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Jüchen: Geschichten aus 110 Jahre alten Briefen

Jüchen : Geschichten aus 110 Jahre alten Briefen

Bilke Epperlein möchte am Montagabend im Rathaus Geschichten aus über 110 Jahre alten Briefen aufleben lassen. Sie erzählen von der Hauslehrerin Helene Stobbe, die in Jüchen die Kinder der Fabrikantenfamilie Busch unterrichtet hat.

Die Briefe aus den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts sollen nicht in Vergessenheit geraten, denn sie erzählen eine ganze Reihe von Geschichten aus Jüchen in einer bisher kaum gekannten Liebe zum Detail. Die Verfasserin, die junge Hauslehrerin Helene Stobbe aus Danzig, die in Jüchen in einem Haus auf der Kölner Straße die zehn Kinder der Fabrikantenfamilie Busch unterrichtet hatte, hat es sich vor über 110 Jahren zur Aufgabe gemacht, ihre Eindrücke und Erlebnisse, aber vor allem die Menschen in ihrer Umgebung genau zu beschreiben. Ein Erbe aus Zeiten ihrer Urgroßeltern, das Bilke Epperlein der Öffentlichkeit nicht vorenthalten will. Deshalb wird sie am Montag im Rathaus einige Passagen aus den Briefen vorstellen.

Das Mitglied des Fördervereins des Gemeindearchivs möchte die Möglichkeit nutzen, um allen Interessierten in der Lesung Impressionen aus den Jahren 1900 bis 1903 zu vermitteln. "Über 50 Briefe sind in dieser Zeit zusammengekommen, die Helene Stobbe in ihre Heimat nach Danzig geschickt hat", sagt Epperlein. Dort habe man die Briefe so lange verwahrt, bis die Hauslehrerin sie im Jahre 1943 mit einer Schreibmaschine mühevoll zu fünf Buchbänden abtippte, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Eines dieser Bücher ist seit den 1970er Jahren in Besitz der Mönchengladbacherin, die selbst in dem Haus auf der Kölner Straße 30 in Jüchen aufgewachsen ist und beim Lesen der Zeitdokumente wieder Bilder aus längst vergangenen Zeiten vor Augen hat. "Es ist teilweise erstaunlich, wie detailliert Helene Stobbe einige Unterrichts-, Fest- und Lebenssituationen in Jüchen beschreibt. Eine ihrer Lieblingspassagen aus einem Brief, der zu Nikolaustag 1901 über ihre damals fünf Jahre alte Großtante Friedchen verfasst wurde: "Friedchen war schon den ganzen Tag in furchtbarer Angst gewesen. Als sie nämlich etwas Unartiges getan hatte, wurde ihr gesagt: ,Nimm dich in Acht, dass dich der Niklas nicht in den Sack steckt.' — ,Da muss ich aber weinen', schrie Friedchen traurig. Und es folgte ein nicht zu stillender Tränenstrom. Nachher machte sie schon ihr Testament und fragte, wer bekommt denn meinen Schrank, wenn mich der Niklas mitnimmt?", heißt es in einer Textstelle über das hohe Maß an Respekt, das die Kleinkinder damals dem Nikolaus entgegenbrachten. "Das war eine Erziehungsmethode", erinnert sich die 64-Jährige, die sich beim Lesen in Zeiten wie diese hineinversetzt und immer wieder gerne mitreißen lässt.

Denn in den Briefen kommen auch immer wieder Personen vor, die sie noch persönlich kennenlernte: "Von meinem Großvater Reinhard Busch, der den Spinne- und Webereibetrieb bis in die 1960er Jahre leitete, ist auch oft die Rede", sagt die pensionierte Lehrerin. Er habe damals Lateinunterricht von der Hauslehrerin bekommen, weil es zu dieser Zeit in Jüchen noch keine weiterführenden Schulen gab.

(NGZ/ac)