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Jörg Flock aus Grevenbroich lebte seinen Traum in der Formel 1

Motorsport : Jörg Flock war mittendrin in der Formel 1

Der Vater von Bahnradsportler Nils Schomber machte Anfang der 1990er-Jahre Volker Weidler fit für die Rennstrecken dieser Welt. Dabei begegnete er Motorsport-Legenden wie Ayrton Senna, Alain Prost, Nigel Mansell und Jacky Ickx.

Wenn sein Sohn Nils Schomber bei den wegen der Corona-Krise aufs nächste Jahr verschobenen Olympischen Sommerspielen im Izu Velodrome mit dem deutschen Bahnradvierer um Edelmetall fährt, schließt sich für Jörg Flock der Kreis. Denn mit Tokio verbindet der 59-Jährige, in Grevenbroich seit 1992 gemeinsam mit seiner Frau Dorothea Schomber Betreiber einer Praxis für Physiotherapie, einzigartige Erinnerungen. „Eine schwerelose Zeit“ in seinem von großen Emotionen geprägten Rückblick. Und ein filmreifes Drama.

Im Mittelpunkt: Die tiefe Freundschaft mit dem ehemaligen Formel-1-Rennfahrer Volker Weidler. Die begann vor mehr als drei Jahrzehnten im bei Heidelberg gelegenen Weinheim. Dort arbeitete Jörg Flock in einer Praxis für Sporttherapie. Als auch international beschäftigter Rallye-Pilot („Damals konnte man mit kleinen Sponsoren und geringem Budget im Prinzip Motorsport machen.“) las er in der örtlichen Tageszeitung, dass Weidler im Team Rial Racing gerade den zweiten Cockpit-Platz neben dem späteren RTL-Formel 1-Experten Christian Danner ergattert hatte. Obwohl er den Weinheimer gar nicht kannte, griff er kurzentschlossen zum Telefonhörer und unterbreitete dem aufstrebenden Fahrer das Angebot, ihn sportmedizinisch zu betreuen.

Mittlerweile Alltag, Ende der 1980er-Jahre jedoch noch absolutes Neuland. Jahre später stellte Motorsport-Legende Jacky Ickx im Gespräch mit Jörg Flock fest: „So etwas war zu dieser Zeit komplett unbekannt. Man setzte sich einfach ins Auto und fuhr los.“ Weidler erkannte indes die Chance, und da auch die Chemie zwischen den beiden stimmte, taten sie sich zusammen. Flock: „Dabei ging es nie um Geld, sondern vor allem um Loyalität und Vertrauen.“

Die Formel-1-Saison 1989 geriet für das Rial-Projekt allerdings zum Desaster. „Das Chassis war eine Katastrophe, das Auto war praktisch unfahrbar“, erinnert sich Flock, „eine Wackelente, sagte Volker immer.“ Doch weil sein in Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt Heidelberg entwickeltes Betreuungsprogramm die Feuertaufe mit Bravour bestand, blieb der Rheinländer im Team, ging 1991 für mehrere Monate nach Japan, wo Weidler für Mazda in der Formel Nippon, „damals ein Schmelztiegel für ehemalige und zukünftige Formel-1-Fahrer“, und der Kategorie Gruppe-C-Sportwagen im Einsatz war. Flock: „Krasse Karren mit mehr als 900 PS und einer Geschwindigkeit jenseits der 300 km/h. Es war unfassbar heiß, die Luftfeuchtigkeit fast unerträglich – die Fahrer hatten Kühlwesten an.“

Die körperliche Fitness war darum ein entscheidender Faktor. Entsprechend stieg die Wertschätzung für den „Gaijin“, den Fremdling, aus „Doitsu“, Deutschland. Den Ritterschlag gab es schließlich beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans in Frankreich. Beim Wechseln der Carbonbremsen um 6 Uhr in der Früh, das Trio Johnny Herbert, Bertrand Gachot und Volker Weidler lag auf Podiumskurs, überraschte die Teamleitung Flock in der Boxengasse mit der Frage, wen er weiterfahren lassen würde. „In meiner ganzen jugendlichen Überzeugung habe ich natürlich Volker empfohlen – und diesem Rat sind die Japaner tatsächlich gefolgt.“ Als danach auch noch der klar in Führung liegende Mercedes wegen eines Defekts ausschied – zum Verhängnis wurde dem „Silberpfeil“ ein 90 Cent teurer Aluträger –, übernahm Weidler Platz eins und Herbert sicherte den Asiaten nach zurückgelegten 4922,81 Kilometern mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 205,333 km/h den ersten Gesamtsieg eines japanischen Autos in Le Mans. Noch heute ist der knallig orange-grüne Mazda 787B mit der Startnummer 55 ein Mythos in Nippon.

Weidler bezahlte diesen Triumph freilich teuer. Denn der infernalisch laute Kreissägen-Sound des Wankelmotors war nicht nur absolut nervtötend, sondern löste beim Deutschen auch einen schweren Tinnitus aus, so dass er seine Karriere 1992 wegen akuter Gleichgewichtsstörungen beenden musste. Sein Cockpit für das Formel-1-Rennen in Suzuka übernahm Heinz-Harald Frentzen (Vizeweltmeister 1997).

Auch für Jörg Flock war das Abenteuer damit zu Ende. „Ich hatte schon die Praxis in Grevenbroich, außerdem wollte ich ohne Volker, der heute die Gebäudereinigungsfirma seines Vaters in Weinheim leitet, nicht weitermachen. Das war eine Sache zwischen uns beiden – zwischen Volker und mir ...“ Dass er damals ein Angebot von Roland Ratzenberger ausschlug, erwies sich im Nachhinein als Gnade, verunglückte der Österreicher doch 1994 beim Qualifying zum Großen Preis von San Marino tödlich. Die Erinnerung an „diese wunderschöne und intensive Zeit“ im Motorsport möchte er indes nicht missen. Er hat sie hautnah erlebt, die Heroen der Königsklasse, den viermaligen Weltmeister Alain Prost genauso wie Nigel Mansell (WM-Sieger 1992) und ganz besonders den Brasilianer Ayrton Senna († 1. Mai 1994 in Bologna/Italien), „eine absolute Lichtgestalt, ihn umgab eine Aura.“

Seit 1999 nimmt er mit seinem Alfa Romeo selber wieder an Rallyes teil, die Söhne Nils und Max haben seine Leidenschaft für den Motorsport geerbt. „Und sie sind beide verdammt schnell im Kart“, sagt er schmunzelnd.