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Geduld in der 2. Handball-Bundesliga mit Dormagen wichtig

2. Handball-Bundesliga mit Dormagen : Geduld heißt die neue Handball-Tugend

Dreikampf um den Aufstieg, Fünfkampf gegen den Abstieg, dazwischen ein enges Mittelfeld – so nimmt nach der WM-Pause die Zweite Handball-Bundesliga wieder den Spielbetrieb auf. Der TSV Dormagen steht an der Spitze des dichten Mittelfeldes.

„Die Tabelle lügt nicht.“ Gesagt hat das zwar ein Fußball-Präsident (Franz Böhmert vom SV Werder Bremen), doch im Normalfall gilt diese immerwährende Weisheit für alle Sportarten, in denen Punkte vergeben werden. Doch was ist, auch im Sport, in diesen Tagen schon normal?

Zumindest ist es in der Corona-Saison 2020/21 schwieriger geworden, im laufenden Betrieb eine Tabelle zu analysieren. Zum Beispiel die der Zweiten Handball-Bundesliga. Fünf Klubs – Dessau-Roßlauer HV, HSV Hamburg, ThSV Eisenach, TV Großwallstadt und nach zwei verlorenen Nachholspielen innerhalb von vier Tagen auch der TuS Fürstenfeldbruck – haben bis zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach der WM-Pause 15 Begegnungen absolviert, eine weniger, als sie laut Spielplan zu diesem Zeitpunkt hätten bestreiten sollen. Alle anderen hinken diesem Plan hinterher, am schlimmsten der EHV Aue, der erst aus elf Partien genau 11:11 Punkte auf seinem Konto hat.

Was das bedeutet, ist klar: Eine Terminhatz sondergleichen, bis die Saison am 26. Juni endet – eine Situation, die sich durch weitere Corona-bedingte Absagen noch verschärfen könnte. 27 Begegnungen konnten seit Saisonbeginn nicht am ursprünglich vorgesehenen Termin ausgetragen werden, 14 davon stehen als Nachholspiele noch aus. Für den TSV Bayer Dormagen, der bislang 13 Mal auflief, heißt das: Beginnend mit dem Gastspiel am Sonntag (7. Februar, 17 Uhr) bei der DJK Rimpar stehen ihm bis zum Saisonende 23 Spiele (elf Heim-, zwölf Auswärtsspiele) in nur 140 Tagen bevor, statistisch gesehen bedeutet das jeden sechsten Tag eine Partie.

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Da wird viel von der physischen Verfassung einer Mannschaft – und von der Breite des Kaders und den entsprechenden Wechselmöglichkeiten abhängen. Zumindest, was erstere betrifft, muss den Dormagenern nicht bange sein: Aus den sechs Begegnungen, die sie in den 20 Tagen zwischen 11. und 30. Dezember austragen mussten, holten sie stolze 9:3 Punkte. Hätten sie sich zuvor nicht unnötige Patzer ausgerechnet gegen die Aufsteiger aus Dessau, Großwallstadt und Fürstenfeldbruck (1:5 Punkte) geleistet, würden die Bayer-Handballer zum Kreis der Aufstiegsanwärter zählen.

Das käme, bei allem Respekt vor der Arbeit von Trainer Dusko Bilanovic und seinem Team, vielleicht ein bisschen zu früh. Genauer gesagt: um eine Saison. Denn wenn es so etwas wie Kontinuität in der Liga gibt, wären die Dormagener in der Spielzeit 2021/22 „an der Reihe“. Eine Reihe, die mit dem Aufstieg der HSG Nordhorn-Lingen vor zwei Jahren ihren Anfang nahm und mit dem von TuSEM Essen fortgesetzt wurde. Jetzt scheint der HSV Hamburg, der aufgrund der meisten Pluspunkte als Tabellenführer aus der WM-Pause kommt, in diese Fußstapfen zu treten. Allesamt Klubs, die wie der TSV Bayer schon bessere Handball-Zeiten bis hin zu Europapokalsiegen erlebt – und aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben, indem sie in der Zweiten Liga keinen Durchmarsch, sondern einen geduldigen Neuaufbau mit vielen selbst ausgebildeten Kräften anstreb(t)en. Essen, das gerade den Vertrag mit dem vom TV Korschenbroich auf die Margarethenhöhe gewechselten Spielmacher Justin Müller um zwei Jahre verlängerte, wird denn auch von Bayer-Geschäftsführer Björn Barthel ausdrücklich als Vorbild für die eigene Entwicklung genannt.

Der Aufstiegskampf Auf ähnlichem Wege haben sich die Hamburger, die 2018 gemeinsam mit dem TSV Bayer in die Zweite Liga zurückkehrten, zu einem Spitzenteam gemausert. Nur zwei Niederlagen (25:26 in Gummersbach, 28:31 beim VfL Lübeck-Schwartau) aus 15 Spielen zeigen, dass die Tabellenführung für die Schützlinge von Ex-Weltmeister Torsten Jansen kein Zufallsprodukt ist. Zwischen ihnen und dem VfL Gummersbach scheint es eigentlich nur noch um die Reihenfolge auf den ersten beiden, zum Aufstieg in die Bundesliga berechtigenden Plätze zu gehen.

Wobei die Favoritenrolle eindeutig beim Altmeister aus dem Oberbergischen liegt. Die Gummersbacher sind – nicht unerwartet – noch einen Tick souveräner durch das erste Saisondrittel marschiert, haben nur Punkte am dritten Spieltag in Hamm (25:27) und am vorerst letzten in Dormagen (24:24) gelassen. Doch während ein Aufstieg für den HSVH ein „Kann“ ist, dürfte er für den VfL ein „Muss“ sein, denn ein drittes Jahr in der Zweiten Liga dürfte der einstige Rekordmeister, der sich selbst nicht ganz zu Unrecht als „Heimat des Handballs“ bezeichnet, nur schwerlich überleben.

Der einzige, der wohl noch in dieses Duell eingreifen kann, ist auf Rang drei der TuS N-Lübbecke mit vier bzw. fünf Minuspunkten Rückstand. Allerdings haben die Ostwestfalen, auch sie ein Klub mit großer Handball-Vergangenheit, zwei ihrer bisher drei Saisonniederlagen in den direkten Vergleichen mit dem Spitzenduo (24:28 gegen Hamburg, 24:27 in Gummersbach) kassiert.

Das Mittelfeld Da ist die Bilanz der Dormagener gegen die Spitzenklubs (Niederlage in Hamburg, Unentschieden gegen Gummersbach und Lübbecke) ein bisschen besser. Ihre Achillesferse sind die vermeintlich „leichten“ Spiele, in denen sie von der Papierform her als Favorit gelten. Die haben ihnen nämlich die anderen fünf ihrer insgesamt neun Minuspunkte beschert, weshalb ihnen wohl „nur“ die Rolle als Spitzenreiter des breiten Mittelfeldes bleibt. Die wird allerdings schwer zu verteidigen sein, selbst bis zum Ende der Hinrunde. Denn mit den Partien in Rimpar, Dresden und Aue sowie den Heimspielen gegen Eisenach und Ferndorf warten nur Aufgaben auf die Bayer-Handballer, in die sie nicht als Außenseiter gehen, die aber gleichwohl nicht allein mit spielerischen Mitteln zu lösen sein werden – das gilt gleich für den Auftakt am Sonntag beim „Angstgegner“ Rimpar, gegen den der TSV bis auf eine Ausnahme noch nie gut ausgesehen hat. Das Mittelfeld ist selbst in einer „schiefen“ Tabelle so, wie es in der stärksten Zweiten Liga der Welt zu erwarten ist: eng. Dormagen (17:9) auf Rang vier trennen (bei zwei Spielen weniger) nur sechs Pluspunkte vom TV Großwallstadt (11:19) auf Platz 14.

Die Abstiegszone Wobei der Übergang zur Zone der abstiegsgefährdeten Mannschaften fließend ist. Drei müssen am Ende der Saison in die 3. Liga – die Wahrscheinlichkeit, dass es das Trio erwischt, das aktuell auf diesen Plätzen steht (17. HSG Konstanz, 18. TuS Fürstenfeldbruck, 19. TV Emsdetten), ist so gering nicht. Auch wenn das Schlusslicht mit einem neuen Trainer – der Niederländer Peter Portengen kam für Aaron Ziercke – signalisiert hat, dass es nicht kampflos den Weg in die Dritte Liga antreten wird.

Der TuS Ferndorf, eigentlich immer für einen Platz im gehobenen Mittelfeld gut, und der Wilhelmshavener HV sind die großen Unbekannten. Das um so mehr, als dem WHV aufgrund der Insolvenz seines ursprünglichen wirtschaftlichen Trägers am Saisonende vier seiner bislang zehn Pluspunkte abgezogen werden. Der frühere Erstligist ist das jüngste Beispiel – das vorherige trug den Namen HC Rhein-Vikings – dafür, dass Mäzenaten-getriebene Durchmärsche nicht mehr zu funktionieren scheinen im modernen Handball-Geschäft. Geduld heißt die neue Tugend, die sich vielleicht auch irgendwann am Höhenberg auszahlen wird.