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Interview: Jutta Zülow, Vorsitzende der Tandem-Stiftung Burkhard Zülow

Interview Jutta Zülow : „Viele wissen nicht mehr, wie sich Sporttreiben anfühlt“

Die Vorsitzende der Tandem-Stiftung Burkhard Zülow warnt im Gespräch mit der NGZ vor den gravierenden Auswirkungen des Corona-Lockdowns auf den Sport.

Die Tandem-Stiftung Burkhard Zülow hat das vergangene Jahr mit einem dicken finanziellen Plus abgeschlossen. Freude kommt darüber jedoch keine auf. Denn der jetzt in die Rücklagen fließende „Gewinn“ resultiert nicht aus Mehreinnahmen, sondern daraus, dass durch Corona-Pandemie und allgemeinen Lockdown fast alle (sportlichen) Aktivitäten, die durch die Stiftung finanziell unterstützt werden, zum Erliegen kamen. Warum sie hofft, dass sich das bald ändert, verrät die Stiftungs-Vorsitzende Jutta Zülow im Gespräch mit unserer Redaktion.

Frau Zülow, Ihre Freude über den finanziellen Jahresabschluss der Tandemstiftung Burkhard Zülow hält sich trotz eines dicken Plus in Grenzen. Warum?

JUTTA ZÜLOW Weil wir die Stiftung vor zehn Jahren ja nicht zum Zwecke der Geldvermehrung gegründet haben. Natürlich haben wir uns riesig gefreut, dass wir im vergangenen Jahr so viele Spenden eingenommen haben, obwohl wir den Tandem-Tag absagen mussten und mit unseren Aktivitäten nur virtuell im Netz unterwegs waren. Aber wir hätten das Geld auch gerne ausgegeben.

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Warum war das nicht möglich?

ZÜLOW Das war nicht möglich, weil durch die Corona-Pandemie und den anschließenden Lockdown fast alle von der Stiftung unterstützten, integrativen Sportgruppen und -projekte ihren Betrieb einstellen mussten. Eine bittere Entwicklung, vor allem für die Menschen mit Beeinträchtigung.

Warum waren und sind sie vom Lockdown besonders betroffen?

ZÜLOW Der Lockdown hat den gesamten Sport hart getroffen, die Auswirkungen werden wir in den nächsten Jahren deutlich zu spüren bekommen. Viele Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, wissen doch gar nicht mehr, wie sich Sporttreiben anfühlt. Und ich habe die Sorge, dass nach einer Aufhebung des Lockdowns eine beträchtliche Zahl von ihnen nicht wieder dahin zurück finden wird. Für die Menschen mit Beeinträchtigung waren die Einschränkungen besonders schlimm, denn sie brauchen noch mehr als andere die Gemeinschaft. Und sie brauchen vor allem die Gemeinschaft, um Sport zu treiben – die meisten von ihnen können ja nicht mal eben alleine eine Runde joggen gehen oder mit dem Fahrrad irgendwohin fahren. Das geht nur in Gemeinschaft, und darauf gründen sich ja auch die von der Tandem-Stiftung unterstützten Aktivitäten und Gruppen.

Welche Folgen befürchten Sie?

ZÜLOW Die psychischen Folgen sind noch gar nicht absehbar. Die physischen können wir ermessen, wenn ich höre, dass gut trainierte Sportler, die vor zwei Jahren noch an den Special Olympics teilgenommen haben, inzwischen mehr als zehn Kilo zugenommen haben.

Ist Besserung in Sicht?

ZÜLOW Ich hoffe. Meines Wissens haben die meisten der Betroffenen inzwischen die Zweitimpfung erhalten. Und ich weiß, dass unsere Sportgruppen alle darauf warten, ja darauf brennen, loslegen zu können  – wenn sie denn dürfen. Aber wir wollen nach einem Ende des Lockdowns nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern wir möchten die Menschen mit und ohne Behinderung wieder zum Sporttreiben animieren und haben dafür das Motto „Tandem bewegt Dich“ ins Leben gerufen.

Was haben wir uns darunter vorzustellen?

ZÜLOW Wir möchten, mit unserem Firmen- und Stiftungssitz Gut Gnadental als Mittelpunkt, ein Bewegungsangebot für alle Interessierten unterbreiten. Ich könnte mir zum Beispiel eine ausgeschilderte Walking-Strecke entlang der Erft vorstellen, auf dem Kurs, auf dem wir am Tandem-Tag immer mit den Tandems unterwegs sind. Wir würden gerne unsere große Obstwiese am Nixhütterweg als unkompliziert zu nutzende Sportfläche zur Verfügung stellen. Außerdem haben wir den sonst nur für den Tandem-Tag ausgeliehenen Rollstuhl-Parcours nebst einiger Rollstühle erworben und möchten ihn als ständige Einrichtung hier auf dem Gut aufbauen. Aber wie für so viele Dinge in Deutschland brauchen wir dafür Genehmigungen, so dass es noch einige Zeit dauern kann, bevor wir loslegen können.

Allzu viel Zeit sollte aber nicht verstreichen ...

ZÜLOW Richtig. Wir haben ja einen Fixpunkt, und das ist der 11. September, an dem wir den im Mai abgesagten Tandem-Tag nachholen wollen – im Übrigen mit dem gewohnten Programm. Und wenn wir die Menschen bis dahin einigermaßen fit bekommen möchten, müssen wir bald starten – wenn denn gemeinsames Sporttreiben wieder möglich sein wird.