Handball : „Platz sechs Erfolg fürs DHB-Team“

Der Handball-Experte über die EM und die Perspektiven des TSV Bayer Dormagen.

Er ist sicher einer der Handballkenner mit der größten Erfahrung in Deutschland: Walter Haase (66), Seniormitglied im sportlichen Leitungsteam des TSV Bayer Dormagen, arbeitete fast 40 Jahre als Trainer und Trainerausbilder auf höchstem Niveau. Beim TuS Nettelstedt und dem TBV Lemgo saß er auf der Bank, beim Deutschen Handball-Bund (DHB) war er Co-Trainer der Jugend-Nationalmannschaft, Leiter der Bundeswehr-Sportfördergruppe und Leiter der A-Trainer-Ausbildung. Und bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr war er Leistungssportkoordinator im Westdeutschen Handball-Verband (WHV). Die NGZ sprach mit ihm über die aktuelle Europameisterschaft und die Perspektiven des Dormagener Handballs.

Herr Haase, wie fällt Ihr Fazit der am Sonntag zu Ende gehenden Europameisterschaft aus?

Walter Haase Wenn die deutsche Nationalmannschaft Platz sechs oder sogar Platz fünf belegt, ist das in meinen Augen ein Erfolg für den DHB. Vor allem angesichts der personellen Situation und des Kaders, mit dem der Bundestrainer bei dieser Europameisterschaft antreten musste. Ich weiß nicht, welche andere Mannschaft die Ausfälle von sechs Rückraumspielern kompensiert hätte, vor allem solcher Kreativspieler, wie es Fabian Wiede und Steffen Weinhold nun einmal sind.

In der Kreativität im Spielaufbau liegt auch das größte Manko.

Haase Genau das ist der Grund. Ich möchte keinen einzelnen kritisieren, aber ein Fabian Böhm oder ein Paul Drux sind nun mal nicht die Spieler, die Kreativität ins Spiel bringen. Der große Lichtblick in dieser Hinsicht ist Patrick Weber, der meiner Meinung nach viel zu wenig Spielanteile bekommen hat.

Also schließen Sie sich denen an, die das Abschneiden der DHB-Auswahl kritisch sehen?

Haase Ich halte die aktuelle Kritik für maßlos überzogen, besonders angesichts der eingangs geschilderten Voraussetzungen. Genau so überzogen halte ich aber auch die Erwartungen, die der DHB geschürt hat. Nur mit einer starken Abwehr und guten Torhütern gewinnst du keine Medaille, dazu bedarf es schon ein bisschen mehr.

Und die Kritik am Bundestrainer?

Haase Halte ich auch für überzogen. Christian Prokop macht das gut, aber der Job kam für ihn vielleicht ein bisschen früh. Er hätte noch drei, vier Jahre Erfahrung bei einem Bundesligisten sammeln sollen. Erik Wudtke übrigens macht das sehr gut, auch wenn ihn kaum jemand wahrnimmt.

Womit wir beim TSV Bayer Dormagen wären. Wie sehen Sie dessen Perspektiven?

Haase (lacht) Meinen Sie in Sachen Nationalmannschaft? Da wächst in Julian Köster ein Spieler heran, der das Zeug hat, mittelfristig die vakante Regieposition im A-Team zu übernehmen. Er ist sehr deckungsstark und entwicklungsfähig, und ich finde es gut, dass er diese Entwicklung weiter in Dormagen macht. Und das meine ich nicht nur aus Sicht des Vereins, denn hier lernt er, Verantwortung zu übernehmen – viel mehr, als wenn er bei einem Erstligisten auf der Bank sitzt. Die Spieler weiter zu entwickeln, das sehe ich auch als vorrangige Aufgabe eines Vereins wie dem TSV an. Und wenn uns das gelingt, wie gerade jetzt bei einem André Meuser, dann profitieren Mannschaft und Verein davon – sonst wären wir zur Halbzeit nicht Tabellensechster, was schon eine positive Überraschung ist.