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Galopp: Silvester-Renntage zählten einst zu den Höhepunkten in Neuss

Galopp : Schneechaos und Millionenumsätze

Zu den Höhepunkten der Neusser Rennbahngeschichte zählten einige Jahre lang die Galopp-Veranstaltungen am Silvester-Feiertag.

Am Sonntag des 8. Dezember 2019 hat der zumindest vorläufig letzte Renntag auf der Neusser Galopprennbahn stattgefunden. Die Veranstaltung am 22. Dezember 2019 musste abgesagt werden, der 1875 gegründete Neusser Reiter und Rennverein „hatte fertig“ – es läuft das Insolvenz-Verfahren. Neben dem neu gegründeten Rennclub Neuss-Niederrhein soll sich ein zweiter Veranstalter um die Fortführung des Rennbetriebes bewerben. Der Insolvenzverwalter hält den Namen allerdings geheim. Auch der letzte Rennvereins-Präsident Jan Antony Vogel tappt im Dunkeln: „Ich habe keine Ahnung und nicht einmal eine Vermutung,“ äußerte er gegenüber der NGZ. Konkretes Interesse an Rennen in Neuss könnte die Gruppe der selbständigen Buchmacher haben, von denen die Albers & Sieberts GmbH unverändert ein Geschäft im „Haus an der Rennbahn“ betreibt.

Zu den Höhepunkten der Neusser Rennbahngeschichte zählten einige Jahre lang die Veranstaltungen am Silvester-Feiertag. Verbunden damit waren die stimmungsvollen Ehrungen der Champions – und wenn es für den Rennverein gut lief, dann blieben vor allem die Meisterschaften der Jockeys und Trainer noch offen, allein deshalb kamen die Menschen aus ganz Deutschland nach Neuss. Aber es sind nicht nur die sportlichen Aspekte, die den Silvester-Renntag in Richtung Kult-Event rückten. Für viele Menschen in Neuss entwickelte er sich zu einem wunderbarer Ort der Begegnung. Man traf sich im urbanen Rennbahn-Restaurant oder (bevorzugt) auch draußen, tauschte Erinnerungen aus und gewettet wurde ebenfalls. Viele der Herrschaften hatten zudem nur einen Fußweg nach Hause – ohne Alkoholkontrollen. Es erschienen viele Persönlichkeiten anderer Sportarten mit Wilhelm Fuchs vom Stadtsportverband an der Spitze. Aber auch Hermann-Josef Kahlenberg von den Ringern des KSK Konkordia von 1924 und der 2008 verstorbene Tour-de-Nüss-Gründer Friedhelm Hamacher trafen sich mit dem langjährigen NGZ-Sportchef Volker Koch, Sportamtsleiter Friedhelm Thissen und Peter Ritters zum Gedankenaustausch.

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Peter Glasmacher am Mikrofon kannte sie alle und im Sekretariat waren Eva-Maria Amdohr und Erika Krahforst vertraute Gesichter. An einem Silvester-Renntag eilte „Glasi“ als „fliegender Verkäufer“ auf die Hammer Landstraße, so lang bildete sich die Warteschlange an der Kasse.

 Ein Höhepunkt: die Championats-Ehrung Silvester 1996 mit dem damaligen Präsidenten Winfried Engelbrecht-Bresges (2.v.r.), jetzt in Hongkong.
Ein Höhepunkt: die Championats-Ehrung Silvester 1996 mit dem damaligen Präsidenten Winfried Engelbrecht-Bresges (2.v.r.), jetzt in Hongkong. Foto: Klaus Göntzsche

Anekdoten gibt es reichlich, eine weitere ist verbrieft, obwohl sie mit einer Absage des Renntages aus Witterungsgründen zu tun hat. Der damalige Oberbürgermeister Herbert Karrenberg (1913 bis 1982) und Rennvereins-Präsident Ernst Heitzmann (1942 bis 2015) freuten sich auf einen erlebnisreichen Jahresabschluss und reagierten total entsetzt, als der Renntag abgesagt wurde. Weil das Zockergeld unter die Leute musste, fuhr man kurzerhand ins Spielcasino nach Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz, denn in NRW gab es damals noch keine staatlichen Spielbanken.

Galopprennen gibt es in Deutschland seit 1821 auf der Brander Heide in Aachen und seit 1822 in Bad Doberan-Heiligendamm an der Ostsee. Der erste Silvester-Renntag aber fand erst 1950 auf dem Raffelberg in Mülheim an der Ruhr statt. Der Weihnachts-Renntag war ausgefallen und man wich auf den 31. Dezember aus. Finanziell wurde es eine große Pleite, denn bei minus 10 Grad liefen nur 37 Pferde in sieben Rennen.

Nach einigen Jahren in Düsseldorf griff Neuss ab 1977 in das Silvester-Geschehen ein. Schon der 31. Dezember 1978, ein Sonntag, wurde zu einem Extrem-Ereignis der deutschen Rennsportgeschichte: Deutschlands führender Turf-Historiker, der heute in Timmendorfer Strand lebende Harald Siemen (72), erinnert sich: „Starker Schneefall in der Nacht machte viele Transporte unmöglich. Es gab 57 Abmeldungen. In den elf Rennen liefen dann nur noch 69 Pferde. Es gab auch zwei Jagdrennen und ein Hürdenrennen, sie wurden als Flachrennen gelaufen. Die Bahn war tief verschneit, aber praktikabel.“ Drei Rennen mit Offset, Assur und Almsee gewannen die Pferde von Willy Schütz, dem „Zauberer aus Halle.“ Ihn hatte auch der Schnee nicht an der knapp 200 Kilometer langen Anreise aus Westfalen gehindert. Zu den Siegern zählte ebenfalls der am 20. April 2020 im Alter von 99 Jahren verstorbene Hein Bollow, der Mount Cook mit Michael Graf sattelte. Auch Harald Siemen hatte es nach Neuss geschafft – im PKW des Autors dieses Textes über die kaum vom Schnee geräumte A46 aus Wuppertal.

Als einer von drei Rennleitern neben dem einmal sogar im Rennsattel erfolgreichen Wiljo Heyers aus Neuss und Arthur Deschner aus Köln agierte Peter Tasch aus Düsseldorf, jahrzehntelang der prägende Chef der Rennleitung. Ausgefallen sind dann die Silvester-Renntage 1979, 1981, 1985, 1992, 1995, 1997, 2007 und 2008. Silvester 1984 lag zwar kein Schnee, aber die Bahn war fest gefroren. Beim Championatskampf zwischen den Jockeys Peter Alafi und Georg Bocskai stand es Unentschieden. Bocskai fiel vor dem ersten Rennen beim Betreten des Geläufs vom Pferd und brach sich mehrere Rippen. Peter Alafi gewann ein Rennen auf dem 13:10-Favoriten Osterbote und wurde Champion. Kurios: Im Jahre 1989 hat der Rennverein das Geläuf mit einer Plane abgedeckt und so praktikabel gehalten.

Eine große Zeit erlebten die Silvester-Renntage in den 1990er-Jahren um die umsatzträchtige und populäre Telewette. 1994 war die. Bahn brechend voll und in zehn Rennen wurden heute sagenhafte 1.237.000 Mark (rund 632.408 Euro) Wettumsatz erzielt. Knapp über eine Million D-Mark schaffte der Rennverein noch 1998 und 2000.

Solche Zahlen sind heute eine Illusion, sie würden sich vergleichsweise bei kaum 200.000 Euro bewegen. Die Geschichte der Silvester-Renntage in Neuss ging schon im Jahre 2011 zu Ende. Es gab etliche Gründe, nicht mehr am letzten Tag des Jahres zu veranstalten. In der Wendephase liefen zahlreiche Pferde aus der ehemaligen DDR in Neuss. Es ist dann oft genug vorgekommen, dass die Begleiter der Pferde den Jahreswechsel nicht zu Hause, sondern auf einer Autobahn-Raststätte irgendwo in er Nähe der Wartburg in Thüringen verbrachten.