Sportgeschichten (96): Golf ist schön, wenn der Schmerz nachlässt

Sportgeschichten (96): Golf ist schön, wenn der Schmerz nachlässt

Die englische Profi-Golferin Anna Scott lebt seit einem Jahr in Dormagen. Wegen chronischer Hüftbeschwerden wollte die 31-Jährige ihre Karriere beenden - doch nach Operation und intensiver Behandlung ist sie wieder fit für die "Ladies Tour".

Die "Sportstadt" Dormagen ist um eine Attraktion reicher: Seit einem Jahr hat Anna Scott dort ihre Zelte aufgeschlagen. Die Geschichte, warum es die Profi-Golferin mit britischem Pass aus dem Münsterland ins Rheinische verschlug, ist freilich eher ein traurige.

Wenn auch eine mit Happy-end. Fast vier Jahre lang hat sich die 31-Jährige bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, die gleichzeitig ihr Beruf ist, mit gesundheitlichen Problemen herumgeschlagen. Die Schmerzen im linken Hüftgelenk wurden immer schlimmer. "Und wenn du Rechtshänder bist, ist die linke Hüfte beim Golfen verdammt wichtig", sagt Anna Scott in fast akzentfreiem Deutsch. Das spricht die in Consett im County Durham im englischen Nordwesten Geborene, weil ihr Freund Deutscher ist - und sie deshalb in Deutschland lebt.

Im MedSport Institut in der Hummelbachaue wird auch mit größeren als Golfbällen gearbeitet, wenn es der Therapie und der Prophylaxe dient. Foto: -woi

Als die Schmerzen zunahmen, sah sie das Ende ihrer Karriere heraufdämmern. "Aber ich wollte weiter etwas mit Golf zu tun haben", sagt Anna Scott. Also begann sie eine Ausbildung zur Golflehrerin - in Köln, und zog deshalb nach Dormagen. Die Ausbildung hat sie inzwischen abgebrochen, was wiederum viel mit Leon Swinkels zu tun hat. Der Niederländer ist Physiotherapeut beim medicoreha MedSport Institut. Das liegt auf dem Gelände des Golfclubs Hummelbachaue und hat nach einer Wasserschaden-bedingten Zwangspause kurz nach der Eröffnung seit 2. April wieder den Betrieb aufgenommen. Swinkels ist einer von fünf Physiotherapeuten, die sich dort nicht nur, aber vor allem um das körperliche Wohlergehen von Golfspielern kümmern.

Anna Scott ist eine davon. "Seit meiner Hüftoperation im September vergangenen Jahres arbeiten wir zusammen", erzählt Anna Scott. Mit Erfolg. Denn inzwischen kann sie ohne Schmerzen trainieren und vor allem spielen. Das tat sie vor zwei Wochen erstmals seit langem wieder erfolgreich: Bei der Qualifikation zur Chinese Ladies Professional Golf Association (LPGA) Tour in Shanghai belegte sie Platz elf und sicherte sich so ein Ticket für die komplette Turnierserie in China. Damit, hofft die Wahl-Dormagenerin, kann sie sich auch wieder einen Platz für die European Tour ergattern - und ihrem Traum, die LPGA Tour in den USA zu spielen, ein Stück näher zu kommen.

Doch dafür braucht sie Geduld. "Und das ist nicht unbedingt meine Stärke", sagt die 188 Zentimeter lange Blondine lachend. Als sie die ersten zwei Wochen nach der Operation nur liegend zuhause verbringen durfte, sei sie beinahe verrückt geworden. Weitere sechs Wochen durfte sie die Hüfte nicht belasten: "Ich bin dann zum Aldi gegangen, nur um etwas zu tun zu haben." Dann trat Leon Swinkels in ihr Leben. Der arbeitet seither zwei Mal wöchentlich anderthalb Stunden mit ihr zusammen in den Räumen des MedSport Instituts und hat ihr einen umfangreichen Aufgabenkatalog für die "Heimarbeit" mit auf den Weg gegeben.

"Ich bin aber nicht ihr Golf-Trainer", betont Swinkels. Trotzdem geht es bei seinen Übungen viel um die spezifischen Bewegungsabläufe dieser Sportart. "Wenn Leon nicht so viel Ahnung vom Golfen hätte, wäre unsere Zusammenarbeit nicht so erfolgreich", sagt Anna Scott. Das war nicht immer so: "Früher habe ich gedacht, Golfspieler sind alles komische Leute", gesteht Swinkels. Dann hatte er vor 19 Jahren einen Golflehrer als Patienten. Der brachte ihm näher, was Anna Scott nur unterschreiben kann: Dass Golf eine athletische Sportart ist - wenn man sie richtig spielt. Und dazu, sagt Swinkels, gehören eben die richtigen Bewegungsabläufe und die nötige körperliche Fitness. "Viele Golfspieler würden besser darin investieren als in noch ein teures und schickes Ausrüstungsteil oder den x-ten Schläger", sagt Swinkels - und Anna Scott nickt zustimmend.

Obwohl Leon Swinkels nach seiner Selbsteinschätzung "leidlich" Golf spielt und wie seine Kollegen beim MedSport Institut die Platzberechtigung für die Hummelbachaue besitzt, ist es bislang noch nicht zum Duell zwischen Physiotherapeut und Patientin gekommen. "Er drückt sich", sagt Anna Scott lachend. Überhaupt lacht die sympathische Engländerin gerne, was ihr leichter fällt, seit sie wieder schmerzfrei ihrem Lieblingsberuf nachgehen kann. Über ihre Erfahrungen berichtet sie übrigens in einem Blog auf www.medgolf.de, humorvoll und gut geschrieben. Kein Wunder - vor ihrer Profikarriere hat Anna Scott Journalismus studiert.

(NGZ)