Handball : Rau, aber herzlich: Der Hexer wird sechzig

Er war der beste (deutsche) Handball-Torhüter seiner Zeit, er ist einer der prominentesten Sportler, die je im Rhein-Kreis aktiv waren. Andreas Thiel ist das, was im Sport heute so schmerzlich vermisst wird – ein Typ. Seit Dienstag ist der „Hexer“ ein Sechziger.

Meine nachhaltigste Erinnerung an Andreas Thiel stammt aus gemeinsamen Tagen in der Reha. Er wurde nach einem fürchterlichen Schien- und Wadenbeinbruch, den er sich im Gastspiel des TSV Bayer Dormagen in der Essener Grugahalle zugezogen hatte, wieder fit gemacht, ich „hatte Rücken“. Als ich um zehn Uhr morgens zur Behandlung kam, tönte eine sonore Stimme durch die Reha-Einrichtung, so laut, dass die übrigen Patienten von ihren Massagepritschen aufschreckten: „Schreiberling“, rief sie, „was machst Du denn schon hier? Um diese Zeit liegt Ihr doch normalerweise noch im Bett.“

So war er. Wenn für irgend jemanden in der Sportszene die Attribute „rau, aber herzlich“ erfunden worden sind, dann für Andreas Thiel. Wäre er heute noch als Torhüter aktiv, würde er wahrscheinlich zwei Mal pro Woche einen Shitstorm entfachen, wie ihn das Internet selten gesehen hat. Andreas Thiel war das, was heute in der Sport-, vor allem in der Handballszene so schmerzlich vermisst wird: ein Typ. Dafür brauchte er keine Tätowierungen, keine Piercings oder pinkfarbenen Jackets – Andreas Thiel war einfach Andreas Thiel.

Andreas Thiel und beim Jubiläumsspiel des TSV Bayer Dormagen im vergangenen Sommer. Foto: Heinz J. Zaunbrecher

Der „Hexer“, wie ihn Fans und Medien, „Thilo“, wie ihn seine Mitspieler nannten, war nicht nur ein Meister im Tore-Verhindern. Andreas Thiel war auch meisterlich in immer gültigen Weisheiten, die er vor allem (aber nicht nur) Jüngeren in seiner Reichweite hinter die Ohren schrieb. Unvergessen, wie die Dormagener Handballer 1993 zu ihrer ersten Europapokalreise ins sizilianische Syracusa aufbrachen. Angesichts der Berge von Gepäckstücken, die sich auf dem Flughafen rund um die Mannschaft türmten, entschied Thiel: „Die kann der jüngste im Kader alleine einchecken.“ Der Jüngste im Kader war der gerade mit viel Vorschusslorbeeren zum TSV Bayer gewechselte Karten Kohlhaas. Und bevor der noch aufmucken konnte, kam so eine von den immerwährenden Thielschen Weisheiten: „Wer sich nicht unterordnen kann, aus dem wird nie einer.“ Sprach’s und führte den Rest des Teams zum Kaffeetrinken.

So war er. Andreas Thiel machte nie viele Worte. Aber wenn er etwas sagte, hörten alle zu, weil Andreas Thiel immer etwas zu sagen hatte. Ob er das alles ernst meinte, wird nur er selbst wissen. Das gewisse Blinzeln in den Augen, wenn er etwas kategorisch feststellte, hatte jedenfalls nicht nur damit zu tun, dass er Kontaktlinsen (und später nach einer Augenverletzung eine Brille) trug. Das eingangs erwähnte „Schreiberling“ war übrigens keine Beleidigung. Wen Andreas Thiel mit solchen und ähnlichen Anreden titulierte, durfte sich darüber freuen, von ihm wahr- und ernstgenommen zu werden. Andere ignorierte er einfach.

Es war die Zeit, in der der Sport und die Sportler noch nicht „gläsern“ waren, in der solche für das Verständnis eines Handballspiels vollkommen irrelevanten Daten wie Schussgeschwindigkeit, Anzahl der Pässe oder im Spiel gelaufene Kilometer keine Rolle spielten. Da führten höchstens ein paar „Schreiberlinge“ auf der Tribüne ihre Strichlisten über geworfene Tore und gehaltene Bälle. Andreas Thiel nahm es damit sehr genau – im Gedächtnis geblieben sind endlose Diskussionen über die Anzahl der ihm gutgeschriebenen Paraden, die in seinen Augen immer zu niedrig ausfiel. „Da war ich dran, mach’ nen Strich,“ hat er mehr als einmal aus dem Spiel heraus Richtung Pressetribüne gerufen. Geführt wurden diese Diskussionen im Kabinengang, nicht selten mit einer Zigarette in seiner und einer Flasche Bier in den Händen aller Diskussionsteilnehmer. Auch das würde heute einen Shitstorm über die Vorbildfunktion des Spitzensportlers lostreten.

Andreas Thiel war immer ein Vorbild. Sonst hätte er keine 528 Bundesligaspiele für den VfL Gummersbach und den TSV Bayer Dormagen bestritten, es nicht auf 256 Länderspiele und drei Olympiateilnahmen gebracht – und trotzdem ein Jurastudium zu Ende geführt, würde heute keine Anwaltskanzlei in Köln betreiben. Dabei, berichten seine Trainer und Mitspieler übereinstimmend, war Andreas Thiel kein Trainingstier. Allein schon die Aufwärmübungen waren ihm ein Graus. „Das Dehnen hat den deutschen Handball kaputt gemacht,“ lautete einer seiner Lieblingssprüche.

Andreas Thiel strahlte einfach Autorität aus, im richtigen Leben wie zwischen den Pfosten. Zu den gehaltenen Bällen musste man bei ihm auch stets die hinzuzählen, die viele Spieler einfach neben oder übers Tor warfen, wenn sie ihn mit grimmiger Miene dort stehen sahen. Über einen, der im deutschen Handball ebenfalls als „Typ“ gilt, hat Thiel mal gesagt: „Wenn ich im Tor stand, hatte der immer Schiss. Dann ist der nur die Außenlinie rauf und runtergelaufen ohne zu werfen.“

Andreas Thiel und seine Sprüche. Verbürgt ist der über die drei „vollkommen unnötigen Sportarten: Formel 1, Dressurreiten und Frauen-Handball.“ Was ihn nicht gehindert hat, Abteilungsleiter und Trainer bei den Leverkusener Handballerinnen und Präsident der HBF, der Handball-Bundesliga der Frauen, zu werden. Nicht allzu oft, aber mitunter seine Meinung zu ändern – auch das macht einen „Typ“ aus.