Schwimmen : Kohlmann kehrt NSV den Rücken

Weil sie in Brandenburg eine Ausbildung zur Polizistin beginnt, verlässt Janine Kohlmann den Neusser Schwimmverein. Der fürchtet überdies, dass das Neusser Stadtbad erneut auf die "Sparliste" des Kämmerers geraten könnte – mit fatalen Folgen für die Leistungsschwimmer um Philip Lücker

Der Brief an Karl Bongers trägt im Absender bereits eine Adresse in Berlin. Weil sie am 1. Oktober beim Land Brandenburg eine Ausbildung zur Polizistin beginnt, hat Janine Kohlmann dorthin ihren Wohnsitz verlegt – und wird künftig auch nicht mehr für den Neusser Schwimmverein (NSV) sondern den OFC Potsdam an den Start gehen.

Philip Lücker ist die neue Neusser Olympiahoffnung für Rio 2016. Doch nur, wenn der 18-Jährige weiterhin auf einer 50-Meter-Bahn trainieren kann. Foto: privat

Karl Bongers wirkt konsterniert. "Das ist für mich der zweite Fall Thomas Rupprath", sagt der 88-Jährige. Mit einem Unterschied: Als der Olympiadritte von Sydney in der Lagenstaffel vor zwölf Jahren den NSV verließ, brach der Ehrenvorsitzende jeden Kontakt zu dem späteren "Dschungelcamper" ab. Für den Schritt der Modernen Fünfkämpferin zeigt er hingegen Verständnis, zumal sich die 21-Jährige in ihrem Brief bei ihm "für die tolle Unterstützung in den letzten Jahren" artig bedankt: "Mit Ihrer Hilfe habe ich in meiner Karriere schon vieles erreicht", schreibt die aktuelle Staffel-Weltmeisterin, die die Olympiafahrkarte nach London knapp verpasste.

Weniger Verständnis haben Bongers und der NSV-Vorsitzende Siegfried Willecke dafür, dass es offenbar nicht möglich war, Kohlmann einen Ausbildungsplatz bei der nordrhein-westfälischen Polizei zu besorgen: "Da ist wohl einiges schief gelaufen", sagt Willecke. Nachdem die 21-Jährige, derzeit als Sportsoldatin bei der Bundeswehr, einmal abgelehnt worden sei, hätten auch "intensive Bemühungen des Olympiastützpunkts und des stellvertretenden Landrats" nicht geholfen. In Brandenburg die Ausbildung zu absolvieren und trotzdem weiter für den NSV zu starten sei am Veto des dortigen Landesverbandes gescheitert. Willecke hegt den wahrscheinlich nicht ganz unbegründeten Verdacht, dass die in der Bundeshauptstadt beheimatete Fünfkampf-Bundestrainerin Kim Raisner den Wechsel der ehemaligen Jugend-Europameisterin ins Berliner Umland nicht gerade mit einem weinenden Auge verfolgt hat. "Den Bundesstützpunkt in Warendorf aufzugeben und nach Potsdam zu verlegen war ein großer Fehler", sagt Bongers in Richtung des Deutschen Verbandes für Modernen Fünfkampf (DVMF).

Trotz des Weggangs von Janine Kohlmann hat der 1470 Mitglieder starke NSV einen Athleten mit Perspektive für die Olympischen Spiele 2016 in seinen Reihen: Philip Lücker ist über 100 Schmetterling "jetzt schon schneller als Thomas Rupprath zum gleichen Zeitpunkt war", vermerkt Siegfried Willecke nicht ohne Stolz. Das brachte dem 18-Jährigen, in diesem Jahr Teilnehmer an den Jugend-Europameisterschaften, die Berufung in das nach dem London-Desaster des Deutschen Schwimmverbandes neu gegründete "Junior-Top-Team" des Schwimmverbandes NRW ein.

Willecke treibt freilich eine Sorge um: Dass die "an sich sehr guten Trainingsbedingungen" des NSV bald passé sein könnten, falls das Neusser Stadtbad im Zuge der Haushaltsberatungen wieder in die Diskussion und auf die Liste der zu schließenden Einrichtungen gerät: "Ohne 50-Meter-Bahn kannst du keine Leistungsschwimmer auf diesem Niveau trainieren", sagt der NSV-Chef. Seine düstere Vision: "Wenn das Stadtbad und die Römertherme in Dormagen geschlossen werden, ist der Schwimmsport im Rhein-Kreis tot."

(NGZ)