Galopprennbahnen klagen über sinkende Wetteinnahmen

Galopp: Die darbende Turf-Szene wartet auf Hilfe

Analyse Im Vergleich zum Jahr 2000 haben die deutschen Galopprennbahnen rund 100 Millionen Euro Wettumsatz eingebüßt. In Neuss ist die Lage kaum besser, auch wenn die letzten drei Renntage mit dem erweiterten Gastronomieangebot ein leichtes Plus gegenüber 2017 bescherten.

Auf den 31 deutschen Galopprennbahnen wurde in den 1172 Rennen an 154 Renntagen der Saison 2018 insgesamt ein Wettumsatz von 25,6 Millionen Euro erzielt. Davon entfielen auf die Einsätze direkt auf den Bahnen 13,9 Millionen Euro, über die Vertriebswege von außerhalb kamen 11,4 Millionen Euro zusammen. Damit gab es bei den Außenwetten im Vorjahresvergleich eine leichte Steigerung, der Bahnumsatz ging bundesweit um rund 600.000 Euro zurück.

In Neuss fanden 2018 neun Renntage mit 70 Rennen statt. Der Wettumsatz betrug insgesamt 614.226 Euro, immerhin 18,9 Prozent mehr als in 2017. Die Steigerung resultiert aus den drei letzten Renntagen mit dem publikumswirksamen Streetfood-Markt. Am 29. Dezember wurde mit 106.047 Euro sogar ein sechsstelliger Betrag geschafft.

Diese vom Dachverband in Köln vorgelegten Zahlen beinhalten nur die Wetteinsätze über die Vereins-und Verbandskanäle. Sämtliche Umsätze über die auf eigene Rechnung tätigen Buchmacher und die zahlreichen Internet-Plattformen mit dem Firmensitz in Steueroasen wie Malta oder Gibraltar sind darin nicht enthalten.

Während der Vergleich mit der Saison 2017 moderat ausfällt, wird das Problem des deutschen Galopprennsports erst deutlich, wenn Vergleiche zu früheren Jahren gezogen werden. Im Jahre 2000 betrug der bundesweite Umsatz 125,0 Millionen Euro, 1995 sogar 142,9 Millionen Euro. Im Vergleich zum vergangenen Jahr haben die Rennvereine damit seit der Saison 2000 rund 100 Millionen Euro an Wettumsatz eingebüßt. Die Ursache ist vor allem in den Abflüssen der Einsätze in die Internet-Kanäle zu suchen. Das Problem beschäftigt die Galoppszene seit Jahren. Um eine für die Vereine bessere Situation zu schaffen, wurde im März 2018 mit dem langjährigen DOSB-Chef Michael Vesper ein politischer Netzwerker als Präsident engagiert, der einen besseren Zugang zu den Entscheidern der komplizierten Materie auf der Ebene der Landes- und Bundespolitik erreichen soll.

Vesper führte mittlerweile viele Gespräche, vor allem in Berlin, und äußerte sich zum Thema der Rennwettsteuer-Rückvergütung in einem Interview mit dem Fachblatt Sport-Welt: „Das ist ein mühsames Geschäft. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Nun muss sich nur noch einer bereit erklären, ihn ins Tor zu schießen.“ Vesper hat längst bemerkt, wie verfahren sich die politische Lage für seinen neuen Sport darstellt. Es ist ein Gerangel um Zuständigkeiten, zum Elfmeter will seit Jahren niemand antreten.

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Es geht dabei um existenziell dringend notwendige Millionenbeträge aus den Buchmacher-Steuern, die seit Jahren nicht beim eigentlichen Erzeuger des Produktes „Rennen und Wetten“ landen – nämlich beim Dachverband als Tierzuchtorganisation und den Rennvereinen, die formell im Rahmen des Tierzuchtgesetzes sogar die Leistungsprüfungen zur Förderung der Vollblutzucht durchführen.

Zahlreiche der darbenden Rennvereine (mit Ausnahme von Neuss meist in Personalunion von Züchtern und Besitzern geführt) sind froh, weil ihre großen Rennen „großherzig“ von Internet-Portalen gesponsert werden. Geldgeber für große Rennen sind nur schwer zu finden. So läuft der Preis von Europa in Köln seit Jahren ohne einen Titelpartner. Oder es helfen lokale und den Vereinen verbundene Unternehmer: In Hamburg ist der Kaffee-Unternehmer Albert Darboven (Idee-Kaffee) seit Jahren der Derby-Partner. Bei der Baden Racing-Gesellschaft in Iffezheim gibt es mit Longines für den Großen Preis von Baden noch einen der seltenen internationalen Partner. In Neuss gibt es aufgrund der jahrelang für den Rennverein misslichen Situation mit der Gastronomie dagegen kaum noch Sponsoren.

Beim Vergleich der Saison 2000 und 2018 kommt auch das Neusser Dilemma gnadenlos zum Vorschein: Damals wurde in Neuss ein Wettumsatz von 10,1 Millionen Euro erzielt – jetzt noch 614.226 Euro. In Neuss war es nicht nur das Internet-Problem. Am Hessentor kam der im Grunde rennbahnuntaugliche Neubau des „Hauses am Rennbahnpark“ hinzu. Der Rennverein hat dabei sehendes Auges diesen architektonischen Flop in der Verantwortung der Stadt hingenommen.

Das finanzielle Grundproblem der Vereine sind weniger die vor allem an den großen Renntagen und bei gutem Wetter vorzeigbaren Besucherzahlen. Es ist ein jahrelang von den im „eigenen Saft“ badenden Führungspersonen dieses Sports verkanntes und nur halbherzig bearbeitetes, politisches Strukturproblem. Einer allerdings erklärungsbedürftigen und in vielen Details schwer verständlichen Materie mit den vielen unterschiedlichen Interessen der Züchter, Besitzer, Trainer, Reiter, Rennvereine, Verbände und letztlich den Wettern als Kunden der Veranstalter. Dabei geht es doch vor allem auch darum, welches Pferd als Erstes im Ziel ankommt.

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