Stärkere Präsens in der Öffentlich: Kein verstaubter Laden

Stärkere Präsens in der Öffentlich : Kein verstaubter Laden

Von Simon Hopf

Von Simon Hopf

Zwei Ausstellungen - unter anderem zur kommunalen Neugliederung - und intensive Kooperation mit den weiterführenden Schulen: Das Gemeindearchiv will sich mit Unterstützung des Fördervereins künftig stärker in der Öffentlichkeit präsentieren. Er leitet seit 2002 das Archiv der Gemeinde Jüchen: Dr. Axel Bayer. Besonders stolz ist der Historiker auf die große Bibliothek , die so manches Schätzchen birgt. NGZ-Foto: M. Reuter

Auf dem Schreibtisch herrscht das geordnete Chaos, Bücher liegen neben Unterlagen, Schriftstücken und Akten: Gemeindearchivar Dr. Axel Bayer kann sich über mangelnde Arbeit sicherlich nicht beklagen. Umgeben von ebenso vollen Regalen könnte er sich förmlich in seinem Büro vergraben, wenn er denn wollte. Ein Griff nach links, ein Griff nach rechts, ein Blick hinein - schon wird vor seinem geistigen Auge die Vergangenheit lebendig. Über was könnte und sollte man nicht alles publizieren! Dazu bleibt im allgemeinen jedoch einfach zu wenig Zeit.

Zum Alltagsgeschäft kommen bereits die Planungen für das kommende Jahr hinzu, in dem zusammen mit dem Förderverein um seinen neuen Vorsitzenden Dieter Ohlmann einige Aktionen auf die Beine gestellt werden sollen, mit denen das Archiv den Weg in die Öffentlichkeit sucht.

Bayer erwähnt zunächst einmal die Ausstellung über die Märtyerer des 20. Jahrhunderts aus dem Erzbistum Köln, die im Rhein-Kreis unter anderem schon in Dormagen zu sehen war und stets große Beachtung findet. Sie wird in Jüchen, wie Bayer erzählt, im Januar in Haus Katz zu sehen sein. Am Beispiel von Dechant Hubert Berger aus Otzenrath, der das Konzentrationslager Dachau überlebte, an den Folgen jedoch Ende 1948 verstarb, wird auch ein Märtyrer aus dem heutigen Gemeindegebiet vorgestellt.

"Für die zweite Jahreshälfte planen wir eine Ausstellung zur kommunalen Neugliederung", berichtet Bayer im Gespräch mit der Neuß-Grevenbroicher Zeitung. Was vor drei Jahrzehnten zusammengefügt wurde, ist bekanntlich bis heute oft kaum miteinander verwachsen. So soll beispielsweise beleuchtet werden, warum die Kommune heute unter Jüchen firmiert und nicht Hochneukirch - denn auch das war damals durchaus eine Option. Als regelrechte Melting Pots und Keimzellen eines Jüchen-Gefühls haben sich in jüngster Zeit die weiterführenden Schulen - insbesondere Gymnasium und Realschule - erwiesen, weiß Bayer.

Archiv, Förderverein und Schulen: Berührungspunkte gibt es zuhauf. So erstellen Gymnasiasten mit einem ihrer Lehrer eine Homepage über die Gemeinde, für die natürlich sachkundige Infos über die Historie Jüchens willkommenes "Futter" sind. Auch eine Fahrt ins Haus der Geschichte nach Bonn ist geplant. "Damit die Jugendlichen erfahren, dass die Bundesrepublik nicht im Zuge des Baus der Berliner Mauer gegründet wurde", lässt der Archivar die teils vorhandene Unkenntnis anklingen. Geschichte aus erster Hand, das könnten interessierte Schüler ebenfalls im Rahmen eines Kaminabends erfahren, bei dem ältere Mitglieder des Fördervereins über ihre Erlebnisse berichten und Fragen beantworten.

Im allgemeinen, so Bayer, sei die Begeisterung der Jüchener für geschichtliche Themen sehr groß. "Es gibt viele Heimatkundler, die gerne ins Archiv kommen." Das ist klein aber fein: Besonders stolz ist Dr. Axel Bayer auf die Vielzahl vorhandener Bücher, darunter so manches Exemplar aus den Beständen der Fürsten zu Salm-Reifferscheidt-Dyck. "Ich halte die Bibliothek für eine der besten Archivbibliotheken im Kreis Neuss", meint er ohne falsche Bescheidenheit.

Darüber hinaus lagern hunderte von Akten aus der Zeit nach 1800 bis heute in den Räumlichkeiten des Gemeindearchivs an der Steinstraße. Die historischen Schätzchen darunter ruhen in wasserfesten Kartons und bergen gewissermaßen das Gedächtnis der einzelnen Ortschaften respektive Altgemeinden wie Jüchen, Hochneukirch, Garzweiler, Bedburdyck und Kelzenberg (bis 1934).

Manches bleibt lückenhaft: So waren im Zweiten Weltkrieg zur Sicherheit Unterlagen in einer Scheune aus dem Jüchener Rathaus ausgelagert worden, doch nicht das Verwaltungsgebäude, sondern das provisorische Depot wurde durch Kriegseinwirkung zerstört - und mit ihm die kostbaren Schriftstücke. Manche für Jüchen bedeutungsvolle Materialien sind nicht im Archiv der Gemeinde, sondern im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf oder im Landeshauptarchiv Koblenz deponiert. In letzterem findet sich zum Beispiel ein Aktenband über den Neubau der evangelischen Kirche Kelzenberg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Bayer, der seit Juli 2002 das Archiv leitet, freut sich, dass die Gemeinde seiner Tätigkeit einige Bedeutung beimisst. So werde derzeit ein Kellerraum hergerichtet. "Das find' ich gut!", meint der Hüter alter Schätzchen, die zu verwahren und zu pflegen eine gesetzlich verbriefte Aufgabe jeder Kommune des Landes ist.Aber auch neuere Akten, die noch von der Verwaltung benötigt werden, sind im Gemeindearchiv "zwischengeparkt".

Ob er jemals auf den Gedanken gekommen ist, die Regalkilometer zu zählen, die die Ordner inzwischen füllen? "Das habe ich noch nie gemacht", gesteht der studierte und promovierte Historiker und Theologe, der nach seinem Examen noch ein Anschlussstudium der Archivkunde in Marburg absolviert hat. Ohnehin bliebe dafür, wie schon angedeutet, einfach viel zu wenig Zeit.

INFO: Dr. Axel Bayer, der mit einer halben Stelle als Archivar tätig ist, steht montags, dienstags und freitags von 9 bis 12.30 Uhr sowie 14 bis 15.30 Uhr als Ansprechpartner zur Verfügung. Unterstützt wird er von Ariane Rhöse, die unter anderem für der Fortführung einer kontinuierlichen Pressedokumentation über das Geschehen in der Gemeinde Sorge trägt. Das Archiv in der Alten Schule an der Steinstraße 7 ist telefonisch unter 02165 / 911352 erreichbart.

(NGZ)
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