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Herbert Missalla wird am 5. Juni 85 Jahre alt

Leichtathletik : Einen, der anpackt, lässt der Sport nicht mehr los

Herbert Missalla, drei Jahrzehnte Hauptgeschäftsführer des TSV Bayer Dormagen und profilierter Leichtathletik-Trainer, wird am Freitag 85 Jahre alt.

Es gibt ein berühmtes Foto von Herbert Missalla, wie er während eines Leichtathletik-Sportfestes die Kunststoffbahn am Höhenberg mittels einer Walze von Wassermassen befreit, die ein sommerlicher Landregen (so etwas gab es damals noch) herniederprasseln ließ. Dieses Bild sagt eigentlich alles aus über den Mann, der am heutigen Freitag vor 85 Jahren im niederländischen Kerkrade geboren wurde und in Niederbardenberg bei Aachen aufwuchs.

Denn eigentlich war Herbert Missalla bei diesem Sportfest mit nationaler Top-Besetzung – Annegret Richter und Karl Fleschen gaben sich die Ehre – das, was man heute „Meeting-Direktor“ nennt. Und Platzwart am Höhenberg war er damals auch nicht. Sondern der „Chef“, der Mann, der in drei Jahrzehnten als Hauptgeschäftsführer (von 1965 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1995) den TSV Bayer Dormagen zu einer der ersten Adressen im deutschen Sport machte.

Feiert am heutigen Freitag 85. Geburtstag: Herbert Missalla. Foto: TSV

Dass der Verein, der unter seiner Regie von 1500 auf 5500 Mitglieder wuchs, längst nicht mehr diese Rolle spielt, tut Herbert Missalla in der Seele weh. Denn der Sport, der das Leben des gelernten Textilkaufmanns prägte, hat ihn bis heute nicht los gelassen. Um Sport zu studieren, gab er eine leitende Stelle in einer Aachener Tuchfabrik auf. Stattdessen wurde er einer der profiliertesten Trainer im Deutschen Leichtathletik-Verband, für dessen Sprint-Juniorinnen er zehn Jahre als Bundestrainer verantwortlich war – und eben Hauptgeschäftsführer des TSV Bayer Dormagen, zu dem er 1965 als Sportlehrer für den Lehrlingssport kam. Über den Rhein geschickt hatte ihn der legendäre Bert Sumser, sein Trainer beim SV Bayer 04 Leverkusen, in dessen Trikot Herbert Missalla seine Erfolge als Mittelstreckler feierte: 1957, 58 und 62 wurde er DM-Dritter, 1966 Dritter der Hallen-Europameisterschaften, jeweils über 800 Meter.

Sein größter Erfolg war der sechste Platz bei den Europameisterschaften 1958 in Stockholm ebenfalls über seine Lieblingsstrecke, die zwei Stadionrunden. Seine 1:48,5 Minuten bedeuteten am Ende des Jahres Platz neun in der Weltbestenliste. Nur am Rande: Mit seiner 800-Meter-Bestzeit von 1:47,0 Minuten wäre Missalla im vergangenen Jahr Dritter der deutschen Bestenliste gewesen. Dass es trotzdem nie zu einem nationalen Titel reichte, hatte zwei Gründe. Die Konkurrenz war groß, denn in Franz-Josef Kemper, Walter Adams, Paul Schmidt und Harald Norpoth stellte die Bundesrepublik damals die besten Mittelstreckler Europas. Und 1964 wurde Herbert Missalla in einer Notoperation eine Niere entfernt, was ihn wohl eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio kostete.

Seine Berufung fand er ohnehin als Trainer. Das theoretische Rüstzeug hatte er im Sportstudium, aber auch von seinem Lehrmeister Bert Sumser gelernt. Die praktische Umsetzung geschah auf Missalla-Art: Bestimmt, im Umgangston mitunter ein wenig ruppig (was ihm in der heutigen Sportler-Generation sicherlich Debatten in den sozialen Netzwerken bescheren würde), aber stets mit dem Herzen dabei, stets ein Kümmerer, wenn es um die Belange seiner Schützlinge ging. Und eine natürliche Autorität, die niemand in Frage stellte.

Wie gut seine Trainingsmethodik und -didaktik waren, zeigt sich daran, dass er Elke Barth zu den Olympischen Spielen 1976 und mit ihr die Dormagener Sprinterinnen in die nationale Spitze führte, dass er später den Höhenberg zu einer Hochburg der „Langtreter“ um Martin Grüning und Co. machte (so nannte er alle, die jenseits seiner Lieblingsstrecke von 800 Metern unterwegs waren). Aber auch darin, dass es ihm gelang, aus einem vollkommen talentfreien 19-Jährigen (dem Autor) binnen eines Dreivierteljahres einen Teilnehmer an den Deutschen Juniorenmeisterschaften über 10.000 Meter zu machen.

„Nebenbei“ baute er den TSV Bayer Dormagen auf und verwandelte einen im Winter meist unbespielbaren Fußballplatz und ein paar Umkleiden in eine der immer noch schönsten Sportanlagen am linken Niederrhein. Sicher hatte Herbert Missalla das Glück, in einer Zeit zu wirken, als die Bayer-Gelder üppig flossen. Doch es war seine geschickte Art, mit diesem Geld (sparsam) umzugehen, die das alles erst möglich machte. Eingangs erwähntes Bild besitzt dabei Symbolcharakter: Herbert Missalla packte überall selbst an, wo es anzupacken galt – und sei es beim Trocknen einer pfützenübersäten Kunststoffbahn.

Der Sport hat ihn bis heute nicht losgelassen. Über den Sport hat er sein privates Glück gefunden – Ehefrau Gerda (Bollwerk) war eine seiner Sprinterinnen. Mit ihr – Sohn Lars komplettiert die Familie – lebt er bis heute in Zons. Der Sport hält ihn trotz aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen so fit, wie ein 85-Jähriger nur sein kann. Sein Rennrad, mit dem er zusammengerechnet mehrmals die Erde umrundet hat, hat er zwar an seinen Sohn weitergegeben. Stattdessen hat sich Herbert Missalla ein neues Mountainbike bestellt. Wünschen wir ihm, dass er es noch oft und lange benutzen kann.