Handball-Bundesliga-Schiedsrichter kommen aus Kaarst

Handball : „Schiedsrichter ist das geilste Hobby der Welt“

Marc Fasthoff, Christian und Fabian vom Dorff pfeifen in der Handball-Bundesliga – groß geworden sind sie bei der HG Kaarst-Büttgen.

In die Wiege gelegt wurde ihnen der Aufstieg nicht. „Wer mit dem Pfeifen anfängt, hat nicht die Bundesliga im Kopf – der will erst mal seinem Verein helfen,“ sagt Marc Fasthoff. Im Fall des 45-Jährigen hieß der HG Kaarst/Büttgen. Aus der stammen auch Christian und Fabian vom Dorff.

Drei Unparteiische unter den besten 22 Gespannen des Deutschen Handball-Bundes, die aus einem Verein kommen, das ist durchaus ungewöhnlich. „Ich glaube nicht, dass es das noch einmal gibt,“ sagt Fasthoff, von den Trainern und Managern der Handball-Bundesliga kürzlich gemeinsam mit seinem aus Wuppertal stammenden Partner Peter Behrens zum „Schiedsrichter der Saison 2017/18“ gekürt. Alle drei haben bei der HG Kaarst/Büttgen selbst Handball gespielt, Marc Fasthoff war dort Trainer der A-Jugend und der Männer, ehe er sich ganz auf den Job an der Pfeife konzentrierte.

Christian vom Dorff (37) hat in der A-Jugend unter Marc Fasthoff trainiert, dann gemeinsam mit ihm seine Schiedsrichterprüfung abgelegt. Das war 1999, Christian vom Dorff war gerade achtzehn geworden. Zwei Jahre später, im zarten Alter von sechzehn, folgte Fabian vom Dorff (33) dem Vorbild seines Bruders. Dass beide heute zum „Elite-Anschlusskader“ des DHB gehören, Fasthoff zum Elitekader, haben sie zwei Dingen zu verdanken: Fleiß und Fingerspitzengefühl. „Wir haben uns Liga für Liga nach oben gearbeitet,“ sagt Christian vom Dorff. Denn wie für die Vereine, deren Spiele sie leiten, gibt es auch für die Unparteiischen Punkte, Tabellen, Auf- und Abstiege.

Deshalb, sagt Marc Fasthoff, „bemüht sich jeder Schiedsrichter, ein Spiel so gut zu leiten wie möglich.“ Täte er das nicht, gäbe es schließlich negative Bewertungen, von den Schiedsrichter-Beobachtern und von den Vereinen. Und negative Bewertungen ergeben weniger Punkte, und weniger Punkte führen zur Rückversetzung in den nächstniedrigeren Kader. Deshalb, sagt Fasthoff, sei es Unsinn, Schiedsrichtern zu unterstellen, sie würden Vereine bevorzugen oder benachteiligen: „Das wirkt sich doch negativ auf die Benotungen aus.“ Und in die fließen immerhin zu 20 Prozent die Bewertungen der Vereine ein.

Natürlich, da ist sich das Trio einig, machen Schiedsrichter Fehler. Natürlich, sagt Fabian vom Dorff, „haben wir alle mal einen schlechten Tag.“ Wichtig sei, dass man sechzig Minuten lang „bei seiner Linie bleibe,“ findet Marc Fasthoff: „Ich muss das gleiche Foul in der ersten Minute genauso ahnden wie in der fünfzigsten.“ Und nicht nur das: „Am wichtigsten ist, dass ich meine Nicht-Entscheidungen gleichmäßig auf beide Mannschaften verteile,“ sagt Fabian vom Dorff. Will heißen: Wer bei einer „halb-legalen“ Abwehraktion von Team A ein Auge zudrückt, muss das auch bei Team B tun.

Dass das nicht immer gelingt, wissen sie. Selbstkritik gehört zum Handwerkszeug dazu. „Meist weißt du schon direkt nach einem Pfiff, wenn du falsch gelegen hast,“ sagt Christian vom Dorff. Spätestens wissen sie es, wenn sie sich das von ihnen geleitete Spiel daheim auf Video anschauen. Das ist Pflicht, genauso wie das Videostudium beider Mannschaften vor dem Anpfiff. „Der Handball ist so gläsern geworden, da kannst du nicht unvorbereitet in ein Spiel gehen,“ sagt Marc Fasthoff.

Vorbereitet muss ein Schiedsrichter sein, körperlich fit („bei uns steht drei bis vier mal pro Woche Training auf dem Plan“, sagt Christian vom Dorff) ebenso. Dass er die Regeln kennt, versteht sich von selbst. Doch das reicht nicht: „Du musst auch ein gewisses Spielverständnis haben,“ sagt Marc Fasthoff. Deshalb hätten fast alle höherklassigen Unparteiischen selbst Handball gespielt, „die anderen pfeifen in unteren Ligen oder werden Regelexperten.“ Das wichtigste aber: „Du musst kommunizieren können, vor, während und nach einem Spiel,“ sagt der „Schiedsrichter der Saison 2017/18“. Die Zeiten, in denen Unparteiische wie Unantastbare durch die Handballhallen liefen, seien vorbei: „Je mehr und besser du kommunizierst, desto mehr trägt das zur Deeskalation bei,“ sagt Fasthoff. Übersetzt heißt das: Sprich im Vorhinein mit einem Spieler, dann brauchst du vielleicht gar keine Zeitstrafe verhängen.

Um dieses Instrument, sagt das Trio, würden sie von ihren Fußball-Kollegen beneidet: „Die können doch nur Gelb zeigen und dann direkt die Todesstrafe verhängen,“ sagt Fasthoff. Tauschen möchte mit denen keiner von ihnen: „Die stehen doch viel mehr unter Druck,“ sagt Christian vom Dorff, „wenn dich 50.000 ausbuhen, geht dir das bestimmt näher als bei 5.000,“ findet Marc Fasthoff. Natürlich gäbe es auch im Handball Druck, „die Fans sitzen ja viel näher am Spielfeld dran“, aber den versuchen gute Schiedsrichter auszublenden. „Nach dem Anpfiff begibst du dich in einen Tunnel,“ sagt Fabian vom Dorff, „oft wissen wir noch nicht mal, wie es gerade steht oder wie ein Spiel ausgegangen ist,“ ergänzt sein Bruder.

International pfeifen oder gar Profi-Schiedsrichter werden möchte keiner der drei. „Wir haben ja alle einen Beruf,“ sagt Marc Fasthoff. Er ist Außendienstler in einem Sanitätshandel, Fabian vom Dorff betreibt sein eigenes Sanitätsgeschäft („eigentlich sind wir Konkurrenten“), sein Bruder ist Elektro-Installateur. Warum sie sich den Stress an der Pfeife und den auf Autobahn oder im Zug trotzdem antun, bringt Fabian vom Dorff auf den Punkt: „Handball-Schiedsrichter ist das geilste Hobby der Welt.“ Da will ihm keiner der anderen widersprechen.

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