Gerätturnen Auch ein Sieg über die Selbstzweifel

Dormagen · Das Weltcup-Gold am Schwebebalken in Baku stärkt das Selbstvertrauen von Sarah Voss (22) auf dem beschwerlichen Weg zu ihren zweiten Olympischen Spielen 2024 in Paris. „Ich konnte den Fokus aufs Hier und Jetzt richten“, sagt sie.

 Im Oktober 2019 stand Sarah Voss bei den in Stuttgart ausgetragenen Weltmeisterschaften im Balkenfinale. Am Sonntag holte die Dormagenerin Gold beim Weltcup-Turnier in Aserbaidschan.

Im Oktober 2019 stand Sarah Voss bei den in Stuttgart ausgetragenen Weltmeisterschaften im Balkenfinale. Am Sonntag holte die Dormagenerin Gold beim Weltcup-Turnier in Aserbaidschan.

Foto: dpa

Im Finale, das Sarah Voss hinter der Ukrainerin Daniela Batrona als Zweite der Qualifikation mit der höchsten Wertung erreicht hatte, waren sie plötzlich wieder da: Die nach ihrer auch für sie unbefriedigenden Vorstellung bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio entstandenen Selbstzweifel. Dass sie bei dem bis dahin wichtigsten Wettkampf ihrer Karriere nicht ihr tatsächliches Leistungsvermögen abgerufen hatte, „werde ich niemals vergessen“, sagt die Dormagenerin, versichert aber: „Das soll meine zukünftigen Leistungen nicht beeinflussen.“

In Baku bekam sie ihre flatternden Nerven jedenfalls wieder schnell in den Griff. „Ich konnte meine Ruhe finden, den Fokus aufs Hier und Jetzt richten.“ Am Ende sorgte die 22-Jährige für den einzigen deutschen Erfolg beim Turn-Weltcup in Aserbaidschan, gewann am Schwebebalken mit 13,733 Punkten mit deutlichem Abstand vor der Französin Lorette Charpy mit 12,966 Zählern und Daniela Batrona (12,900) Punkten. Am Tag zuvor hatte sie am Stufenbarren mit 12,933 Punkten hinter Charpy (13,866) sowie den Niederländerinnen Naomi Visser (13,100) und Vera van Pol (12,966) Platz vier belegt. Wirklich überraschend kam für sie der Sieg am Balken nicht. „Was ist da so zeige, war schon immer die schwierigste Übung. Ich weiß seit der Finalteilnahme bei der WM 2019 in Stuttgart, dass ich international absolut konkurrenzfähig bin.“

Dabei beschränkte sie sich bei ihrem Abgang auf eine Doppelschraube, ließ eine zusätzliche halbe Drehung, die ihren Ausgangswert noch um drei Zehntel erhöht hätte, vorsichtshalber weg. „Sie befindet sich noch im Aufbautraining“, begründet ihre Trainerin Shanna Poljakova. Und Sarah Voss ergänzt: „Die Übung, die ich gezeigt habe, ist neu und auch schwieriger als die bei den Olympischen Spielen. Es ist noch Luft nach oben, aber ich freue mich sehr, dass es so gut funktioniert hat. Es gibt noch Feinheiten, an denen ich arbeiten kann, aber ich bin wirklich stolz drauf, was ich in Baku auf den Balken zaubern konnte.“ Und das ist ja erst der Anfang einer an Höhepunkten reichen Saison: Ende Mai (26. bis 29.5.) findet im bulgarischen Warna der nächste Weltcup der „Fédération Internationale de Gymnastique“ (FIG) statt. Vom 23. bis 26. Juni werden im Rahmen des Multisport-Events „Die Finals 2022“ in Berlin wie schon 2019 und 2021 die Deutschen Meisterschaften ausgetragen. Auf die zweite Auflage der „European Championships“ vom 11. bis 21. August in München mit Europameisterschaften in der Leichtathletik, im Radsport (Straße, Bahn, Mountainbike Cross-Country und BMX-Freestyle), Kunstturnen, Rudern, Triathlon, Kanurennsport, Beachvolleyball, Tischtennis und Sportklettern freut sich Sarah Voss ganz besonders: „coole Sportarten, cooler Rahmen.“ Und dann gibt es da ja auch noch die 51. Turn-Weltmeisterschaften vom 28. Oktober bis zum 6. November in der englischen Fußball-Hochburg Liverpool.

Schon ein strammes Programm. Die Tage im heimischen Rheinfeld dürften damit rar gesät sein, schließlich sind alle Planungen schon jetzt ausgerichtet auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Aus dem mentalen, aber auch körperlichen Tief nach dem verpassten Finale in Tokio hat sie sich längst wieder herausgearbeitet. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. „In den vergangenen Monaten habe ich mich wirklich sehr aufs Training fokussiert“, sagt sie. Als angehende Wirtschaftswissenschaftlerin ist sie eben daran gewöhnt, auch das eigene Handeln einer nüchternen Analyse zu unterziehen. „Bevor ich eine Million Versuche mache, bis etwas klappt, denke ich erst einmal darüber nach, wie die Lösung aussehen könnte.“ Nicht die schlechteste Idee ...