Jüchen : Insolvenz: Jüchen bangt um Polo

Jüchens Aushängeschild droht die Zahlungsunfähigkeit: Gestern hat Polo-Chef Klaus Esser Insolvenzantrag gestellt. Betroffen sind rund 230 Mitarbeiter. Was aus der nebenan geplanten Motorradmeile wird, bleibt vorerst offen.

Schlechte Nachrichten für die rund 230 Mitarbeiter in der Polo-Zentrale in Jüchen: Das Unternehmen hat gestern Insolvenzantrag gestellt. Deutschlandweit sind davon etwa 800 Beschäftigte betroffen. Das Amtsgericht Mönchengladbach bestellte den Düsseldorfer Rechtsanwalt Horst Piepenburg zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Derzeit verschafft sich ein Experten-Team den Überblick über die Vermögenssituation und über mögliche Sanierungsansätze des Motorrad-Ausstatters.

"Jetzt machen wir eine Bestandsaufnahme. Der Betrieb wird auf jeden Fall erst einmal vollständig fortgeführt. Das gilt auch für sämtliche Filialen des Unternehmens", erklärt Horst Piepenburg in einer ersten Stellungnahme.

Erste vorläufige Ergebnisse werden erst innerhalb der nächsten beiden Wochen erwartet. Die Löhne und Gehälter aller Mitarbeiter sollen über das Insolvenzgeld bis Ende Januar 2012 gesichert sein, hieß es gestern.

Bürgermeister Harald Zillikens hatte diese Entwicklung bereits befürchtet, nachdem Polo-Chef Klaus Esser der Gemeinde bereits vor einiger Zeit Schwierigkeiten signalisiert habe. "Wir haben in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche geführt. Es wurde versucht, eine Insolvenz abzuwenden", so der Bürgermeister. In Jüchen seien zunächst die 200 Angestellten und 30 Auszubildenden betroffen, doch auch die gesamte Gemeinde, denn: "Polo ist für uns ein Aushängeschild, hat Magnetwirkung für andere Firmen."

So war für die vergangene Immobilienmesse Expo-Real in München noch das neue Konzept einer "Motorradmeile" rund um das Gelände an der Polostraße entwickelt worden. Zudem holte der Biker-Ausrüster Stars wie Lenny Kravitz, Carlos Santana oder Kevin Costner nach Jüchen und lockte Tausende zu diesen Konzerten.

"Uns trifft diese Nachricht hart", meint Jürgen Steinmetz, Kreis-Wirtschaftsdezernent und Allgemeiner Vertreter des Landrats. Auch der Rhein-Kreis war in den vergangenen Wochen in Gespräche und Verhandlungen zwischen dem Unternehmen und den beteiligten Geldinstituten involviert. "Zwar können wir nicht direkt Einfluss nehmen, wir unterstützen aber das Bemühen um Bürgschaften und Fördergelder", sagt Steinmetz.

Gleichzeitig werde versucht, neue Partner für Polo zu finden, um aus dem Insolvenzverfahren heraus eine tragfähige Lösung für eine Fortführung des Betriebes zu entwickeln. "Das ist auch gerade für den Standort Jüchen wichtig", meint Steinmetz: "Die Gemeinde verfügt nicht über so viele Großunternehmen." Zudem sei die Firmenzentrale der Anker für weitere Ansiedlungen im Rahmen der geplanten Motorradmeile: "Soll das Projekt gelingen, kommt es darauf an, Polo zu retten."

Der Industrieverband Motorrad Deutschland mit Sitz in Essen will die wirtschaftliche Situation einzelner Unternehmen zwar nicht kommentieren, er verweist jedoch auf eine grundsätzlich positive Entwicklung auf dem Zweiradmarkt in Deutschland. Anders als in anderen europäischen Ländern — zum Beispiel in Italien — profitiere die Branche der Fahrzeug- und Zubehörhersteller vom Aufschwung der vergangenen Monate. Andererseits habe die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise auch im Motorradgeschäft ihre Spuren hinterlassen. Ob die Probleme bei Polo darauf beruhen, sei nicht zu beurteilen.

(NGZ/jco)