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Leichtathletik Tanja Spill wird Deutsche Vizemeisterin über 800 Meter

Leichtathletik : Wenn der Trainer ein Mal pfeift

Mit einem fulminanten Endspurt sicherte sich Tanja Spill am Sonntagabend in Braunschweig die Deutsche Vize-Meisterschaft über 800 Meter der Frauen. Das Signal dazu gab ihr Trainer Willi Jungbluth mit einem lang gezogenen Pfiff von der Tribüne. Der Rommerskirchener war einst selbst Läufer der Spitzenklasse.

Dieses Rennen kann man sich immer wieder anschauen. Wie Tanja Spill die Zielgerade des Braunschweiger Eintracht-Stadions hinunter fliegt, vorbei an zwei, drei Konkurrentinnen, die sie vor der letzten Kurve schon abgehängt hatten. Wie sie am Ende die vom Startschuss an führende Christina Hering auf deren Weg zum elften Deutschen Meistertitel fast noch in Bedrängnis gebracht hätte.

Wären Zuschauer im Stadion gewesen, dieses Rennen hätte sie von den Sitzen gerissen. Doch mit Blick auf die Corona-Schutzverordnungen waren die Athleten bei diesen Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften (fast) unter sich – nur Kampfrichter, Offizielle und Medienvertreter waren zugelassen.

Tanja Spill mit Trainer Willi Jungbluth (l.) und ihrem Freund Fabian Spinrath, der bei der DM über 800 Meter im Vorlauf ausschied. Foto: Spill

Und Trainer. Zum Glück für Tanja Spill. Denn es war Willi Jungbluth, der die 25-Jährige 230 Meter vor dem Ziel wachrüttelte, als bestenfalls noch Platz fünf in Reichweite schien. Mit einem Pfiff. „Ich wusste, wenn Willi pfeift, geht es auf jeden Fall,“ sagt Tanja Spill über den mitreißenden Spurt bei 34 Grad im (nicht vorhandenen) Schatten. Was die Zonserin im Trikot des TSV Bayer Dormagen als Aufbruchsignal verstand, sorgte bei der Führenden für Verwirrung: „Dann hat die ganze Zeit jemand laut gepfiffen und ich war verwirrt, ob ich disqualifiziert bin. Das hat mich auf den letzten 200 Metern etwas rausgebracht,“ sagte Christina Hering, die zuvor unabsichtlich mit der nach vorne stürmenden Deutschen Juniorenmeisterin Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler) kollidiert war, nach dem Rennen, das sie in 2:01,62 Minuten vor Spill (2:02,07) und ihrer Münchner Trainingspartnerin und letztjährigen WM-Halbfinalistin Katharina Trost (2:02,27) gewann.

Dabei sind Jungbluths Pfiffe nichts Neues in den Leichtathletik-Arenen. Schon 2016 bei den nationalen Titelkämpfen in Kassel hatte der Trainer seinen Schützling mit einem Pfiff „aufgeweckt“, was Tanja Spill von Rang neun auf Platz drei sprinten ließ – und die in die nationale Spitze katapultierte. Ein paar Wochen später verpasste sie in 2:01,63 Minuten nur um 13 Hundertstelsekunden die Norm für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. DM-Platz zwei ein Jahr später, wieder hinter Hering, war da keine große Überraschung mehr.

Der von Braunschweig schon. Denn hinter Tanja Spill liegt eine lange Leidenszeit. Nachdem sie im Training mit einer anderen Läuferin zusammengestoßen war, folgten eine Fußoperation und immer wieder Beschwerden, was ihr schließlich ein Jahr Trainingspause bescherte. Und als die vorbei war, kam Corona – was das Comeback nicht einfacher machte.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hatte die Sportstudentin inzwischen aus dem Kader geworfen. Im Gegensatz dazu hielten die Sportstiftung NRW, die Stiftung Sport des Rhein-Kreises und die Partner für Sport und Bildung ihre Unterstützung aufrecht. „Danke an alle Förderer und Supporter. Ohne solch ein Team um mich herum wäre das Ganze niemals möglich gewesen,“ postete Tanja Spill am Tag nach der Vizemeisterschaft auf ihrer Facebook-Seite, verbunden mit einem „Dank an alle, die mitgefiebert, immer an mich geglaubt und mir Mut zugesprochen“ haben.

So wie Willi Jungbluth. Der 68-Jährige, der mit Ehefrau Sibille in Rommerskirchen lebt und längst Großvater zweier Enkel ist, kann sich gut in eine Athletin wie Tanja Spill hineinversetzen. Schließlich war seine eigene Karriere als Mittel- und Langstreckler, die er 1967 beim VfL Oberaußem begann und die er nach Stationen bei Jugend 07 Bergheim, LG Bonn/Troisdorf und Bayer 04 Leverkusen ab 1985 beim TSV Bayer Dormagen ausklingen ließ, gleichfalls von Verletzungspausen geprägt.

Trotzdem wurde er 1974 im marokkanischen Rabat Militär-Weltmeister im Crosslauf, zusammen mit Detlef Uhlemann und Hans-Jürgen Orthmann, den Langstrecken-Legenden der damaligen Zeit. Ein Jahr zuvor war er Militär-Weltmeister über 10.000 Meter geworden, 1974 wurde er DM-Dritter über diese Distanz, zwei Jahre später DM-Dritter über 3000 Meter Hindernis. Nur am Rande: Seine damalige Zeit von 8:41,2 Minuten hätte am Sonntag in Braunschweig zum Titelgewinn gereicht.

Seit er vor dreißig Jahren seine Spikes an den Nagel hängte, gibt Willi Jungbluth beim TSV Bayer sein Wissen als Trainer weiter. Und wenn er demnächst wieder irgendwo durchs Stadion pfeift, wird auch Christina Hering wissen, wohin der Hase läuft.