Sport : Was für ein (Sport-) Sommer

Analyse Junge Sportlerinnen und Sportler aus dem Rhein-Kreis Neuss haben in den vergangenen Wochen nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Das (Image-)Problem: Die meisten von ihnen sind in den sogenannten Randsportarten erfolgreich unterwegs.

Auf der anderen Rheinseite nennen sie sich „Sportstadt“. Weil sie ein Event nach dem anderen an sich ziehen, vom Grand Départ der Tour de France bis zum Supercup im Handball. Demnächst dürfen auch noch die Snowboarder ihre Freestyle-Figuren in den Himmel über Düsseldorf schrauben.

Auf der linken Rheinseite sind sie da bescheidener, was zugegebenermaßen auch mit einem Mangel an Event-tauglichen Sportstätten zu tun hat. Trotzdem könnten sie sich dort, die vergangenen Wochen eines brütendheißen Sommers haben es gezeigt, mit Fug und Recht „Sportkreis“ nennen. Denn was Sportlerinnen und Sportler aus dem Rhein-Kreis in diesen Wochen auf nationalem und internationalem Parkett geleistet haben, müsste die „Sportstadt“-Macher eigentlich vor Neid erblassen lassen, wenn sie an Nachhaltigkeit interessiert wären.

Doch der sportliche Rhein-Kreis hat ein Imageproblem: Seine Erfolgsträger sind fast alle in den so genannten „Randsportarten“ unterwegs. Und da zählen, zumindest in der medialen Berichterstattung, Medaillen und selbst Titel bei Europa- und Weltmeisterschaften weniger als wenn Fußballer in der Auftaktrunde straucheln. Noch gut in Erinnerung ist die Geschichte der Dormagener Säbelfechter, die vor drei Jahren nach ihrem Sensationssieg bei den Weltmeisterschaften ins „Aktuelle Sportstudio“ eingeladen wurden – als „Ersatzmänner“, falls einer der illustren Fußball-Gäste dem ZDF eine Absage erteilt hätte.

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Der Hoffnungsschimmer heißt European Games. Die gebündelten Europameisterschaften in Glasgow bringen den Fußball-süchtigen Deutschen plötzlich nahe, wie interessant und spannend Disziplinen wie Bahnradsport und Rudern sein können, welch sympathische Sportler sich dort auf Deutsch gesagt den Hintern aufreißen, ohne von den Früchten ihrer zwölf bis vierzehn Trainingseinheiten pro Woche ein Leben lang leben zu können. Wenn er alles nüchtern zusammenrechne, zahle er am Ende für die Ausübung seines Sports noch drauf, hat Max Hartung kürzlich gesagt – dabei ist der Dormagener zweimaliger Europameister im Säbelfechten und war Weltmeister mit der Mannschaft obendrein. Dass deutsche Athleten in einstigen Paradedisziplinen wie Fechten oder Schwimmen der Konkurrenz inzwischen hinterherlaufen, hat viel mit diesen Bedingungen zu tun. „Wir kämpfen gegen Profis“, sagt Säbel-Bundestrainer Vilmos Szabo, mit Blick auf Koreaner, Italiener, Russen und Ungarn – nicht zufällig jene Nationen, die bei der jüngsten WM im chinesischen Wuxi vor den Deutschen landeten. Er muss dagegen sehen, wie er Trainingspläne und -inhalte mit den Studienplänen seiner Schützlinge abgestimmt bekommt. Daraus entsteht ein Teufelskreis: Je weniger erfolgreich eine Disziplin ist, desto weniger Geld gibt es vom in Deutschland für den Sport zuständigen Innenministerium – und desto weniger Aufmerksamkeit. Dass die Säbelfechter nach ihrem enttäuschenden Abschneiden im Einzelwettbewerb in Wuxi immerhin Platz fünf mit dem Team belegten und damit „einen Schritt nach vorn gemacht haben“ (Szabo), hat in Deutschland so gut wie niemand erfahren.

Der Hoffnungsschimmer heißt European Games. Von Sarah Voss und Alexandra Höffgen hätte außerhalb ihres Heimatkreises niemand Notiz genommen, wenn sie bei „normalen“ Europameisterschaften im Turnen oder Rudern die Plätze vier und sechs belegt hätten. Jetzt durften sie die Aufmerksamkeit genießen. Zumindest für einen Moment – in zweieinhalb Wochen startet die Fußball-Bundesliga.