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Interview mit Daniel Müller, Leiter des Olympiastützpunkts Rheinland

Sportpolitik : Sportler sind gerade in diesen Zeiten Vorbilder

Seit einem Jahr ist Daniel Müller Leiter des Olympiastützpunktes NRW/Rheinland. In dieser Zeit ist der 36-Jährige oft im Rhein-Kreis Neuss unterwegs gewesen, denn diesen hält er mit Blick auf den Leistungs- und Spitzensport für eine besonders aktive Region. Im Gespräch mit unserer Redaktion geht es aber nicht nur um diese lokalen Gegebenheiten, sondern auch darum, wie Corona die Welt des Sports nachhaltig verändert hat und wie die Spitzensportler mit dieser veränderten Situation umgehen.

Herr Müller, Sie arbeiten in Köln, Sie wohnen in Leverkusen, sind aber relativ häufig im Rhein-Kreis unterwegs. Wie kommt das?

Daniel Müller Das hat damit zu tun, dass im Rhein-Kreis in Sachen Spitzen- und Leistungssport ungewöhnlich viel passiert.

Die Ückerather Ringerinnen Nina Hemmer und Laura Mertens profitieren von den guten Traiiningsbedingungen am Bundesstützpunkt in Dormagen. Foto: D. Zenk

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Müller Ich denke, das kommt daher, dass das Thema hier als Gesamtheit angesehen wird, dass es einen starken gemeinschaftlichen Ansatz gibt. Im Rhein-Kreis arbeiten viele Institutionen in Sachen Sport und Sportförderung Hand in Hand, was von Seiten des Kreises unterstützt wird. Es gibt insgesamt immer weniger Vereine, die Leistungssport betreiben und anbieten – und die wenigen, die das tun, dürfen dabei nicht alleine gelassen werden.

Sie gehören seit kurzem dem Präsidium der Partner für Sport und Bildung an – für den Leiter eines Olympiastützpunktes eine eher ungewöhnliche Funktion.

Müller Ganz und gar nicht. Zum einen sehe ich mich da in einer gewissen Kontinuität, denn auch mein Vorgänger Michael Scharf war Mitglied im Präsidium der PSB. Zum anderen gibt es viele Schnittpunkte zwischen unserer Arbeit am Olympiastützpunkt und dem Engagement der PSB.

Wo sehen Sie die?

Müller Die PSB heißen ja nicht umsonst Partner für Sport und Bildung. Und Bildung, also Ausbildung, ist in Form von Laufbahnberatung ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt unseres und aller anderen Olympiastützpunkte. Die PSB übernehmen zwar eine wichtige Sponsorfunktion für Vereine und Sportler, aber sie beschränken sich eben nicht nur darauf, Geld einzusammeln und weiterzugeben. Hier werden Kräfte gebündelt, was nur im Sinne des Sports sein kann. Und mir sind nicht viele Initiativen bekannt, die so etwas tun, deshalb unterstütze ich die Arbeit der PSB gerne.

Profitiert der Leistungssport im Rhein-Kreis davon, dass der Fußball hier keine große Rolle spielt, dass es keinen Profi-Klub in diesem Bereich gibt?

Müller Generell, und das habe ich auch in meiner vorherigen Funktion als Geschäftsführer der Barmer Zweiten Basketball-Bundesliga festgestellt, lässt sich sagen: Andere Sportarten gedeihen dort gut, wo ihnen der Fußball Luft zum Atmen lässt. Bei uns im Rheinland herrschen aber andere Bedingungen. Hier ist die Dichte von Profi-Fußball so groß, dass es keine Rolle spielt, ob es in einem Kreis oder einer Kommune einen Profi-Fußballverein gibt oder nicht. Ich bin sicher, dass es auch im Rhein-Kreis genügend Unternehmen gibt, die Profi-Fußball sponsern, nur tun sie das nicht in Neuss, sondern in Mönchengladbach, Köln oder Düsseldorf.

Wie können sich die anderen Sportarten da behaupten?

Müller Indem sie gute Arbeit leisten und damit auf sich aufmerksam machen. So wie es hier im Fechten und Ringen, aber auch beim Taekwondo, beim Hockey, Kanu oder Rudern der Fall ist. Da zahlt sich dann die Unterstützung eines Vereins auch für ein Unternehmen aus.

Welche Rolle spielt in diesem Gesamtkonstrukt der Olympiastützpunkt?

Müller Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen den am Leistungssport Beteiligten, den Athleten und Vereinen auf der einen, den Verbänden, Kreisen und Kommunen auf der anderen Seite. Unsere konkrete Aufgabe besteht darin, den Sportlern eine Reihe von Dienstleistungen anzubieten. Dass die Laufbahnberatung da eine wesentliche Rolle spielt, habe ich ja schon erwähnt – was auch damit zu tun hat, dass 90 Prozent der Athletinnen und Athleten, die einem Bundeskader angehören, Studierende sind. Zweites Standbein ist der Bereich von Medizin und Physiotherapie, wo wir mit einer Reihe von Partnern zusammen arbeiten. Nehmen Sie mal das Beispiel von Benedikt Wagner: Der hat sich am Samstag beim Säbel-Weltcupturnier in Luxemburg am Knie verletzt, und als am Sonntag seine Teamkollegen dort die Fahrkarte zu den Olympischen Spielen gelöst haben, war er schon operiert. Das hätte ohne ein solches Netzwerk nicht so gut und vor allem nicht so schnell funktioniert. Ernährungsberatung, psychologische Unterstützung und als ein Kernelement die Leistungsdiagnostik sind die weiteren Aufgabenbereiche des OSP.

Nehmen die Sportler das Angebot an?

Müller Im medizinischen Bereich sind wir natürlich froh, wenn möglichst wenige Sportler unsere Dienste in Anspruch nehmen müssen. Aber insgesamt sind Auslastung und Akzeptanz gut.

Auch zu Zeiten von Corona?

Müller Gerade zu Zeiten von Corona. Aber Sie haben Recht, wie überall im Leben hat die Corona-Pandemie natürlich auch unsere Arbeit stark verändert. Zunächst einmal, weil durch den Lockdown und das einige Zeit geltende Kontaktverbot die persönlichen Kontakte, auf die wir sehr viel Wert legen, weggefallen sind. Sportler, die Rat suchten, konnten nicht mal eben vorbei kommen. Wir haben dann andere Mittel und Wege zur Kommunikation gesucht und gefunden. Und wir haben uns auf ganz andere Dinge als bisher konzentriert und versucht, Vereine und Verbände zu unterstützen, wie sie die allmählichen Lockerungen der Corona-Schutzverordnungen praktisch umsetzen können. Am spannendsten war die ganze Sache für unsere Trainingswissenschaftler.

Warum?

Müller Zum einen, weil sie nicht mehr mit den Athleten direkt, sondern nur noch digital arbeiten konnten. Und vor allem, weil sie plötzlich gefordert waren, ganz andere Trainingsanreize zu setzen. Über Wochen oder Monate war doch kaum sportartenspezifisches Training möglich, sondern nur solches in den Bereichen Ausdauer und Kraft. Das hat sich zwar langsam geändert, aber auch jetzt sind die Bedingungen andere als vorher, was nicht nur mit Abstands- und Hygieneregeln zu tun hat. Sondern vor allem damit, dass mangels Wettkämpfen den meisten Sportlern im Moment das konkrete Ziel fehlt, auf das sie im Training hin arbeiten können. Da das Training genau zu dosieren, ist für Athleten, Trainer und Wissenschaftler eine echte Herausforderung. Wir reden schließlich von 30 bis 40 Stunden wöchentlich, die von heute auf morgen bis gegen Null herunter- und dann langsam wieder hochgefahren wurden.

Wie hat sich die Verschiebung der Olympischen Spiele ausgewirkt? Brauchten die Sportler danach verstärkt psychologische Beratung?

Müller Natürlich sind viele erst einmal für kurze Zeit in ein Loch gefallen. Aber das Gros unserer Athleten war auf diese Entscheidung vorbereitet, hat sie mitgetragen oder wie zum Beispiel Max Hartung aktiv daran mitgewirkt. Wie ich überhaupt feststellen muss, dass die meisten Sportler dem, was man immer ihre Vorbildfunktion nennt, in Zeiten von Corona ganz besonders nachgekommen sind, indem sie schon früh Hygienemaßnahmen wie Abstandhalten oder das Tragen von Mund-Nasen-Schutz öffentlich propagiert und vorgemacht haben.

Also war die Verschiebung der Spiele bei den Sportlern gar nicht so das große Thema wie zunächst gedacht? Was sich vermutlich auch darin zeigt, dass die meisten Sportler bis Tokio 2021 weitermachen wollen.

Müller In der Tat ist mir aus unserem Bereich kein Fall bekannt, in dem eine Athletin oder ein Athlet mit Olympia-Perspektive die Laufbahn beendet hätte. Ich weiß von einigen wenigen, die noch in der Entscheidungsphase sind, weil sie noch mit ihren Arbeitgebern oder Familien darüber sprechen. Die meisten sagen sich aber: Ich habe mich ein Leben lang auf dieses Ereignis vorbereitet, da hänge ich noch ein Jahr dran. Wohlwissend, dass das für viele einschneidende Konsequenzen in Sachen Studienabschluss oder Berufseinstieg nach sich zieht.

Was passiert, wenn Tokio 2021 nicht stattfindet?

Müller Das ist ein ganz, ganz schwieriges Thema. Gerade für die, die ihre persönliche Lebensplanung jetzt über den Haufen geworfen haben. Natürlich ist das in den Hinterköpfen der Athleten drin, aber sie brauchen jetzt einfach ein Ziel, auf das sie hinarbeiten können.

Für viele Athleten war der Lockdown des Sports ein Schock, aber viele geben im Nachhinein auch zu Protokoll, dass sie die plötzlich vorhandene freie Zeit genutzt hätten, um mehr für sich und ihre Familie zu tun. Bedeutet das nicht im Umkehrschluss, dass die Anforderungen im Leistungssport zu hoch sind? Und müsste Corona hier nicht wie in anderen Lebensbereichen auch zu einem Umdenken führen?

Müller Eine Diskussion darüber zu führen ist legitim und sie wird auch geführt. Aber ich glaube nicht, dass es hier zu einem Umdenken kommen wird. Die Sportfachverbände geben die Regeln vor, setzen die Taktung der Wettkämpfe, sorgen für eine immer breitere Streuung von Austragungsorten über alle Kontinente. Das wird so bleiben beziehungsweise wieder so kommen, wenn wir eines Tages vielleicht wieder zur Normalität zurückkehren. Was die Sportler und Trainer selber in der Hand haben, ist die Steuerung des Trainings. Wenn ich das effektiver mache, lassen sich vielleicht ein paar Stunden einsparen, und daran arbeiten unsere Trainingswissenschaftler gerade.

Ist unter diesen Umständen die oft propagierte duale Karriere überhaupt möglich?

Müller Hochleistungssport und eine volle Arbeitsstelle, egal in welchem Beruf, sind kaum miteinander vereinbar. Wir verstehen unter dualer Karriere viel mehr, dass Sportlerinnen und Sportler in ihrer aktiven Zeit Studium und Ausbildung so vorantreiben können, dass an deren Ende ein sofortiger Berufseinstieg möglich ist. Darauf zielt auch die Laufbahnberatung am Olympiastützpunkt ab.

Wir haben unser Gespräch im Rhein-Kreis begonnen, schließen wir es hier auch ab. Was könnte in Ihren Augen im Rhein-Kreis Neuss in Sachen Sportförderung verbessert werden?

Müller Eindeutig die Infrastruktur. Da fällt mir als erstes der Bau einer  Fechthalle in Dormagen ein, die zwingend notwendig ist, um den Status als Bundesleistungsstützpunkt zu erhalten. Die Sportanlagen in Dormagen sind gut, aber gerade im Fechten hat die Infrastruktur nicht mit den Erfolgen Schritt gehalten. Vorrangiges Ziel aller Beteiligten im Rhein-Kreis sollte sein, die beiden Bundesleistungsstützpunkte im Fechten und Ringen zu halten und auszubauen, denn ohne die Bundesleistungsstützpunkte wird es schwer, weiter erstklassige Trainer zu beschäftigen. Und erstklassige Trainer sind wichtig, um Erfolg zu haben und damit auch Anerkennung zu bekommen. Das ist für mich der zweite Schwerpunkt neben der Infrastruktur: Wir brauchen eine bessere soziale Absicherung, sprich: eine größere Wertschätzung für die, die im Sport als Trainer tätig sind. Denn ohne sie funktioniert das ganze System nicht mehr.