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Jill Stratton von der TG Neuss: Die freundliche Tigerin aus Kanada

Basketball : Die freundliche Tigerin aus Kanada

Seit anderthalb Jahren ist Jill Stratton bei den Zweitliga-Basketballerinnen der TG Neuss ein Ausbund an Zuverlässigkeit. Zu kämpfen hat die zurückhaltende Kanadierin nur damit, dass sie Weihnachten nicht daheim feiern kann.

Kanadier sind für ihre Höflichkeit bekannt. Sie gelten als freundlich, nett und zuvorkommend. Sagen gerne und häufig „ja“. Auf Jill Stratton trifft das hundertprozentig zu. Wer mit der 29-Jährigen zu tun hat, sagt Dinge wie ihr aktueller Coach John F. Bruhnke: „Sie genießt innerhalb der Teamstruktur einen hohen Stellenwert. Es gibt keine Spielerin, die mit ihr nicht kann.“ Birgit Kunel (Opladen), ihre erste Trainerin in Deutschland, befand: „Jill ist ein äußerst angenehmer und unkomplizierter Mensch, der auf alle zugeht, menschlich wie auch sportlich eine Bereicherung.“

Und doch zurückhaltend, wenn es um ihre Person geht. Da ist zum Beispiel die Sache mit ihrem Deutsch. „My German is okay“, sagt sie bescheiden, führt Gespräche aber trotzdem lieber auf Englisch. Dabei versteht sie jedes Wort. Ihr Studium an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln hat sie gerade mit der Note 1,6 abgeschlossen. Ihre Masterarbeit mit dem sperrigen Titel: „The Portrayal of Women’s Sport in the Media – An Analysis of the 2011 und 2019 FIFA Women’s World Cup“, in der sie die Darstellung von Fußballerinnen in den Medien bei den Weltmeisterschafts-Turnieren in Deutschland und Frankreich untersucht, soll demnächst publiziert werden. Ob ihr das zu einem Job in Deutschland verhilft, ist freilich offen. Zwar hat auch die Turngemeinde Neuss mit ihren rund 5800 Mitgliedern Hilfe zugesagt, aber Jill Stratton weiß um ihr Handikap: „Mir fehlt halt die Berufserfahrung, ich habe ja in erster Linie Basketball gespielt.“

Und das ausgesprochen gut: 2015 von der University of Toronto zunächst zum Wolfpack Wolfenbüttel in die 2. Liga gewechselt, hatte sie sich nach zwei starken Jahren in Opladen (2. Liga) und einem bei den Capitol Bascats Düsseldorf (Aufstieg in die Regionalliga) 2019 den Tigers angeschlossen. Der Kontakt war über ihre Teamkollegin, Freundin und WG-Genossin Leonie Prudent zustande gekommen. In Neuss tut die 1,80 Meter große Allrounderin jetzt genau das, was sie schon für Opladen, wo sie im Schnitt 14,6 (Saison 2016/17) und 11,0 Punkte (17/18) auflegte, extrem wertvoll gemacht hatte. Kunel: „Sie ist flexibel auf den Positionen 1 bis 3 einsetzbar und ein echter Teamplayer, obwohl sie selbst absolute Scorer-Qualitäten besitzt.“ In der laufenden, wegen der Corona-Pandemie jedoch unterbrochenen Saison sieht das aus: Mit durchschnittlich 31:24 Minuten steht sie pro Partie am längsten auf dem Feld, ihre 15,3 Punkte im Schnitt werden intern nur von Britta Worms (16,0) übertroffen. 5,6 Rebounds runden die starke Performance ab.

Auftritte, die ihre Eltern im heimischen Etobicoke (Ontario), eine etwas mehr als 20 Kilometer westlich von Toronto gelegene Industriestadt mit knapp 370.000 Einwohnern, stolz machen dürften. Dass sie die Familie in diesem Jahr nicht treffen kann, dass ihr das erste Weihnachtsfest bevorsteht, „an dem ich nicht in Kanada bin“, geht ihr nah. Keine Bescherung am 25. Dezember, kein Truthahn, der im  Ahornstaat traditionell ganz oben auf der Menüliste steht, und kein NBA-Basketball mit Chips auf der Couch. „Sehr traurig.“ Die Weihnachtstage wird sie diesmal in Neuss verbringen, mit der Familie ihrer Mitbewohnerin. Für die zu befürchtenden Heimweh-Attacken hat sie sich gerüstet – mit Büchern vor allem. Auch der Sport könnte helfen, Tennis zum Beispiel oder Skifahren, wenngleich das im Moment unmöglich ist. 2008 mit 17 Jahren an der Highschool in Etobicoke wurde sie zur besten Nachwuchsathletin gekürt, war zum dritten Mal in Folge die wertvollste Spielerin (MVP) des Basketball-, Flag-Football- und Leichtathletik-Teams.

Ihre Erfahrung als Langstreckenläuferin kommt ihr jetzt nicht nur als Basketball-Spielerin zugute, ist sie doch von jeher daran gewöhnt, ihre Ziele mit großer Ausdauer zu verfolgen. „Es hat mich auch gelehrt, mich bis zur totalen Erschöpfung zu verausgaben.“ Fähigkeiten, die auch im Berufsleben gefragt sind. Sie braucht den Job, denn nur so kann sie nach dem Abschluss ihres Hochschulstudiums als Nichtprofi weiter in Deutschland bleiben. Genau das ist ihr Ziel. „Ich will die Saison auf jeden Fall mit den Tigers beenden. Ich fühle mich wohl hier. Und wenn wir nach der Pause wieder schnell unseren Rhythmus finden, sind wir ein richtig gutes Team.“

Sich nur mit Basketball zu beschäftigen, war und ist ihr zu langweilig. „Ich bin bereit, wieder was zu tun“, stellt sie bestimmt, aber leise fest – ganz auf kanadische Art eben.