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Interview mit Säbel-Bundestrainer Vilmos Szabo

Fechten : „Glaube nicht, dass alle ein Jahr dranhängen“

Der Bundestrainer der Säbelfechter über verschobene Olympische Spiele, den Startverzicht von Max Hartung und sein eigenes Leben.

Es geht im Moment alles rasend schnell. Gerade mal zwei Stunden nach dem Telefongespräch mit Vilmos Szabo vermelden die Nachrichtenagenturen, dass die XXXII. Olympischen Sommerspiele um ein Jahr auf 2021 verschoben werden sollen. Der Bundestrainer der deutschen Säbelfechter, der 1984 in Los Angeles mit der rumänischen Mannschaft die Bronzemedaille gewann und seither als Aktiver, Obmann oder Trainer an acht Olympischen Spielen teilnahm, hatte mit einer solchen Entscheidung gerechnet.

Seine Arbeit wird dadurch nicht einfacher. Auch wenn der Deutsche Olympische Sportbund in seiner Stellungnahme schreibt: „Die nunmehr schnelle und klare Entscheidung zur Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele ist ein richtiger und enorm wichtiger Schritt für den internationalen Sport und die gesamte Weltgemeinschaft. Das hilft vor allem den Athleten, indem es den Trainings- und Qualifikationsdruck in dieser schwierigen Phase nimmt,“ sagt Szabo (55): „Die große Frage ist doch, welche Sportler bereit sind, wieder voll einzusteigen, wenn die Trainingsverbote aufgehoben werden – und wer von ihnen bereit ist, noch ein Jahr Vorbereitung dran zu hängen.“

Das Interview mit dem seit 1993 in Dormagen lebenden Säbel-Bundestrainer im Wortlaut:

Herr Szabo, was machen Sie und Ihre Fechter gerade?

Vilmos Szabo Wir machen Pause (lacht). Für einige ist das sogar ganz gut, weil sie jetzt in Ruhe ihre Verletzungen auskurieren können. Peter (Benedikt Wagner, Einzel-Europameister von 2016 Anm. d. Red.) muss nach seiner Knieoperation mindestens drei Monate aussetzen, vielleicht sogar noch etwas länger. Matyas (Trainersohn Matyas Szabo, Olympia-Achter von Rio de Janeiro 2016, Anm. d. Red.) muss vier bis sechs Wochen pausieren, auch Lorenz Kempf hat sich verletzt und könnte im Moment nicht fechten.

Das können die anderen Ihrer Schützlinge angesichts von geschlossenen Stützpunkten und Sporthallen auch nicht. Wie gehen sie damit um?

Szabo Das ist eine schwierige Situation. Das schwierigste daran ist: Wir haben im Moment keine Ziele, und ohne Ziele ist es schwierig, sich zu motivieren. Wir können nur abwarten, in welche Richtung sich alles entwickelt. Wir müssen nur versuchen, rechtzeitig wieder da zu sein, körperlich und mental, wenn es irgendwann wieder los geht. Davon abgesehen ist es nicht so leicht, sich auf seinen Sport zu konzentrieren, wenn um einen herum das gesamte Leben zum Stillstand kommt.

Glauben Sie noch, bei Ihren neunten Olympischen Spielen dabei zu sein?

Szabo In diesem Sommer bestimmt nicht mehr. Ich gehe davon aus, dass die Spiele verschoben werden, auch wenn das eine komplizierte Sache ist, weil da sehr, sehr viel Geld im Spiel ist. Deshalb hat in meinen Augen die Entscheidung auch so lange gedauert, denn wer absagt, muss bezahlen.

Ihr Schützling und Vorzeigefechter Max Hartung hat die Olympischen Spiele, zumindest die in diesem Jahr, bereits drei Tage vor der Entscheidung des IOC für sich persönlich abgesagt. Wie gehen Sie damit um?

Szabo Wir waren alle sehr überrascht von dem, was Max da im Aktuellen Sportstudio gesagt hat. Er hat vorher weder mit seinem Trainer noch mit seinen Kollegen darüber gesprochen, ich habe seither auch keinen Kontakt mit ihm gehabt. Ich denke, das war eine spontane Entscheidung von ihm, denn kurz vorher wollte er noch ein Trainingsprogramm von mir haben. In der Sache hat er natürlich Recht, aber das rechtfertigt meiner Meinung nach nicht einen solchen Alleingang.

Jetzt werden die Olympischen Spiele ohnehin um ein Jahr verschoben. Glauben Sie, dass alle Sportler, die bereits qualifiziert sind oder die sich in den nächsten Wochen qualifizieren wollten, bereit sind, noch ein Jahr weiter zu machen?

Szabo Das ist jetzt die entscheidende Frage. Viele Sportler haben ihre Lebensplanung ja auf den Olympischen Zyklus ausgerichtet und beenden oft nach den Spielen ihre Karriere. Ob die alle bereit sind, noch ein Jahr dran zu hängen, glaube ich nicht. Das wird auch von den Rahmenbedingungen abhängen, zum Beispiel ob Sponsoren weiter zahlen, ob die Unterstützung für Olympiakader weiter gezahlt wird, ob Arbeitsplätze weiter zur Verfügung stehen und und und. Auch wir sind davon betroffen – wir waren gerade dabei, in Gesprächen mit unseren Athleten die Zeit nach Tokio zu planen, doch dann kam Corona...

Was macht eigentlich ein Bundestrainer, wenn es kein Training mehr gibt?

Szabo Versuchen, abzunehmen (lacht). Bei mir steht im Moment die eigene Fitness im Vordergrund, ich versuche, mich so viel wie möglich zu bewegen, da komme ich ja sonst nie zu.

Und Ihre Fechter? Haben Sie für die alle Pläne gemacht?

Szabo Das sind alles Profis, die wissen, was sie zu tun haben und machen das auch, da habe ich keine Sorge. Für die Jüngeren sind Matyas und Max gerade dabei, Übungen auf Video aufzunehmen, die sie sich auf Youtube ansehen können.