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Leichtathletik: Tanja Spill triumphiert bei Hallen-DM über 800 Meter.

Leichtathletik : Tanja Spill triumphiert bei Hallen-DM

Die Leichtathletin des TSV Bayer Dormagen macht in Dortmund mit einem unwiderstehlichen Schlussspurt den größten Erfolg ihrer Laufbahn perfekt. Die Norm für die Hallen-EM verpasst sie nur um Sechshundertstelsekunden.

Ungefähr nach 650 Metern gab Trainer Willi Jungbluth das Signal zum Angriff. „Wir hatten uns da als Richtpunkt einen ganz bestimmten Pfeiler an der Bahn ausgeguckt.“ Sein Schrei gellte durch die wegen des Lockdowns fast leere Helmut-Körnig-Halle in Dortmund. „Jetzt! Komm!“ peitschte er seinen hochkonzentrierten Schützling nach vorne. „Zur Not hatte ich meine Trillerpfeife dabei“, verriet er hinterher, „und die hätte ich auch eingesetzt.“ Musste er aber gar nicht. Tanja Spill (TSV Bayer Dormagen) hielt sich genau an den Plan, der da hieß, möglichst lange an Titelverteidigerin Christina Hering (LG Stadtwerke München) „dranzubleiben, da keine zu große Lücke aufkommen zu lassen und dann natürlich irgendwie zu versuchen, vorne anzukommen.“ Das gelang ihr in beeindruckender Manier. In einem, so TSV-Athletiktrainer Peter Kurowski, „sensationellen Schlussspurt“ lief sie die Konkurrenz förmlich in Grund und Boden, krönte mit ihrem Sieg eine herausragende Vorstellung. Ihr Fazit: „Ich freue mich natürlich mega, endlich mal gewonnen zu haben. Der Titel fehlte mir in der ganzen Reihe noch.“

Für Jungbluth ein Erfolg mit Ansage. „Dass sie am Ende so klar vorne liegt, mag den ein oder anderen vielleicht überraschen, mich aber nicht. Tanja kann sogar noch zwei Sekunden schneller laufen.“ Das wäre in Dortmund sicher von Vorteil gewesen, schließlich fehlt der 25-Jährigen mit ihrer Zeit von 2:03,06 Minuten nun die Winzigkeit von Sechshundertstelsekunden an der Norm für die anstehenden Hallen-Europameisterschaften im polnischen Torun (4. bis 7. März). Eine Nichtberücksichtigung für die kontinentalen Titelkämpfe hätte gerade für sie schon tragische Züge. „Natürlich läuft auch so ein bisschen Wehmut mit, dass ich halt keine Quali habe“, stellte die Dormagenerin schon wenige Minuten nach ihrem Triumph fest. „Das ist jetzt ja meine fünfte Saison, wo ich es um weniger als eine Sekunde verpasst habe, wieder nur ein paar Hundertstel – und ja, das macht das Ganze halt etwas trauriger.“

Mit Blick auf die vielen in geradezu bewundernswerter Manier überwundenen Rückschläge – etwa die in 2:01,63 Minuten nur hauchdünn um 13 Hundertstelsekunden verpasste Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro oder die zweijährige Leidenszeit mit zwei Operationen am Fuß –, steht für ihren auch emotional am absoluten Limit agierenden Trainer („Nach so einem Rennen zittert mein ganzer Körper, da brauche ich erstmal meine Ruhe.“) eines fest: „Wenn es jemand verdient hat, dann sie. Und es gibt in der Leichtathletik wirklich niemanden, der ihr das nicht gönnen würde. Ich hoffe einfach auf den guten Willen der Funktionäre. Schließlich hat sie die internationale Norm von 2:05 Minuten erfüllt. Dazu ist sie jetzt zweimal im Bereich von 2:03 Minuten gelaufen. Das ist schon heftig, das hat in dieser Saison selbst international keine zu bieten.“

Und weil Tanja Spill das Herz einer Kriegerin hat, blickt sie unbedingt positiv in die Zukunft. „Ich habe es jetzt im Winter das erste Mal wieder geschafft durchzutrainieren. Und da haben wir immer mehr gemerkt, die Form kommt und ich kann vorne mitlaufen.“ Schon in der vergangenen Saison (2020) hatte sie mit Platz zwei bei den in Braunschweig ausgetragenen Deutschen Freiluft-Meisterschaften bewiesen, „dass ich eigentlich wieder zur Spitze dazugehöre.“ Allerdings ist natürlich auch ihr bewusst, dass die Karten im Sommer wieder neu gemischt werden. Dann dürfte auch die starke Katharina Trost (belegte in Dortmund Rang drei über 1500 Meter) wieder dabei sein. „Und jede hat noch mal ‘ne andere Form draußen. Ich hoffe natürlich, mich für Olympia qualifizieren zu können.“

Ihre Chance, noch auf den Zug Richtung Hallen-EM in Polen aufzuspringen, hält sie jedoch nicht für sonderlich groß. „Klar, das wäre toll, wenn es klappen würde. Aber ich gehe erstmal nicht davon aus.“ Das deutsche Aufgebot soll am Mittwoch bekanntgegeben werden. Bei aller Freude, endlich mal ganz vorne gewesen zu sein, „was für mich eine Bestätigung ist, dass es richtig war, nie aufgegeben zu haben“, vergisst sie in keiner Sekunde den Anteil der Trainer am größten Erfolg ihrer bisherigen Laufbahn, „denn auch sie haben mich nie aufgegeben, haben immer an mich geglaubt.“ Das hört Willi Jungbluth natürlich gerne. Sein gut gemeinter Rat: „Jetzt soll sie das Ganze erstmal genießen.“