Fechten : "Enttäuscht über die Reaktionen"

Im Gespräch mit der NGZ zieht Vilmos Szabo, Bundestrainer der deutschen Säbelfechter, ein Fazit unter die Olympischen Spiele von London und erklärt, warum die Ausgangslage für seine Athleten bis zu den Spielen 2016 in Rio de Janeiro nicht einfacher geworden ist

Zwei Monate nach Ende der Olympischen Spiele in London beginnen die Säbelfechter mit den Vorbereitungen auf die neue Saison. Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung sprach mit Bundestrainer Vilmos Szabo (Dormagen) über das Abschneiden bei Olympia und seine Erwartungen für die nähere und fernere Zukunft bis zu den Olympischen Spielen 2016 im brasilianischen Rio de Janeiro.

Foto: Carmelo Imbesi

Herr Szabo, haben Sie die Enttäuschung von London inzwischen verarbeitet?

Vilmos Szabo Enttäuschung ist relativ. Natürlich hatten wir uns alle mindestens eine Medaille gewünscht, insofern war das Abschneiden unserer Fechter schon etwas enttäuschend. Auf der anderen Seite haben wir drei Fechter unter die besten 16 bei Olympischen Spielen gebracht, und das war wesentlich besser, als wir im Vorfeld erwarten durften. Enttäuscht bin ich eigentlich eher über die Reaktionen in der Heimat.

Wieso das?

Szabo Sehen Sie: Dass wir überhaupt drei Fechter in London dabei hatten, war doch schon ein Riesenerfolg. Dass wir in diesem Weltklassefeld drei unter die besten Sechzehn bringen, war noch ein größerer Erfolg. Dazu hat unser Verein (TSV Bayer Dormagen, Anm. d. Red.) eine Silbermedaille im Stabhochsprung und einen sechsten Platz in der Schwimmstaffel geholt. Und was ist passiert? Nichts. Bis heute hat es in Dormagen keinen Empfang gegeben, keine Gratulation, gar nichts. Ich weiß, dass der TSV im Moment mit der Römertherme viel um die Ohren hat, ich weiß, dass die Stadt kein Geld hat — aber ein bisschen Sekt für die Jungs wird doch wohl noch drin sein. Ich finde das enttäuschend, und das macht es nicht einfacher, die Sportler für die kommenden Aufgaben zu motivieren.

Ein gutes Stichwort: Wie steht es mit den Vorbereitungen für die neue Saison?

Szabo Die laufen gerade an. Wir sind damit etwas später dran als sonst, aber das liegt auch daran, dass wir erst jetzt vom Deutschen Fechterbund die Vorgaben bekommen haben. Hinzu kommt, dass wir noch nicht genau wissen, ob alle unsere Fechter weitermachen.

Was bedeutet das?

Szabo Es kann sein, dass ein oder zwei unserer Leistungsträger kürzer treten oder ganz aufhören. Max Hartung zum Beispiel hat einen Studienplatz in Friedrichshafen am Bodensee bekommen, das macht es für ihn sehr schwierig, vernünftig weiter zu trainieren.

Ein herber Verlust.

Szabo Und wie. Max hatte sich gerade als Olympiasiebter als klare Nummer zwei in Deutschland hinter Nicolas Limbach positioniert, es wird lange dauern, dort wieder hinzukommen.

Wie sieht es mit Nicolas Limbach selbst aus?

Szabo Er macht weiter, gar keine Frage, auch wenn er sich in nächster Zeit etwas mehr mit seinem Studium beschäftigen wird. Das heißt, er wird ein wenig kürzer treten und sich auf die ganz wichtigen Wettkämpfe konzentrieren.

Haben Sie inzwischen eine Erklärung, warum er ausgerechnet bei den Olympischen Spielen nicht sein richtiges Leistungsvermögen abrufen konnte?

Szabo Ich habe es schon in London gesagt, und dieser Eindruck hat sich in der Zwischenzeit noch verstärkt: Nico ist nicht an sich oder an seinem Gegner gescheitert, auch wenn der an diesem Tag sehr stark war, sondern an den Entscheidungen des Obmannes. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Ihr Ausblick klang eher pessimistisch. Gibt es auch positive Neuigkeiten?

Szabo Ja. In Maximilian Kindler (3. der Junioren-WM 2011, Zweiter beim Junioren-Weltcupturnier in Dormagen 2011) ist ein starker Fechter aus Eislingen zu uns gekommen. Mit ihm haben wir jetzt sechs junge Fechter, die alle bei der Bundeswehr sind. Das macht die Arbeit viel einfacher, denn dadurch können sie alle auch vormittags trainieren, was bei Schülern und teilweise auch bei Studenten kaum möglich ist. Was den Nachwuchsbereich angeht, sind die Perspektiven also sehr gut. Allerdings wissen wir noch nicht, ob es 2016 in Rio im Säbelfechten nur einen Einzel- oder auch einen Mannschaftswettbewerb geben wird. Ich fürchte, es gibt keinen, und das macht die Sache mit der Motivation für die Jungs hinter Nicolas Limbach nicht einfacher.

Volker Koch führte das Gespräch.

(NGZ/rl)