Hockey : Frauenpower made in Neuss

Sie sind jung, selbstbewusst und gar nicht schüchtern. Genau die Zutaten neben Talent und Trainingsfleiß, die es braucht, um im Sport erfolgreich zu sein. Lilly Otten (16), Antonia Lonnes (17) und Lea Thomas (18) bringen es gemeinsam auf mehr als 80 Länderspiele im Dress der deutschen Hockey-Nationalmannschaft. Doch weil in ihrer Heimatstadt Neuss die Perspektive fehlt, müssen die Drei – und ihre Eltern – viel Zeit investieren.

Obwohl sie selbst noch keinen Führerschein haben, kennen Antonia Lonnes (17) und Lea Thomas (18) die Autobahn A 57 zwischen Neuss und Köln-Müngersdorf in- und auswendig. Drei Mal pro Woche ist das Duo auf dem staugeplagten Asphaltband unterwegs, um beim Kölner Hockey- und Tennisclub (KHTC) Rot-Weiß ihrer Leidenschaft zu frönen.

Die heißt Hockey und hat die beiden Neusserinnen schon in jungen Jahren in die Nationalmannschaft gebracht. 43 Länderspiele in der U16- und U18-Auswahl des Deutschen Hockeybundes hat Lea Thomas bereits bestritten, 29 stehen auf dem Konto von Antonia Lonnes verzeichnet. Die Verteidigerin und die Offensivkraft zählen schon zum Stamm des rot-weißen Bundesligateams, das am Wochenende mit einem Sieg (1:0 beim Münchner SC) und einer Niederlage (1:2 beim Mannheimer HC) in die Saison gestartet ist.

Um so weit zu kommen, nehmen die beiden einiges in Kauf. „Viereinhalb Stunden gehen für Hin- und Rückfahrt und das Training schon drauf,“ sagt Antonia Lonnes – und das an mindestens drei Tagen in der Woche. Den Hinweg übernehmen im Wechsel die Eltern – „unsere größten Fans“, sagen sie übereinstimmend –, auf dem Rückweg nimmt sie ihr Trainer mit. Der heißt Markus Lonnes, wohnt in Kaarst und war an der Neusser Jahnstraße mal eine Institution, bevor er nach Köln ging. Auch Antonia Lonnes und Lea Thomas haben dort ihre ersten Versuche mit dem Hockeyschläger unternommen, die eine im zarten Alten von drei, die andere mit sechs Jahren.

Was sie nach mehr als einem Jahrzehnt beim HTC Schwarz-Weiß in die Fremde trieb, war der gleiche Beweggrund wie bei ihrem Trainer: „In Neuss hatten wir keine Perspektive,“ sagt Lea Thomas, die dem HTC trotzdem so verbunden ist, dass sie nach ihrem Abitur am Nelly-Sachs-Gymnasium jetzt ein freiwilliges soziales Jahr an der Jahnstraße absolviert, „hauptsächlich als Hockeytrainerin für den Nachwuchs.“

Auch Antonia Lonnes ist im Herzen immer noch Schwarz-Weiße, „schließlich hat mein Vater schon für den HTC in der Bundesliga gespielt.“ Doch spätestens, als die Neusser am Ende der Saison 2013/14 ihre Damenmannschaft aus dem Oberhaus abmeldeten, gingen die dort heranwachsenden Talente im weiblichen Bereich auf Wanderschaft. „Wenn du Nationalspielerin werden willst, musst du in der Bundesliga spielen,“ sagt Antonia Lonnes.

Dieses Ziel, auch über die Nachwuchsteams hinaus, haben nicht nur die beiden Wahl-Kölnerinnen im Auge. Auch Lilly Otten arbeitet darauf hin. Neun Länderspiele für die U16 hat die 16-Jährige bisher absolviert, jetzt hofft die Stürmerin gemeinsam mit Antonia Lonnes auf eine Teilnahme an der U18-Europameisterschaft im kommenden Jahr. In der Bundesliga darf sie aus Altersgründen noch nicht auflaufen, doch mit den Damen des Düsseldorfer HC hat sie die gesamte Saisonvorbereitung bestritten. Den Klub am Seestern wählte sie auch einem – im Wortsinne – naheliegenden Grund: „Ich wollte nicht so viel Zeit auf der Autobahn verbringen.“ Die kennt Lilly Otten zur Genüge, denn ein Jahr hat sie in den Niederlanden, derzeit das Maß aller Dinge im Frauenhockey, trainiert und gespielt. Ihre Mutter, erzählt sie, hatte danach 20.000 Kilometer mehr auf dem Autotacho. Zum DHC kann sie, „wenn ich demnächst meinen Rollerführerschein habe, mit der Vespa fahren.“

Ein unschätzbarer Vorteil in einem zeitaufwendigen Hobby. Diesen Nachteil nimmt das Trio jedoch gerne in Kauf. „Weil Hockeyspielen total Spaß macht“ – darin sind sie sich ebenso schnell einig wie in dem Befund, eine andere Sportart käme für sie nicht in Betracht. Weil es „ein Teamsport ist und weil man dabei mit seinen Freunden zusammen ist.“

Und in noch einem Punkt sind sie sich einig: Die Schule darf unter der zeitlichen Belastung von Training, Liga- und Länderspielen nicht leiden. Auch wenn sie für Lehrgänge oder Länderspiele mehrmals im Jahr für eine Woche freigestellt werden müssen. „Den Stoff müssen wir nachholen, Klausuren, die in dieser Zeit anstehen, müssen wir nachschreiben,“ sagt Lilly Otten, die genau wie Antonia Lonnes das Gymnasium Marienberg besucht. Ihre Lehrer hätten Verständnis – was vielleicht auch daran liegt, dass das schuleigene Hockeyteam mit Otten und Lonnes Deutscher Vizemeister bei „Jugend trainiert für Olympia“ wurde. „Aber du lernst ja für dich und nicht für deine Lehrer,“ stellt Antonia Lonnes fest – ein Satz, der zeigt, dass es das Trio  nicht nur auf dem Hockeyfeld weit bringen kann.

Mehr von RP ONLINE