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Gemeinnützigen Werkstätten: Eine (fast) normale Schreinerei

Gemeinnützigen Werkstätten : Eine (fast) normale Schreinerei

In Korschenbroich unterhalten die Gemeinnützigen Werkstätten eine Dependance. Auf dem Gelände der Sempell AG produzieren rund 20 Mitarbeiter der GWN unter anderem die Wahlplakatständer für den bayrischen Wahlkampf.

Korschenbroich Etwas versteckt im hinteren, rechten Eck des weitläufigen Firmengeländes der Sempell AG in Korschenbroich findet sich Tischlermeister Karl Heinz Biesemann. In seinem Büro stapeln sich die Aufträge, an Magnetwänden sind die dringendsten Arbeiten fein säuberlich sortiert. Tischlermeister Karl Heinz Biesemann ist richtig gut im Geschäft, sein zufriedener Gesichtsausdruck hat aber auch andere Gründe. Karl Heinz Biesemann hat sich vor 26 Jahren als frischgebackener Meister für eine Arbeit mit Behinderten entschieden. Bereut hat er diese Entscheidung nie.

In den Werkhallen hängt ein feiner Holzstaub, es riecht nach Wald, Arbeit und Schweiß. Mit ohrenbetäubendem Lärm schießt Fabian mit einem automatischen Tacker kleine Heftzwecken in eine Palette. Fabian und seine Kollegen eint die derzeitige Chancenlosigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sie sind lernbehindert, haben psychische Erkrankungen, körperliche Behinderungen oder schlichtweg ein eklatantes Alkoholproblem. Dennoch wehrt sich Karl Heinz Biesemann mit Händen und Füßen gegen falsches Mitleid und abschätzige Blicke. "Wir arbeiten hier unter fast normalen Bedingungen", bekräftigt der groß gewachsene Meister.

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Was nicht normal ist, ist die zwischenmenschliche Wärme im Umgang. Jeden Morgen versammelt Biesemann seine Belegschaft zu einer ausführliche Lagebesprechung. Wer Probleme hat, der findet ein offenes Ohr. "Ich kann nicht alles erwarten. Aber ich erwarte viel und ich bekomme viel zurück", weiß Biesemann. Aus seiner Sicht ist es ein glücklicher Umstand, dass sich die kleine Schreinerei nicht mehr im unmittelbaren Dunstkreis der anderen GWN-Betriebsstätten in Neuss, sondern im privatwirtschaftlich geprägten Umfeld der Sempell AG befindet. "Wir unterliegen den strengen Sicherheitsbestimmungen und Verhaltensnormen des Unternehmens. Eine Vielzahl unserer Arbeiten verrichten wir direkt für Sempell. Dadurch ergibt sich eine sehr große Selbständigkeit für meine Mitarbeiter."

Mit der neuen CNC-Oberfräse, einer computergesteuerten Säge-, Bohr- und Fräsevorrichtung, hat sich die GWN-Schreinerei in der Konkurrenz zu anderen Anbietern verbessert. So produziert das Korschenbroicher Team gleichzeitig Sitzmöbel für Kindergärten und garantiert schädlingsfreie Verpackungen für den chinesischen Markt. Biesemann hat eine Vielzahl kleinerer Arbeitsbereiche geschaffen, lässt seine Mitarbeiter häufig rotieren: "Bei einigen ist die Konzentrationsfähigkeit nicht sehr hoch. So schaffen wir neue Impulse."

Einen Abschluss kann die GWN ihren Mitarbeitern nicht bieten, aber einen Anschluss. "In einigen seltenen Fällen helfen die von uns vermittelten Praktika in echte Jobs. Das sind Momente, in denen ich wirklich stolz bin. Zudem stellen wir eigentlich bei allen Mitarbeitern fest, dass ihr Selbstwertgefühl bereits nach kurzer Zeit rapide ansteigt", erzählt der 56-Jährige.

In der zweiten Halle stapeln sich Plakatständer, ein neues Projekt für die Schreinerei. Fast alle Parteien aus Korschenbroich lassen ihre Stellwände von Biesemanns Team produzieren, jetzt hat sogar die CSU in Bayern einen Auftrag erteilt.

(RP)