einfach kein Kraut gewachsen.

"Weil mal wieder jeder Spieler, der von der Bank kam, seine Rolle hundertprozentig erfüllt hat", stellte Wandschneider fest. So wie Jojo Kurth, der nach 23 Minuten einen bis dahin ungewohnt schwachen Vitali Feshchanka zwischen den Torpfosten ablöste.

Und prompt einen Strafwurf von Nico Kibat meisterte. Mit diesem Schwung im Rücken zogen die Hausherren von 13:11 (23.) auf den 18:13-Pausenstand davon. Den sie innerhalb von nur drei Minuten nach Wiederbeginn auf 21:13 ausbauten.

Für Thomas König eine der beiden entscheidenden Phasen in einer auf hohem und intensivem Niveau geführten Partie. Die andere hatte gleichfalls mit den Dormagener Schlussleuten zu tun.

Denn die Gäste hatten sich bis zur 48. Minute auf 24:29 herangekämpft, als der acht Minuten zuvor wieder eingewechselte Feshchanka beschloss, sein Gehäuse zu vernageln: "Da sind wir drei Mal freistehend gescheitert und hatten so keine Chance mehr, das Spiel noch enger zu gestalten", analysierte König.

Im Gegenteil: Fast schon beängstigend konsequent und konzentriert zogen die Dormagener wieder auf und davon (33:24, 54.), ließen sich auch von der überschwänglichen Stimmung im ausverkauften Rund - "standing ovations" in den letzten 315 Sekunden - nicht von dem abbringen, was ihr Trainer als die neue Tugend seiner Schützlinge preist: "Wir haben diese Bedingungslosigkeit gelernt, die uns in den Vorjahren gefehlt hat."

Eine Tugend, die er auch in den restlichen vier Saisonspielen erwartet: "Wir wollen diese Saison einhundert Prozent zu Ende spielen", kündigt er mit Blick auf die Partien in Delitzsch, gegen Obernburg, in Eisenach und zum Finale am 3. Mai gegen die SG Bietigheim-Metterzimmern an.

Das seien sie nicht nur der Fairness gegenüber der Konkurrenz, sondern auch den eigenen Fans schuldig. 40 haben sich für die Fahrt am Samstag nach Delitzsch angemeldet, 70 für die nach Eisenach. Und die beiden Heimspiele werden wohl auch ausverkauft sein, auch wenn es rein tabellarisch um nichts mehr geht.

Francois-Xavier Houlet wird diese Stimmung mitnehmen zum VfL Gummersbach, der verzweifelt um die Anerkennung der Fans in seiner gar nicht so weit entfernten Wahlheimat Köln-Arena kämpft. Dort wird Adrian Pfahl künftig seine Brötchen verdienen.

Der Linkshänder, in den letzten Saisonspielen zum Leistungsträger gereift und mit acht Toren auch bester Werfer gegen Friesenheim, wird sich vielleicht noch an den Höhenberg zurücksehnen. Erstliga-Handball gibt es dort ab September auch. Und auch wenn sich die Fans dann nach dreieinhalb Jahren wieder an Heimniederlagen gewöhnen müssen: Leidenschaft gibt's gratis dazu.

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE